Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 16 (15.6.1896)
- Date
- 1896-06-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453365-3453381--4574-3459050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Seite o. Die Musik als Ausdruck. Von Dr. Friedrich v. Haus egg er.*) Sie fordern mich freundlichst auf, das Wichtigste meiner musikalischen Anschauungen in volksthümlicher Weise zusammen- .zufassen. Der Versuch einer volksthümlichen Darlegung ästhetischer Anschauungen kann Bedenken erwecken. Man ist gewöhnt, der Aesthetik einen dem Volksthümlichen möglichst ferneliegenden Gesichtskreis zuzuweisen. Gilt nicht das Gleiche von der Musik in ihrer Ausübung? Meint man nicht allgemein, dass nicht nur das Verständnis, sondern auch der Genuss der Musik besondere Fachkenntnis zur Voraussetzung habe? Und dennoch müssen wir uns gestehen, dass gerade das Volksthümliche in der Musik, dasjenige, was das Gemüth unmittelbar ergreift, ohne dass ihm erst Erläuterungen fachlicher Natur zu Hilfe kommen müssten, es war, was sich stets, nicht selten im Kampfe gegen die Fachwissenschaft, siegreich erhalten hat. Wir beobachten das seltsame Schauspiel, dass gerade das Bedeutende und Lebensvolle von Seite der Wissenschaft keine Förderung, sondern im Gegentheile meist Missverständniße und Anfeindung erfahren hat. Dies gestattet den Schluss, dass in der Musik eine Macht wirksam sei, welche nicht zusammenfällt mit dem der Wissenschüft als Maßstab der Beurtheilung Zugänglichen, und dass gerade diese bis nun sich dem Auge der Wissenschaft entziehende Macht das Wesentliche für den Fortschritt in der Entwicklung der Tonkunst ist. Lässt sich dieser Macht in keiner Weise beikommen? Sind wir überhaupt berechtigt, von dem Werthe einer Wissenschaft für die Kunst zu sprechen, wenn gerade dasjenige, was von jeher die Wirksamkeit der Kunst ausgemacht hat, sich ihrer Beobachtung entzieht? Diese׳ Fragen wird man sich vorlegen müssen und sie hat auch in meine'Brust jene Qual gelegt, von welcher behauptet wird, sie sei die nothwendige Vorbedingung jedes ftuchtbaren Gedankens. Rathlos irrte das Auge zwischen *) S. Nr. 67 ״D. Zeit". ״Es war meine erste Liebe," sagte Wagner, als er Praeger später in London diese Episode erzählte, ״und ich glaubte nicht, dass der Eindruck jemals erbleichen würde; aber nach Allem glaube ich, dass ich schon damals den Jago lieber hatte, denn was während des Liebesfiebers mir entgieng, wurde mir später klar — und vieles, was ich unbeachtet gelassen, stellte sich nachher als unübersteigbare Barrisre zwischen uns. Ich merkte dann erst, dass doch vieles in dieser Episode mir schrecklich unbehaglich gewesen und nie zu etwas Vernünftigem hätte führen können." So sagte Wagner — allerdings 25 Jahre später in der Erinnerung an jene Episode seines Lebens, und er knüpfte hieran Betrachtungen über den eigenartigen Charakter der Glaubensgenossen von Leah David, die für dieselben nichts weniger als schmeichelhaft waren. Man wird es nun begreifen, warum die Herren von Bayreuth diese Episode in dem Leben des Meisters so gern unterdrücken und warum sie gerade bei dieser Geschichte Praegers ״verzweifelte Vorliebe für das Judenthum" und seine ״fruchtbare Fantasie" ins Feld führen, um dieser Episode den Passepartout in die Biographie Richard Wagners zu verweigern. Für uns alle unbefangenen Leser trägt sie so gut wie alle anderen Erzählungen aus der Jugendzeit des Meisters den vielberühmten Stempel der Wahrscheinlichkeit an der Stirn. Es ist nicht abzusehen, warum Wagner als Musikstudent in Leipzig sich nicht in ein schönes jüdisches Mädchen verliebt haben sollte. Er hatte damals das Judenthum in der Musik noch nicht entdeckt und fand vielleicht gerade deshalb noch etwas Musik im Judenthum, oder zum Mindesten die Harmonie der Schönheit bei dessen Töchtern. Theodor Braun. - Notensystemen umher; das Ohr forschte nach Gesetzen der Consonanz oder Dissonanz; der Ton wurde beftagt, welche geheimnisvolle Naturgewalten er berge; Aehnlichkeiten aus dem Naturleben wurden zu Hilfe gerufen, die Geschichte zu Rathe ׳gezogen. Wohin sich die Beobachtung wendete, rechtfertigte das Gesetz die Erscheinung: jene innerlich bewegende Macht aber, in welcher das Gesetz sich unwiderstehlich äußert, ehe es noch in den Formen der Erscheinung erkannt wird, jene unbezwingliche Gewalt, mit welcher die Tonkunst das Gemüth ergreift, ohne es erst auf Lehren und Kenntniße hinzuweisen — sie hat in den Grenzen dessen, was sich der Musiklehre zur Beachtung und Behandlung darbot, eine Stelle nicht gesunden. In diese Zeit der Noch fielen die Eindrücke der Kunstwerke R. Wagners, fiel das Studium Schopenhauers. Als eine Objectivation des Willens wie die Welt, fasst letzterer die Musik auf. Dieser in seiner Fassung zu mancher Anfechtung Anlass gebende Satz weist der Musik eine Stelle im Weltleben an, in welcher sie sich weit erhoben zeigt über das, was ihr an Eigenheiten oder Vorzügen das Fach zuzuweisen vermochte. Was Schopenhauer geahnt, im mächtigen Schaffen Wagners gewann es greifbare Verkörperung, in seinen kundgegebenen Anschaunngen, Erläuterung und Vertiefung. Nicht blos mit Linien, Zeichen, Schwingungen und Tonreizen Hat man es in der Musik zu thun. Aus dem tiefsten Drange der Seele erwächst uns ihr Verständnis. Was in ihr laut wird, ist eine Sprache, welche wir ebeusowenjg zu erlernen brauchen, wie die Sprache des Gemüthes, welche sich im Mienen- und Geberdenspiele wie auch im Tonfall der Worte in so beredter und überzeugender Weise äußert. Die Musik ist ihrem innersten Wesen nach Ausdruck. '׳ Die Auffassung der Musik als Gemüthssprache ist nicht neu. Doch fehlte ihr jede greifbare wissenschaftliche Grundlage. Hanslik konnte sie daher in seiner vielumstrittenen Schrift: ״Vom musikalisch Schönen" mit Erfolg bekämpfen. Der sehr schwankende, der verschiedensten Deutung fähige Begriff des Gemüthes gewährt keine Handhabe für die wissenschaftliche Untersuchung. Zwischen den Tonformen, wie sie sich im Lanfe der geschichtlichen Entwicklung herausgebildet haben, und dem sprechenden Gemüthe fehlte das der wissenschaftlichen Beobachtung zugängliche Mittelglied. Weder die phantastischen Auslegungen der An- Hänger der Gemüthstheorie noch die Forschungen auf dem Gebiete der Thonphysik und Physiologie vermögen es, die Berbindungen herzustellen. Es ist begreiflich, dass die der exacten Forschung zugewendete Wissenschaft sich damit beschied, bei den sich ihren Beobachtungen und Versuchen darbietenden Erscheinungen stehen zu bleiben und auf die Ergründung tieferer Ursachen nicht nur zu verzichten, sondern solche selbst zu Leugnen. Da kam Rath von anderen, den Specialisten nicht zugänglichen Seiten. Insbesondere war es Wagner, welchen eigenthümliche Begabung und vielseitige Bildung aus die Betrachtung der Beziehungen von Sprache und Geberde zur Musik geführt haben. Sprache und Geberde waren ursprünglich Aeußerungen von Gemüthserregungen. Erst im Lause der Zeit ist die Sprache ein Mittel zur Verständigung, die Körperbewegung als Arbeit einem äußeren Zwecke dienstbar geworden. Dabei ist aber sowohl der der Sprache eigenen Tonbewegung als auch der Körpergeberde, soweit sie keinem bestimmten äußeren Zwecke dient, die Eigenschaft geblieben, Ausdruck zu sein, d. h. von Gemüthserregungen, welche mit ihnen verbunden find, Zeugnis zu geben.