Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 16 (15.6.1896)
- Date
- 1896-06-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 16 Heute freilich ist diese Eigenschaft nur mehr im abgeschwächten Maße vorhanden und es bedarf einer besonderen auf sie gelenkten Aufmerksamkeit, um sic zu erkennen. Wirksam ist sie auch, ohne besonders erkannt zu sein. Der Tonfall des Gesprochenen gibt diesem den Nachdruck, durch welchen der Sprechende Gemüthstheilnahme für seine Mittheilungen erzielen will; die begleitende Geberde unterstützt dieses Streben. Für diese Ausdrucksformen hat der Betrachtende ein ungemein feines, sich unvermittelt einstellendes Verständnis. Die Töne des Zornes, des Jubels, der Wehmuth, die Wendungen des verwunderten Ausrufes, des schmeichelnden Zuredens, des Borwurfes, der Frage, sie werden nie missverstanden, selbst wenn der Inhalt des Gesprochenen unklar oder unverstanden geblieben ist. Das Gleiche gilt von der Geberde. Was mag die Ursache dieser Wechselwirkung sein, welche wohl nur deshalb so wenig beobachtet worden ist, weil sie so allgemein ist und so natürlich scheint, dass es kaum jemandem einfällt, an ihr etwas Ausfälliges zu entdecken? Gewiss keine andere, als, weil Gemüthserregungen unserer Mitmenschen und ihr Ausdruck Gegenstand eines besonderen, unwillkürlich sich geltend machenden Interesse sind. Je geringer die Uebung ist, Lautausdruck und Geberde Zu beherrschen, desto stärker ändern sie sich. Starke Aeußerungen derselben finden sich daher bei Ungebildeten, Kindern und Wilden, und waren gewiß auch den Urvölkern eigen. Solche Aeußerungen sind es, welche bei der Aufmerksamkeit, welche sie erregen, eine Wechselwirkung Hervorbringen. Auf sie und die ihr zu Grunde Liegende Anlage lässt sich wohl überhaupt die Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zurückführen. Wir werden uns aber, wenn wir nicht bei der allgemeinen Behauptung bleiben wollen, fragen müssen, wie sich diese Wechselwirkung phisiologisch erkläre. Man beobachtet die Erscheinung, dass Aüsdrucksformen, die man betrachtet, sich unwillkürlich auch dem Betrachtenden mittheilen. In der Gegenwart eines Zornigen wird man, ohne es zu wollen, die Miene des Zornes annehmen, der Ausdruck der Freude im Antlitz des Andern wird sich auch in dem unseligen widerspiegeln, unwillkürlich wird auch unser Körper von den Geberden des leidenschaftlich Erregten mit erfasst. Mit den Ausdrucksformen des Zornes, der Freude u. s. w. stellt sich aber von selbst der entsprechende Gemüthszustand ein. Dies ist eine vielfach beglaubigte Thatsache. Wir kommen also zum Ergebniße, dass durch Lautäußerungen und Geberden, soweit solche aus Gemüthserregungen hervorgehen, diese Gemüthserregungen auf Andere übertragen werden. Mit dem Zustande der Gemüthserregung ist aber an sich ein gewisses Lustgefühl verbunden, welches sich dann einstellt, wenn es nicht durch den etwa Unlust erweckenden oder des Interesse ablenkenden Anlass der Erregung unterdrückt wird. Eine Bethätigung, welche keinen äußeren Zweck verfolgt, sondern nur Ausbruch des Lebensttiebes ist, wirkt schon an sich lusterweckend. Eine, solche Bethätigung ist das Spiel, iu welchem Schiller den Ursprung der Kunst erkennt. Der natürliche Wunsch, dieses eigenartige Lustgefühl zu erweMn und zu steigern, führt dazu, Gemüthserregungen dieser Art zu suchen. So schmerzlich uns das Leiden Anderer, ihr Rmgen mit dem Schicksale, chr UErliegen, bewegen — stellt uns dies Alles am Schauspieler dar^ .so ist es uns Gegenstand eines, Vergnügens. Warum? Wir empfinden die durch die Darstelllmg . in uns י milerweckte Gemüthserregung als gesteigertes Daseinsgefühl, ohne von uulusterweckenden Thatsachen, welche sonst Ursache der entsprechenden Gemüthserregung zu sein Pflegen, berührt zn werden. Es ist ja nur ein Spiel, was wir schauen, von Bedeutung für uns nur insoweit, als es unser Innerstes zu erhöhtem Leben aufschüitelt. (Schluss folgt.) Geschichte der Juden von Dr. M. Braun, zweite Auflage, Jacobsohns Verlag, Breslau. —Es ist erfreulich zu sehen> wie das Gute auf dem Gebiete unserer Schpllitteratur sich allmählich Bahn bricht und die verdiente Würdigung findet. So hat die lichtvolle und zweckmäßige Darstellung der Geschichte unserer Vorfahrendurch die bewährte Feder des Herrn Dr. Braun, Docenten am jüd. theol. Seminar zu Breslau, solchen Anklang gesunden, dass nach kaum drei Jahren eine zweite Aufläge nöthig wurde. Es wäre im Interesse unserer Jugend dringend zu wünschen, dass dieses treffliche Buch auch in den österreichischen Schulen für den jüdischen Geschichtsunterricht eingeführt würde. Jedenfalls wird es jedem Lehrer einen höchst willkommenen Leitfaden bieten. Musre Bsphilofophim, hebräische Uebersetzung des Alcharisi, herausgegeben von Dr. Loewenthal, Verlag von I. Kauffmann. — Für Freunde der mittelalterlichen Litteratur ein sehr interessantes Büchlein! Aber für Litteraturfreunde überhaupt dürfte es von nicht geringem Interesse sein, der Fabel von Schillers ״Kraniche des Jbyeus" in diesem Merkchen aus dem neunten Jahrhundert zu begegnen, (nur ist der Dichter hier mit אינקען wiedergegeben,) S. 3—4. Außerdem bietet es eine wahre Fundgrube kerniger Lebensweisheit, worüber jeder Gebildete feine Freude haben kann. ׳ - Moses Mendelssohn und die Ausgabe der Philosophie» von Heinrich Kornfeld, Verlag von Carl Duncker. — Ein deachtenswerthcr Versuch, die Mendelssohn'sche Philosophie, welche die Ethik als das Endziel aller Philosohie erklärt, zu neuem Ansehen zu bringen Leider hatder Verfasser nicht mit der nöthigen philosophischen Akribie gearbeitet und sich manch' groben Jrrthum geleistet. Dafür ein Beispiel: Mendelssohn sagt: ״Sie (die Weltweishcit) muß mit Untersuchung der äußerlichen Gegenstände anfangen, aber bei jedem Schritte, den sie thut, einen Blick auf den Menschen zurückwerfen, auf dessen wahre Glückseligkeit alle ihre Bemühungen abzielen sollten. Wenn die Bewegung der Planeten u. s. w. nicht wenigstens mittelbar einen Ein fl u ß in unser e Glückseligkeit haben, so ist der Mensch gar nicht bestimmt, sie zu untersuchen." Dazu schreibt Kornfeld, S. 18־: /,Der letzte vielfach angegriffene Satz, welcher in schroffster Weise das Nützlichkeitsprincip zum Ausdruck bringt, enthält gleichwohl eine Wahrheit: in der Thät ereignet sich nichts im Weltall, was nicht auf jedes andere Geschehen von Einfluß wäre... Thatsächlich untersucht die gesammte Wissenschaft nur solche Dinge, welche auch die Menschen angehcn u. s. w." Ist etwa damit der Vorwurf gegen Mendelssohns Nützlichkeitsprincip entkräftet? Mendelssohn will nur das von der Philosophie untersucht wissen, was auf unsere Glückseligkeit einen Einfluß hat, nicht aber, was die Menschen als Glieder des Universums überhaupt angeht. Hätte Kornfeld recht, so hätte Mendelssohns Forderung zur Beschränkung der philosophischen Forschung gar keinen Sinn. Immerhin bietet diese Schrift Anregung genug, um nicht mit Stillschweigen übergangen zu werden. Rabbiner Dr. I. Kahan. Kleine Chrvmk. Wien. Der Kaiser hat gestattet, dass dem Ober-Regisseur des Hofburgtheaters, Hofschauspieler Adolf Ritter v. Sonnenthal, in neuerlicher Anerkennung seiner vorzüglichen Leistungen der Ausdruck der besonderen a. h. Zufriedenheit bekanntgegeben werde. — Professor Dr. Alois Zucker der Prager tschechischen Universität ist vom Kaiser zum Hosrath ernannt worden. Wirn. Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien hat in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe den ordentlichen Professor der Zoologie an der deutschen Universität in Prag, Dr. Berthold Hatschek, zum inländischen correspoudirenden Mitgliede gewählt. Der neue Akademiker ist eine hervorragende Capacität auf dem Gebiete der Zoologie, was schon aus der Thatsache hervorgeht, dass derselbe als Jude im jugendlichen Alter von dreißig Jahren zum Ordinarius au der altberühmten Prager Universität ernannt wurde. Brünn. Wie bekannt, hat Baron Hirsch in seinem Testamente den Betrag von einer Million Francs, der ursprünglich für Wien bestimmt war, für in Mähren,bestehende Wohlthätigkeitsanstalten gebührenfrei vermacht und gleichzeitig verfügt, dass die von ihm letztwillig ernannten Testaments-Executoren berechtigt sind, nach ihrem Ermessen zu bestimmen, welche von den bestehenden Wohlthätigkeitsanstalten und mit welchem Betrage jede derselben zn betheilen sei. Die eine Hälfte der Legate sollte jüdischen -Instituten, die anderesolchem deren Wirken "sich auf alle Confessionen erstreckt, verabfolgt werden. Es versteht-sich wohl vonselbst, 'dass zahlreiche Gemeinden, Corporationeü, Vereine rc., welche einen Anspruch auf Betheilung aus dem