Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 19 (1.8.1896)
- Date
- 1896-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 19. ״Einen eigenen Stadttheil in Tanger bewohnen die Juden, 1 die 11.000 Köpfe stark hier vertreten sind. Sie sind mit den Mauren von Spanien herüber gekommen und haben ihre Sprache, ihre Sitten, Gebräuche und ihre Kostüme erhalten. Sie kleiden sich gleichsalls Ln Burnus, doch ist derselbe blau und ein schwarzer oder rothbrauner Fez deckt den Kopf. Sie sind Handelsleute von großem Ansehen, doch treiben sie auch Handwerk, und besonders berühmt sind die Erzeugniße der Mischen Silberschmiede, der Siegelstecher. Die Siegel der Sultane von Marocco werden seit zwei Jahrhunderten von den Sprößlingen einer hiesigen Judenfamilie gestochen, unter deren Mitgliedern sich die Kunst vom Urgroßvater auf den Urenkel vererbt hat und die ein ungeschriebenes Privilegium besitzt. Auch sehr hübsche Arbeiten in gehämmerten Metalltassen machen sie und überdies betreiben sehr Viele die Spänglerei. Sie sind zumeist Maroccaner, doch sehr Viele stehen unter englischem, französischem und italienischem Schütz und auch Oesterreich-Ungarn besitzt Schutzbefohlene im Judenviertel. Bei allen Kriegen, welche die Sultane von Marocco geführt haben, wurden vor allem die Juden von Tanger und Fez steuerpflichtig gemacht, und da die Sultane von Marocco stets widechaarige Stämme haben, die sie zu Paaren treiben müssen, so gibt es immer Anlass, die Steuerschraube anzuziehen. Es kommt ja ohnedies das wenigste Geld in die Kassen des Sultans. Eine vielgeschilderte Berühmtheit der Stadt sind die Judenmädchen von Tanger. In Stichen, in Bildern sieht man sie oft, die wirklich reizenden Gestalten der schönen Jüdinnen von Marocco mit den blauschwarzen Haaren, den rosigen Gesichtern und den großen mandelförmigen, treuen, braunen Augen, die lange Wimpern beschatten, und mit dem schlanken- Körper voll Ebenmaß. Aus ihren Zügen liegt etwas wie Melancholie. Die Geschichte des schweren Leidens dieses mehreren Jahren sah ich ihn in heiterer Gesellschaft, man trank ihm zu, man feierte ihn — war er j a ein CH äsen, wie man ihn suchen musste. Alles, Alles war entzückt, seine Stimme, sein Vortrag, seine Launen, seine Gestalt, kurz . . . . und heute schien seine Gestalt hager, seine Wangen eingefallen, sein Blick matt und trübe. Im Fieber blickte er zu mir auf und mit heiserer Stimme sprach er: ״Nur wenige Jahre konnte ich die Gottesgabe voll und ganz genießen; mit allem Jugendungestüm setzte ich an, mit frischer, freier Phantasie und Begeisterung widmete ich mich meinem so heiligen und hehr scheinenden Berufe — und Weniges genügte, dass mir die Menschheit, meine besten Freunde, das Herz brachen, meiner Begeisterung Einhalt geboten, meine Phantasie mir raubten — meinen Geist tödteten. Ich hatte eine große Zukunft v o r mir und nun habe ich eine armselige Vergangenheit hinter mir. Damals dachte ich, meine Glaubensgenossen für Gottes-Wort und Lied zu entstammen, zu begeistern — und kurz darauf warfen sie mich hin, gleich einer ausgepressten Citrone, überließen mich meinem Schicksale, krank, gerochen an Leib und Seele. Mit abgewandtem Blick reichen sie mir das Almosen, lassen mich und meine Mutter, gleich einer verdorrten Blume, in der RumpeKammer des Lebens vergehen! Umsonst habe ich gelebt, selbst dem ärmsten Taglöhner zum Spotte! Ueberwältigt von tiefem Schmerze wandte er seinen Blick dem Lager zu, langsam stand er auf. trat einige Schritte in's Zimmer und blieb beim Bette stchen. Er küsste vorsichtig die runzelige, abgearbeitete Hand, um die Schlummernde nicht zu erwecken, und mit zitternder schmerzdurchbebter Stimme sprach er leise: ״AnDeiner Brust, theure Mutter, wurde ich zum Sänger, o wäre ich niemals von Deinem Herzen gewichen! Du bist das empfindungsvollste Lied! Dein Leben die schönste Melodie — Dein Lob und Preis ist längst gekrönt. Wer könnte Dich besingen, unglücklichen, zerstreuten Volkes kann man aus dem Antlitze der schönen Jüdinnen von Tanger herauslesen. Das Judenviertel hat die engsten Gassen, aber die Häuser sind rein und besonders schön gehalten sind die Höfe, in denen sich das ganze Leben der Familie ab spielt. Hier tummeln sich die Kleinen, hier putzen sich die Großen, hier kocht die Mutter, hier wiegt die Großmutter ihr Enkelchen in den Schlaf, hier wird auch gegessen. Es herrscht die größte Gastfreundschaft bei den Juden in Tanger, die noch genau nach den Worten der Bibel leben, und zu dem Fremden, der einttitt und sich niederlässt, eilt die schöne Haustochter mit einem Metallgefäß voll lauen Wassers, dami er die Füße baden kann. Dann erhält er eine Tasse mit Süßigkeiten und ein ,Glas Wasser. Jeder Fremde, der zum Eintritte eingeladen wird, erfährt diese herzliche und liebevolle Behandlung. Die Männer sind sämmtltche sehr groß, und wenn der Vater heimkommt, küssen die Kinder seinen Burnus und streifen ihn ab. Alles erhebt sich, und erst wenn der Vater sitzt und einen frommen Segensspruch über das Mahl gesprochen, nimmt man Platz und greift zu. Wie bei den Arabern, gehen auch bei den Juden nur die Knaben in die Schule. So eine arabische und eine jüdische Schule sind nicht von einander zu unterscheiden. Die Stuben sind enge, eine Strohmatte deckt den Boden. Der alte Lehrer liegt ausgestteckt, ein jüngerer Gehilfe mit einem Stock in der Hand geht herum. Die Kinder hocken auf dem Boden und haben Täfelchen mit Koran- oder Bibelstellen in der Hand, die sie alle zusammen heruntersingen: dabei bewegen sie immer den Oberkörper hin und her, dass man bei längerem Verweilen schwindlig wird. Das eintönige Nachsingen der Verse tönt uns noch lange nach, wenn wir längst in eine andere Straße eingebogen sind. Dich das Lied in Gestalt? Du hast viel geduldet und gelitten und freutest Dich doch des Lebens — mein Sinn aber spielt bereits mit dem Tode, ich bin ein nicht beendigtes, ein unterbrochenes Lied. Oh' nur ein Lied möchte ich noch singen, und dieses Lied wäre Dir gewidmet, theure Mutter! Das Lied, das Du mir an der Wiege sangst, mein erster und letzter Sang von der unbegrenzten Mutterliebe!" Die Greisin lächelte im Traume, es schien ihr, dass sie mit ihrem Sohne spreche, und er nicke ihr zu. Ihre Lippen lispelten. ״Um mein Begräbnis habe keine Angst — alles ist vorbereitet — im Kasten — im — —" ״O nein, nein, nicht vor mir!" jammerte leise der Mann. ״Wünschest Du mir, ich möge Dich zu Grabe tragen, möchte ich Dir wünschen. Du mögest mich zu Grabe tragen 1? Ich habe ja nur Dich, ach keine Hoffnungen, keine Gelüste mehr. Am besten, wir gehen zusammen, vielleicht müssen wir noch an die Thüren klopfen und betteln" —-- Er sank in die Kniee, sein Haupt senkte sich auf die Brust —--— Gestern führte mich mein Weg am Badhause vorüber. Wie gewöhnlich warf ich durch die matten Scheiben einen neugierigen Blick in die Todtenkammer ,und da lag mein Freund ruhig und still —nicht weit von ihm seine Mutter — sie hatten endlich ihr Ziel erreicht." Nun — — ״Was machen Sie denn hier?" ertönt es hinter mir im tiefen Basston. Ich fahre erschrocken auf, und die Nachtpattouille steht vor mir und bettachtet mich mit zweifelhaften Blicken. Langsam muß ich meinen Weg fortsetzen. Als . ich endlich wieder aufschaue, da hat Freund Mond sich hinter dem Belvedere versteckt und ich bekam ihn für heute nicht mehr zu Gesichte.