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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-06-01 · Heft 15 (1.6.1896) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 15 (1.6.1896)
Date
1896-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Seite 5. Thatsache, dass lange vor der Emancipation der Juden und vor dem Uebergang zu einer freieren wirthschaftlichen Gesetzgebung in einzelnen jüdischen Familien enorme Reichthümer augesammelt wurden. Der freiheitliche Geist unserer wirthschaftlichen Gesetzgebung soll also corrigiert, die Bewegungsfreiheit der Arbeit, des Capitals, des Grund und Bodens soll eingeschränkt werden. Dies wird den Leuten aber nicht gelingen. Der moderne Geist, welcher dem Volke in Fleisch und Blut übergegangen ist, fordert gebieterisch die nach langen Kämpfen errungene Freiheit. Wir können diesen Geist nicht mehr bannen, und wenn es je einmal einer reactionär antisemitischen Mehrheit gelingen sollte, der Gesetzgebung eine rückläufige Bewegung zu geben, so würde sich der Dampf und die Elektricität mit unwiderstehlicher Gewalt die verlorene Freiheit wieder zu verschaffen wissen. Diese Be wegungsfreiheit der productiven Factoren ist aber nicht etwa ein nothwendiges Uebel, eine Beschränkung derselben wäre vielmehr im Interesse der Volkswirthschaft durchaus nicht rathsam. Es ist eine Thatsache. dass die Freiheit der Concurrenz die Leistungsfähigkeit aufs höchste anspannt, dass das freie Spiel der wirthschaftlichen Kräfte innerhalb eines Wirthschaftsgebietes die größtmögliche Production im Gefolge hat und dass durch diese wenigstens in th.esi die weiteste Bedürfnisbefriedigungs- Möglichkeit geschaffen wird. Wenn aber die Bestimmung des Menschengeschlechts darin besteht, sich die Erde unterthan zu machen, d. h. sie immer extensiver und intensiver zu beherrschen, so kommt die Menschheit dieser Bestimmung eben durch fortschreitende Steigerung der Production immer näher, denn Steigerung der Production heißt ja nichts anderes, als Ausdehnung der Herrschaft des Menschen über die Erde und die in und auf ihr vorhandenen Kräfte. Dieser Bestimmung entspricht auch das natürliche Bestreben des Menschengeschlechtes, welches dahin geht, den Kreis der zurBefriedigungkommendenBedürfniße stetig zu erweitern. Es bleibt somit als durchführbares und zweckentsprechendes Hilfsmittel für die Antisemiten nur die Ausnahmegesetzgebung gegen die Juden, die Zurücknahme der Emancipation derselben, übrig. Was diesen Punkt anbelangt, so dürfte es vielleicht für Leser, Caffshaus und Synagoge, welch' ein Cvntrast! Allein es ist dies eine Art Splitter, der mir so in die Feder kam, darum heraus mit demselben und zurück zu meinem Pensum und Eisik. Als mich Eisik erblickte, verstummte sein ״herzzerbrechender" | Gesang, um mich mit den Worten ״was ist wieder Leiserl?" zu begrüßen. Habt Ihr, werthe Freunde Victor Hugo's ״Glöckner von Notre Dame" gelesen? Ja! Folglich kennt Ihr ״Ouasimodo". Ein Seitenstück war mein guter Eisik — nur war er nicht von dieser riesenhaften Stärke, allein von derselben riesenhaften Hässlichkeit, auch war er nicht taubstumm, sondern, wie wir schon hörten, sogar musikalisch, ja, er sprach sogar ein sehr schönes und gewähltes Deutsch, und als ich unwillkürlich das Buch, zur Hand nahm, das vor Eisik lag, da las ich den Titel ״Herbstblumen" von Jean Paul und darunter in ausgeschriebenen Schristzügen ״Besser ohne Liebe zu sterben, als ohne Liebe zu leben". — Der Leser wird daher nicht mehr staunen, wenn ich ihm sage, Eisik machte mein griechisches Pensum fertig. ״Das ist eine Schande" sagte Jemand, ״ein Student lässt sich von Eisik die Aufgaben machen!" Ich war in Verlegenheit und Eisik sprach bald darauf: ״Da hast Du". War doch Eisik selbst einmal Student — und heute? — ־ Eisik war ein eigenthümlicher Mensch. Niemand wusste woher er gekommen, was erwar, seine Vergangenheit war ein dunkles Räthsel. Es war einmal gerade Tischo-beov. als man ihn plötzlich in einer ״Stot" der Altneuschul' aus der Erde sitzen: sah, und laut die ״Echos" recitiren hörte. Nach dem Gottesdienste die Antisemiten lehrreich sein, wenn sie sich ihre Forderungen erst einmal etwa in der Form eines Gesetzentwurfes selbst klar machen und dann auch der allgemeinen Beurtheilung unterstellen würden. Die Sache ist nämlich gar nicht so einfach, wie diese Leute sich dieselbe vorzustellen scheinen. Schon der Kreis der Personen, aus welche sich die angestrebte Ausnahmegesetzgebung beziehen sollte, wäre außerordentlich schwer abzugrenzen. Natürlich soll sich diese Gesetzgebung erstrecken auf alle wirklichen Juden; wie wäre es aber zu halten mit denjenigen Juden, welche zum Christenthum übergetreten sind? Das sind doch Christen, und wenn die Judenftage als eine religiöse Frage angesehen wird, so darf der getaufte Jude, weil er mit der Taufe Christ geworden ist, von der Ausnahmegesetzgebung nicht mehr betroffen werden; wird aber die ethnologische Seite der Frage in den Vordergrund geschoben, so verliert der Jude durch die Taufe seine Raffeneigenthümlichkeit nicht, er bleibt noch rasseechter Jude und damit wohl auch unter der Ausnahmegesetzgebung? Bis zur wievielten Generation erhält - sich aber nach der Ansicht der Antisemiten die Raffeneigenthümlichkeit in einer getauften Judenfamilie, einerseits bei Ver- Mischung mit germanischem Blnt, andererseits ohne solche Ver- Mischung? Verschieden wird auch die Antwort auf die Frage ausfallen, wie es mit einem unbeschnittenen, also heidnischen Nachkommen jüdischer Eltern oder mit den Sprösslingen von Mischehen zu halten wäre. Macht schon die Abgrenzung des Personenkreises, auf welchen sich die Ausnahmegesetzgebung erstrecken soll, unübersteigliche Schwierigkeiten, so zeigt eine Betrachtung des weiteren, materiellen Inhalts, der etwa von einem solchen Gesetz gefordert werden könnte, dass auf diesem Wege nicht viel zu erreichen wäre, ganz abgesehen davon, dass ein Ausnahmegesetz gegen die Juden nun einmal der heutigen demokratischen Anschauung nicht mehr entspricht, welche die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz fordert. Auch widerspricht eine auf religiöser Basis beruhende Gesetzgebung gegen die Juden durchaus dem Wesen des modernen Staates, denn dieser ist keineswegs mehr ein christlicher Staat. näherte er sich dem damaligen Ober-Rabbiner von Prag, Reb Schmul Freund, und bald wusste man, dass der Unbekannte ein Ausbund von Gelehrsamkeit, Armuth und — Hässlichkeit sei. Eisik wurde bald populärer, er hatte eine eigene Art Verkehr, weder abstoßend, noch anziehend, da er aber nicht zudringlich war, so gewöhnte man sich an ihn. Zur andauernden Arbeit, ob geistig oder Physisch, schien er keine Ausdauer oder, ich möchte sagen, Spannkraft zu besitzen; und so lebte er eine Art Zwitterdasein als Minjanmann, Kellner, Harfenist benannten Cafö's und Nachtwächter. Keiner verstand die Balbatim so anständig, pünktlich nnd doch energisch zu ״Sliches" zu wecken, wie Eisik. Eisik wohnte in der engen Usergasse, nahe der Moldau. Ost sah man ihn am Wasser im Grafe sitzen und mit leerem Hlick in's Wasser starren, als ob er gleichsam mit dem Flusse dahin ziehen wollte an jenes ferne Gestade, wo selbst die Wellen still und friedlich ruhen. Eine unbeschreibliche Wehmuth sprach aus seiner originellen Gestalt, und unwillkürlich fühlte man, dass dieser Mensch viel der Leiden im Leben genossen, ja, dass sein Inneres stets noch von Gemiithsstürmen zerüttet wurde, die eine menschliche Hand nicht heilen nnd beruhigen kann. H: * -t- Es war die Zeit, wo der Herbst mit den gelbgesärbten, lose hängenden Blättern sein Spiel treibt. Die ganze Natur bot das Bild eines Ermüdeten, der sich zur Ruhe vorbereitet. Auch unser Eisik schien immer mehr und mehr in sich selbst zusammenzuschrumpfen. Seine Haare schienen grauer, sein Antlitz war von krankhafter Blässe und seine Stimme schien noch greller zu

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