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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-07-15 · Heft 18 (15.7.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 18 (15.7.1896)
Date
1896-07-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 3. Leistungen und die berechtigten Gegenleistungen der Gemeinden contractlich zusichert. Diese sind: Nach L—3 Probejahren bei g e s e tz li ch entsprechender Leistungsfähigkeit und Amtswirksamkeit eine d a u e rn d e und b leiben d e Anstellung,, und bei etwaiger eintretender Dienstunfähigkeit entsprechende Pensionirung,. in der Weise, wie sie bereits in diesen Blättern, Nr. 30 vom 21. December 1895 zu § 41 des Musterstatutes vorgeschlagen wurde. Nur so werden wir leben und in Ruhe, Frieden und mit Interesse in unserem schwierigen Amte wirken können! Gott mit uns und mit Allen, , die uns in unserer gerechten Sache unterstützen werden. L. Y. Offener Brief. Bunzlau, im Juli 1896. H. Mein lieber Herr College! Ihrem Wunsche und meinem Versprechen zufolge soll mein heutiger Brief Sie mit meinen weiteren Ansichten bekannt machen und Ihnen zeigen, wie sehr die modernen ״Nachbeter" irre geleitet wurden, jedoch muß ich zu Ihrer Beruhigung vorausschicken, dass ich mich in keinen unmittelbaren Streit mit jugendlichen Stürmern einlassen, sondern blos auf Thatsachen beschränken werde, die einer Verbesserung bedürftig erscheinen. Werther Freund! Wer die heutige Liturgie in Israelis Gemeinden genau kennen lernen und sie richtig beurtheilen will, der mache auf seiner Ferienreise diesbezügliche Studien. Sehr bald wird er aus seiner schwärmerisch-melancholischen Stimmung aufgerüttelt werden und ünseren schönen jüdischen Sang oft genug als Farce antreffen, der sich ein Vorbeter ergeben hat. Ich gehöre wirklich nicht zu jenen Rückschrittlern, welche Mchts von zeitgemäßen Einrichtungen wissen wollen, ja, ich hege sogar die vollste Ueberzeugung, dass wir im Interesse des Judenthums Concessionen machen müssen, deswegen dürfen wir aber nicht Alles verwerfen, was uns hoch und heilig war. Wo das ״Chasonutli" gefallen ist, da schwindet manche schöne Ceremonie, und das Gepräge eines jüdischen Gottesdienstes geht verloren. ״Ja, wenn nur die jüdischen. Gesänge nicht so schwer ausführbar wären und nicht 'Alles in dem uns unverständlichen (?) Hebräisch gesungen werden müsste! Auch wird dadurch der Gottesdienst schrecklich in die Länge gezogen!" So hört man hie und da die Bemühungen abwehren, die auf die Einführung Passender ״Synagogengesänge" abzielten. In Wahrheit aber ist's nichts Anderes, als die leidige Bequemlichkeit, die vor der Arbeit und Mühe zurückschreckt, welche das ernste Studium des wahren Tempelgesanges beansprucht. Das Einüben neuer Musiksätze erfordert Opfer an Zeit und Kraft. Behufs Verständnis des Textes bedarf es leider eines Nachschlagebuches mit ״Int erlin earüb er setz un g", um den Sinn zu verstehen. Und da der echte Synagogengesang einfacher und schlichter auftritt, als der modern weltliche, so fürchtet mancher Cantor oder Chorleiter für sich und seinen Chor nur den Verlust des Nimbus, der ihn bei Vorführung seiner alten, lieb gewordenen ״Theaterweisen" umstrahlt. Es ist eben ein gar eigen Ding um das zarte Pflänzchen ״Eigenliebe". Und dann. Wenn wegen eines gummiartig ausgedehnten Solo in irgend einem liturgischen Gebetstück oder wegen einer Seiten langen Schlußfuge über Amen oder Sela mit der Fortsetzung des Gebetes gewartet werden muß; wenn durch unsinnige Textwiederholungen der Zusammenhang zerrissen und dadurch in solchen Fällen der Gottesdienst über Gebühr ausgedehnt wird — das macht alles Nichts — das nennt man einen zeitgemäßen Gottesdienst. O sancta simplicitas l Will aber ein wahrer Diener Gottes solchen Mißständen entgegentreten, so erhebt sich eine Opposition, die einer besseren Sache würdig wäre. Mein Lieber Amtsbruder! Sie sehen, meine Anschauungen werden zwirnfadenmäßig in die Länge gezogen, aber gemach! Sie werden nicht so leicht mit mir fertig. ״Kabbel emes mimi scheomroh.". — .,Nimm die Wahrheit an, gleichviel, wer sie spricht". Es dürste Ihnen vielleicht noch erinnerlich sein, wie ich in früheren Aufsätzen in dieser geehrten Zeitung die Ansicht aussprach, das Bestreben der zuweitgehenden Eantoren müsse nothwendig ein ״Rückwärts" im Judenthume herbeiführen, und dass vielleicht durch ein solches Zurückdrängen auch das mühselig edel Geschaffene mit in den Abgrund gerissen werden könnte. Sie hingegen widersprachen dem, und wie Sie mir nun selbst schreiben, sind in verschiedenen Gemeinden derartige Fälle wirklich eingetreten! Zugeben muH ich Ihnen, dass auch pekuniäre Gründe die Einführung guter, brauchbarer Synagogengefänge erschweren. Leider gibt es noch recht viele Gemeinden, welche ihren Cantoren und Chorleitern wahre ״H u n g e r l ö h n e" zahlen. Kein Wunder, dass solchen Männern die Begeisterung fehlt fiir ein Amt, das einen ganzen Mann erfordert und trotz der besten Honorirung noch manches persönliche Opfer an Zeit und Kraft verlangt. Angenommen aber, es fehlte auch daran nicht, wie entmuthigend wirkt nicht selten in solch' schlecht dotirten Stellen ein Blick des Inhabers auf seine Zukunst? In anderen Gemeinden, wo es der Beamte an Zeit und Kraft nicht fehlen lässt, fehlt es wieder an den nothwendigen Chorsängern. Wohl gäbe es Manche, die sich am Chorgesange betheiligen würden, aber der Vorstand bewilligt kein Geld dafür, ״im en kemach en thoro" — und ohne Bezahlung sind eben Chorsänger nicht zu haben. Darum wird lieber in dem alten Schlendrian ״fortgewurstelt" und der ״s y n a g o g a l e Chorgesang" (nicht Choralgesang, den wir nicht besitzen und auch nicht pflegen wollen) muß draußen bleiben. Endlich ist es einem sttebsamen Cantor wirklich gelungen, einen kleinen Chor zusammenzutrommeln. Freudigen Herzens berichtet er dieses glückliche Ereignis seinem Vorstand (und allenFachblättern) und ersucht ihn um seine wohlwollende Zustimmung — damit sich langsam ein feststehender Gemeindegesang entwickle — und weiters auch um Bewilligung der nothwendigen Geldmittel zur Beschaffung der ersten Noten. Die wohlwollende Zustimmung wird ihm feierlichst mit salbungsvollen Worten zugesichert, dieGeldmittel dagegen werden entschieden verweigert. Und so steht auch dieser begeisterte Mann mittellos und mit leeren Händen und leeren Taschen, um eine Hoffnung ärmer aber um eine Erfahrung reicher vor dem Wracke seines aussichtslosen Unternehmens, und es bleibt ihm die Wahl, zu seiner Fortbildung selbst Mufikalien anzuschaffen oder als Schocket und Bai tefilio sein kümmerliches Dasein zu stiften. Als Freund der Wahrheit werden Sie zugeben, dass ich Nichts übertrieben geschildert habe, ich bin überzeugt von Ihrer Ausrichttgkeit und Ihrem tadellosen Charakter und hoffe bald Gelegenheit zu haben, über das angeregte Thema mich weiter zu äußern. Lesen Sie diesen offenen Brief in eben dem Sinne, wie ich den Ihrigen gelesen, nämlich als einen Erguß collegialischer Hochachtung Ihres ergebenen M. Ti nt n er, Cantor und Lehrer.

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