Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 16 (15.6.1896)
- Date
- 1896-06-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Vtr. 16. zu bieten, auch den dritten Stock zur Aufnahme der Pflegfinge einzurichten, wirkungslos verhallt ist. Der Rechnungsabschluß pro 1895 giebt Ihnen, geehrte:. Herren, ein ungeschminktes Bild der finanziellen Verhältniße 8er Gemeinde. Die Anforderungen an die Gemeinde werden immer größere, ohne dass die Einnahmen sich auch nur halb- Wegs nähern würden. Hoffen wir, dass mit Genehmigung des Statutes hier Wandel geschaffen wird. Sodann erstattete der Obmann der Finanzcommission, Herr Commercialrath Leinkauf den Rechenschaftsbericht über das abgelaufene Verwaltungsjahr, welchem zu entnehmen ist, dass den Einnahmen per 529.904 fi. 45 kr. die Ausgaben Per 585.937 st. 201/9 kr. gegenüberstehen, so dass ein Deficit von 56.032 fl. 751/2 kr. zu decken ist. Die Situation der Gemeinde ist in finanzieller Beziehung sonach eine recht traurige. Der von Jahr zu Jahr in großen ' Dimensionen zunehmenden Steigerung der Ausgaben ist ohne Hintansetzung der religiösen, culturellen und Humanitären Aufgaben der Cultusgemeinde nicht Halt zu gebieten, im Gegentheil es ist ein fortgesetztes Wachsen derselben unausweichlich, und wenn die Finanzen der Gemeinde nicht schon demnächst in eine gefährliche Verwirrung gelangen sollen, muß in der ernstesten -Weise und mit aller Beschleunigung auf die Eröffnung sehr ausgiebiger Einnahmsquellen Bedacht genommen werden. Der Bericht wurde einstimmig zur Kenntnis genommen und Herrn Leinkaus für seine aufopfernde Thätigkeit der Dank und die Anerkennung durch Erheben von den Sitzen ausgesprochen. Weiters gelangte in der öffentlichen Sitzung das Ansuchen des polnischen Bethausv er eines ״Beth Israel" zur Verhandlung. Ueber Arrtrag des Referenten, Herrn Dr. Alfred Stern wird einstimmig beschlossen, den Functionären dieses Bethauses bis auf Widerruf zu gestatten, bei Leichenbegängnißen von Mitliedern des Vereines am Centralfriedhofe zu sungiren. Der vom Vertreter Herrn Dr. Gustav Kohn erstattete Bericht über Len würdigen Verlaus einer Generalversammlung des Brigittenauer Tempelvereines wird zur Kenntnis genommen. Ueber Antrag des Herrn Vertreters Hieldburghäusser werden einige würdige Greisinnen in das Altersversorgungshaus der Cultusgemeinde ausgenommen. Herr Dr. Stern gibt einen zusammenfaffenden Bericht über die letzten Modificationen des Statutenentwurfes und gibt der Erwartung Ausdruck, dass die Neuwahlen in den Vorstand .aus Grund des neuen Statutes im Herbste zur Vornahme gelangen werden. Ein interessantes Gegenbild zu der bedauerlichen Finanzläge der Wiener Cultusgemeinde bietet der eben erschienene Bericht der Berliner jüdischen Gemeinde 1893/95, auf welchen Herr Dr. Steiner in instructiven Ausführungen die Aufmerksamkeit lenkt. Dem Wiener Deficit von 56.000 st. gegenüber erscheint dort ein Gebahrungsüberschuß von rund 250.000 Mk. Während in Wien auf eine Bevölkerungsziffer von 130.000 jüdischen Einwohnern eine Cultussteuersumme von 190.000 fl., sohin per Kopf 1 fl. 45 kr. entfällt, beträgt 4» Berlin bei 80.000 jüdischen Einwohnern die Cultussteuer 910.000 Mk., sohin 11 Mk. 37 Pf. — 6 fl. 80 kr. per Kopf. Wim weist auf je 10 jüdische Einwohner einen Steuerzahler, zusammen 13.016 Steuerzahler aus, Berlin schon auf je fünf jüdische Einwohner einen Steuerzahler, zusammen 16.235. Wohin entfällt in Wien auf einen Steuerzahler eine Cultussteuer von durchschnittlich 14 fl. 50 kr., in Berlin Aon 57 Mk. -34 fl. :20 :fr. Dieser günstigen Lage .entsprechend, kann ün Berlin für die einzelnen Cültuszwecke weit mehr-geleistet werden, , als in Wien. So verwendet Berlin .180.000 Mark als Gemeindezuschuß 'für gottesdienstliche . Zwecke, Wien . nur 31.000 sl. Die Religiousschulen der Berliner Gemeinde kosten 122.000 Mk., die der Wiener Gemeinde haben nur 43.000 fl. zur Verfügung. Allerdings verwendet die Wiener Gemeinde für Wohlthätigkeitszwecke 72,000 sl., während der Berliner Gemeindezuschuß für solche nur 62.000 Mk. beträgt.;., allein-das scheinbargeringere Berliner Bedürfnis erklärt sich daraus, dass die diversen Berliner Wohlthätigkeits-Anstalten außerordentlich reich fundirt sind. So konnte z. B. aus der Dr. Ephraim- Stiftung ein Betrag von 164.000 Mk. für Arme verwendet werden; die vorhandenen sieben .Waisen-Jnstitutionen haben an drei Millionen Mark zur Verfügung; das Alters-Versorgungs- Haus beherbergt 191 Greise und Matronen; das Krankenhaus hat eben eine Schule für jüdische Pflegerinnen.'eingerichtet; neuestens hat der Fabrikant Manheim zur Vergrößerung: des Siechenhauses 500.000 Mk. gespendet. Vergleicht man mit diesen Ziffern die bescheidenen Wiener Zahlen, so drängt sich die Frage auf: ״Wo steckt denn das goldene Wiener Herz?" Leider erhellt aus dem Angeführten, dass man in Berlin mehr Pflichtgefühl und Gemeinsinn kennt, als dies in Wien der Fall ist; wie sehr dort die Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben vorwaltet, geht auch daraus hervor, dass die Austritte aus der jüdischen Gemeinde in Berlin per Jahr 80 betragen gegen 400 in Wien! — Zu hoffen bleibt es, dass die demnächstige Neuconstituirung der Wiener Cultusgemeinde bessere Verhältniße anzubahnen ermögliche. Mit diesem äußerst interessanten Berichte des Herrn Vorstandsmitgliedes Dr. Steiner über die Verhältniße der Berliner jüdischen Gemeinde, gegenüber welchen die der Wiener Gemeinde leider bedeutend zurückstehen, schloß die öffentliche Sitzung. aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und aus Schriften moderner Pädagogik. Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Neligionsprofcssor am Obergymnasmm zu S. A. Ujhely. (Fortsetzung.) . N a ch d r u ck v e r b o t e n. Noch mehr ist der Vater dadurch unsterblich, weil der fromme Sohn in seinen frommen Fußtapfen wandeln wird. ״Wer einen ihm gleich frommen Sohn hinterlässt, der ist nicht gestorben". (Sabb. 119.) Ferner participirt er im. Jenseits an den Verdiensten seines frommen Sohnes. ״Vater und Mutter können an den Kindern den Himmel verdienen, und die Hölle, wenn sie denen wohl oder übel vorstehen." (Luther.) Endlich wird der Sohn hinieden eine Stütze sein, obwohl dies nicht der eigentliche Zweck der religiös-sittlichen Erziehung sein darf. Die Frau kann wohl sagen: ich wünsche einen Sohn als Stütze znr Hand und als Schaufel zur Werkstätte. (Ketub. 64.) Aber jener Vater, der seinen Sohn nicht pflichtgemäß in Zucht Hält, wodurch er einen zuchtlosen Lebenswandel führen und ihm später Schande machen kann, der wird ihn endlich hassen. So erklärt der Midrasch die sonst widernatürlich scheinende Behauptung Salomons (Spr. 13. 24.): ״Wer die Ruthe von seinem Sohne zurückhält, der h ass.t ihn, aber wer ihn liebt, der züchtet ihn bei Zeiten." (Jalk, u. Midr. Mischli z. St.). Auch Gott bestraft bald die Frommen, wie. -überhaupt Israel, um. sie zu bessern.