Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 16 (15.6.1896)
- Date
- 1896-06-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. <2eüe 3. ״Wisse nun, dass, wie ein Mann seinen Sohn straft, in bester Absicht, so straft dich der Ewige dein Gott." (5. M. 8. 5.) ״Denn wen Gott liebt, den straft er, wie ein Vater, der seine Kinder bessern will." (Spr. Sal. 3.12.) ״Strafest du deinen Sohn, dann wirst du dich seiner nicht schämen; aber wenn du mit ihm spielend umgehest, gegen seine Unarten sahrlässig.bist, dann wird er dir Schande machen." (Ben Sirah, 30. 9.) Noch näher ist die Voraussetzung, dass jener Vater, der bei der Erziehung seines Sohnes die Religion und mit ihr auch alles Ideale außer Acht lässt und ihn, wie die heidnischen Völker, nur zu irdischen Zwecken erzieht oder eigentlich abrichtet, diesen Sohn endlich einmal hassen wird. Für Religion und Humanität ist ihm kein Sinn eingeflößt worden und daher sind sie ihm werthlos. An einem solchen Sohne ist bei nächster Gelegenheit oder in der Nothlage eine sträfliche Entartung zu erwarten, und des Vaters Hass gegen einen solchen Sohn ist nicht unnatürlich. Denn dieser ist der Gegenstand seiner Schande und Kränkung und er ist schmerzlich froh. eines solchen Sohnes los zu werden. Abraham sprach zu Gott, lieber will ich kinderlos bleiben, als einen schlechten Sohn haben. (Midr. Jalk z. Gen. 18.) ״Der Glaube an Gott befestigt das Band zwischen Eltern und Kindern, zwischen Unterthanen und Fürsten; aber der Unglaube löst alle Bande, vernichtet allen Segen". (Pestalozzi.) ״Ohne Religion ist keine wahrhafte Erziehung; was sich eine solche nennt, ist nur scheinbar." (Palmer.) Dass für jetzt bei dergleichen verzogenen Kindern der Vaterhass sich noch nicht allgemein offenbart, ist darin begründet, weil die meisten jetzigen Eltern noch von ihrer Kindheit her religiös-sittliches Gefühl besitzen, was sie auch gelegentlich bekunden. Dieses Gefühl geht nach der Lehre des Talmud (Tr. Edios 2. C.) übereinstimmend mit der modernen Pädagogik auch aus das Kind über, so dass selbst in den nicht religiös erzogenen Kindern dennoch durch Vererbung etwas religiössittliches Gefühl ist. ״Der Weisheit Anfang ist die Gottesfurcht, und mit den Gottesverehrern wird sie im Mutterleibe geschaffen." Richard Wagner's erste Liebe. Es ist wohl ein Gemeinplatz, aber er bleibt darum doch von tiefer psychologischer Wahrheit, dass Ergebniße, welche im Leben gewöhnlicher Sterblicher spurlos vorübergehen, dadurch, dass sie in das Leben solcher Menschen eingreifen, denen die Unsterblichkeit beschieden ist, eine besondere Bedeutung erlangen. Ein solches Ereignis ist aber auch Richard Wagner's erste Liebe. Die bisherigen Biographen des großen Tonmeisters waren sämmtlich Bayreuthianer, also keineswegs objectiv, vielmehr recht einseitig. Sie haben die Geschichte dieser ersten Liebe — ich will nicht sagen unterdrückt, aber einfach nicht erzählt, vielleicht auch nicht gewusst. Da kam vor zwei Jahren ein Mann nach London Namens Ferdinand P r a e g e r, ein Christ, aber nicht ganz zweifellosen Ursprungs, jedenfalls kein eingefleischter Bayreuthianer, obwohl ein entschiedener Anhänger und intimer Freund Richard Wagner's, und brachte ein Buch auf den Markt: ״Wagner, wie ich ihn kannte." - Dieses Buch entfesselte ein wahres Sturmgeheul in Bayreuth und Umgegend. Es regnete Schmähungen, Angriffe und Keulenschlage gegen den unglücklichen Mann, der aber inzwischen verstorben war und sich nicht vertheidigen konnte. Der Streit tobt noch heute fort, aber das Merkwürdige dabei ist, dass sämmtliche Gegner Praeger's nur die von ihm mitgetheilten Briefe bemangeln können; das, was er über die Jugendzeit des Meisters erzählt, ziehen sie wohl auch in Frage, aber sie sind nicht im Stände, auch nur den geringsten Beweis gegen die Wahrhaftigkeit seiner Erzählungen vorzubringen. Ja, sie sind sogar gezwunqen, viele Episoden, die Praeger aus Wagner's Jugend- (Ben Sirah 1. 12.) ״Das Kind glaubt, weil es Kind ist, und wird dieser angeborene Glaube gepflegt und auf religiöse Gegenstände gerichtet, so bleiben diese für immer in dem Lichte der Ehrwürdigkeit, und der spätere Zweifel muß schon sehr oft wiederholt werden, und sehr schneidend sein, wenn er jene heilige Scheu zerstören soll. (Curtmann.) Aber die Kinder der kommenden Generationen, die blos einen matten Schatten von Religion mitbringen können und, nach der jetzigen Erziehungsweise so mancher Eltern zu schließen, ohne nöthige Pflege sein werden, diese werden aus gänzlichem Mangel an Religion so sehr entarten, dass zwischen ihnen und ihren Vätern eine solche Feindschaft herrschen. wird, wie bei den jeder Religion baren Negern in Aftika. Bei diesen herrscht in der That, so wie bei den wilden Thieren, eine natürliche Feindschaft, selbst zwischen Vater und Sohn. (S. ״Kraft und Stoff" von Dr. Ludwig Büchner, 12. Ausg. S. 200.) Der letzgenannte Philosoph und sein Vorgänger Darwin bestreiten in ihren sonst von großen naturwissenschaftlichen Kenntnihen zeugenden Werken die biblische Erzählung von der Schöpfung überhaupt und von der Schöpfung des Menschen insbesondere. Nach ihrer Hypothese ist der Mensch blos ein ausgebildetes Affengeschlecht. Demzufolge ist der Glaube an Unsterblichkeit der Seele, an Belohnung und Bestrafung, wie überhaupt an eine göttliche Vorsehung ganz schwankend. Die Verallgemeinerung dieser scheinbar neuen Hypothese führt zur Zerstörung jeder Religion, welche zu allen Zeiten die Basis der Völkercivilisation und Menschenerziehung gewesen ist, was unter Andern auch Herder in seiner ״Geschichte der Menschheit" behauptet. Er weist daselbst auf Grund pädagogischer Erfahrung die Unmöglichkeit der erwähnten Affen-Menschen- Hypothese mit folgenden Worten nach: ״So wenig ein Kind jahrelang hingeworfen und sich selbst überlassen sein kann, ohne dass es untergehe, oder entarte, so wenig könnte das menschliche Geschlecht in seinem ersten keimenden Sproß sich selbst überlassen bleiben. Menschen, die geschichte erzählt, als wahr und echt ausdrücklich anzuerkennen. Und da sie sich nicht anders zu helfen wissen, wagen sie die mehr als kühne Vermuthung, dass Prager unberechtigten Einblick in eine Art Autobiographie des Meisters genommen habe. Sie machen es sich dabei sehr bequem; was ihnen in Praeger's Erzählungen aus der Jugendzeit Wagner's passt, das trügt für sie den Stempel der Wahrheit; alles Andere ist ״selbstverständlich" erfunden. Mit heiliger Scheu drücken sie sich aber an einer Episode vorbei, die Praeger sehr ausft'chrlich in seinem Buche erzählt. Es ist dies die Geschichte von Richard Wagner's Jugendliebe. Wir werden gleich hören, warum. Nur der Muthigste der ganzen Schaar, der Hauptbiograph Wagner's, Karl Fr. Glasenapp, hat in der neuen Ausgabe feiner Biographie es doch für nöthig befunden, einige Zeilen über die Angelegenheit vorzubringen. Er schreibt: ״Mit interessanten Erzählungen von Richard Wagner's erster Liebe können wir dagegen dem Leser an dieser Stelle beim besten Willen nicht dienen; zwar erzählt Praeger nach angeblichen mündlichen Mittheilungen des Meisters, um diesem empfindlichen Mangel in deffen Jugendgeschichte abzuhelfen, eine solche in voller Länge und Breite; doch ist er dabei ganz und völlig Novellist auf Wagner's Kosten." Und in einer Anmerkung fügt Herr Glasenapp hinzu : ״Seine unausgesetzten Betheuerungen und Anführungen ganzer Unterredungen zur Beglaubigung des von ihm Vorgebrachten sind in dieser Hinsicht ganz ohne Werth." Aber der sonst so zuverlässige Biograph bringt für diese Angriffe auch nicht den Schatten eines Beweises vor; ja noch mehr, Ärz vorher und bald darauf erzählt er in voller Gemächlichkeit einzelne Episoden aus Wagner's