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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-07-01 · Heft 17 (1.7.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 17 (1.7.1896)
Date
1896-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. sie wohl verschleiern, me aber ganz verdecken konnte, zurückgekehrt. Das große Ergebnis der musikgeschichtlichen Entwicklung des Abendlandes ist die alleinherrschende Melodie, die Melodie, welche in ihrer Ausdrucksbedeutung zusammensällt mit dem, was׳ Laut und Geberde mittheilen wollen, hiezu aber die durch einen wunderbaren Prozess geklärten, gesteigerten und bereicherten Aüsdrucksmittel zuhilse nimmt. - Wird nicht unsere heutige Musik in gleicher Weise mitempfunden, wie die Laut- und Geberdensprache? Nicht nur der Gesang, auch die sich gleichsam als seine Nachahmung und Steigerung darstellende Instrumentalmusik regt in oft auffälliger Art zur körperlichen Mitbewegung an. Eine schöne Melodie wirkt auf die Kehlmuskel, ein packender Rhythmus bringt den Körper in Mitschwingung. Es gibt Zuhörer, welche sich der Macht dieser Wirkung so wenig entziehen können, dass sie unwillkürlich mitsingen und dem Rhythmus der Musik mit ihren Körperbewegungen folgen. Nur die Gewohnheit der Beherrschung unserer Ausdrucksformen und die Mannigfaltigkeit zerstreuender Eindrücke, welche das moderne Leben mit sich bringt, verursachen es, dass diese Wirkungsäußerung sich auf ein gewisses Maß beschränken und meist nur sogleich unterdrückte Dispositionen herbeiführen. Untersuchen wir das, was sich uns als Melodie, d. i. als eine unserem Verlangen entsprechende Tonverbindung, darstellt, nach seinen wesentlichen Bedingungen, so kommen wir zu dem uns nicht mehr überraschenden Ergebniße, dass die Gesetze, nach welchen eine Melodie sich in Beziehung auf Tonabstände und Zeitfolge bildet, zusammenfallen mit den im menschlichen Organismus waltenden Gesetzen, von welchen die körperlichen Ausdrucksarten bestimmt sind. Die in Melodien vorkommenden wirksamen Wendungen entsprechen den Tonfällen der aus drucksvollen Sprache, Betonungsgesetze sind der Musik und der Sprache gemeinsam, die rhythmische Anordnung der Melodie ist wie die der Sprache abhängig von der Organisation der menschlichen Organe. Die Abschnitte der Melodie entsprechen den Athembewegungen, ihr Rhythmus den den Lautausdruck i Das hohe <£ und das tiefe Weh. Aus d. New-Uorkcr Herald, mitgctheilt v. Rev. Osias Hochglttck. ־ Die Scene spielt im ״Hotel Caviar", welches dem Opern- Haus zu 3׳ gegenüber liegt. Dazumal logirte im dritten Stock der Kapellmeister, im vierten der Chorist Pumpel. Dieser letztere übte gerade einen ״lustigen Jagdchor" ein, aber mit sehr leiser, trauriger Stimme, denn erst vor wenigen Minuten hatte ihm der Oberkellner eine lange Rechnung überreicht, mit dem Ultimatum: Zahlen oder ausziehen! Pumpel war nämlich bei den ״Möblirte Zimmer"-Vermietherinnen der Stadt zu bekannt, als dass er irgendwo Ausnahme hätte nehmen dürfen. Sein Gehalt war immer ein ganzes Vierteljahr vorher von unbarmherzigen Gläubigern mit Beschlag belegt worden, wie sollte er da an's Miethezahlen denken? So versuchte er es mit dem Hotel, aber da gieng es ihm noch schlimmer. .Er hatte in kurzer Zeit so viel verbraucht, dass er bereits ein zweites Quartal seines Gehaltes in Rauch aufgehen sah. Im dritten Stock, im Zimmer des Capellmeisters, befanden sich' außer diesem noch der Director des Opernhauses und ein Theateragent. Sie besprachen gerade ein neues Engagement, als der Kapellmeister Plötzlich ausrief: ״ .״Pst! Hören Sie doch!" ״Wahrhaftig, das hohe ״C"!" schrie der Director auffahrend. '״Mer von unserem Personal wohnt denn hier?" ׳ begleitenden und bestimmenden Körpergeberden, ihr Zurückführen auf ein gleiches Maß im Takte dem Herzschlage. Analysiert man eine einen Erregungszustand treffend charakterisierende Melodie, so wird man finden, dass sie in ihren Tonwendungen, ihrem Rhythmus, ihrem Zeitmaße zusammenfällt mit den Aeußerungen, welche sich im menschlichen Körper beim gleichen Erregungszustände kundgeben. Tonfolgen, welche sich vom menschlichen Ausdrucke in Laut und Geberde entfernen, entziehen sich in gleichem Maße der Aufnahme ins Empfindungsleben und damit der der Musik eigenen, ihren Werth bestimmenden Wirkung. Aus diesem Grunde hält sich die Bewegung in der Musik in den Grenzen, welche der Beweguug des Pulsschlages gezogen sind. Die geringste Zahl der Pulsschläge sind 30 bis 40, die größte 200 in der Minute. Die Grenzpunkte der Schnelligkeit der Schwingungen des Mälzel'schen Metronoms sind 40 bis 208 Schläge in der Minute. Wir werden also behaupten dürfen, dass das, was uns in der Musik so tief bewegt, das, was ihr ihre Bedeutung verleiht, das, wodurch sie sich unserem Verständniße erschließt, menschlicher Ausdruck, allerdings in wunderbar geklärter und verfeinerter Form, ist. Nach diesem dürsten wir, während uus der sinnliche Reiz des Klanges, wenn er nicht dem Ausdrucke zur Unterstützung dient, nur augenblickliches Ergötzen, nicht aber nachhaltige Befriedigung zu bieten vermag. Es ist eine eigenthümliche Bestätigung der dargelegten Anschauung, dass es sich um eine dem Menschen als solchem eigene Kundgebung handle. Dies ist im höchsten Grade beim Gesänge der Fall, welcher sich als eine Aeußerung der vor die Augen tretenden, sich auch sonst in Miene und Geberde mitbethätigenden Perfönlichkeit darstellt. Auch das Instrument muß von einem Menschen behandelt werden und der Zuhörer muß dessen inne werden, wenn sich seine Wirkung nicht auf einen flüchtigen Sinnenreiz beschränken soll. Nur unsere Abstractionsfähigkeit und Vorstellungsthätigkeit, welche die als menschliche Ausdrucksformen empfundenen Eindrücke eines Tongebildes gleichsam mit dem j Bilde der sich in ihm entäußernden Persönlichkeit ergänzen, ״Nur der Chorist Pumpel," erwiderte der Eapellmeister ״gerade über mir."! Alle drei erhoben sich und stürzten die Treppe hinauf in | das Zimmer des Choristen Pumpel, welcher erschreckt in einen Winkel zurücktrat. ״Pumpel, haben Sie eben gesungen?" rief der Director ״Jawohl, Herr Director." ״Singen Sie dasselbe noch einmal!" Pumpel begann seinen ״lustigen Jagdchor." ״Ach, Unsinn! Singen Sie mal die Tonleiter." Pumpel gehorchte, aber keine Ahnung vom hohen ״C"! Er blieb elend in den niederen Octaven stecken. ״Das hohe ״C"! Das hohe ״C"!" brüllte der Kapellmeister. Abermaliger Versuch, abermaliges Mißlingen. ״Wir haben es doch eben gehört," jammerte der Director. ״Legen Sie sich mal hier auf's Sopha." Pumpel gehorchte, und alle drei begannen ihn zu massiren und zu würgen, so dass der Chorist ganz blau im Gesicht wurde. Nachher stellten sie ihn noch auf den Kopf und ließen ihn die Kehle mit Wasser ausgurgeln. Alles vergeblich. Darauf bestellte man nach und nach: eine Flasche Selters mit Milch, ein Glas Eiergrog, drei Cognacs und eine Flafche Sekt. Das hohe ״C" fand sich immer noch nicht. ״Aber sehen Sie doch," rief der Agent, ״welch' ein triibseliges Gesicht der Kerl macht Ich habe immer gehört, wenn den Sänger ein tiefes- Weh drückt, kann er die höchsten Töne nicht 'rauskriegen."

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