Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 15 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 15. wirtschaftlichen Verhältnißen der Gegenwart ist der Grund für die wachsende Ausdehnung der antisemitischen Ideen zu suchen und in der Stellung, welche die Juden in dem heutigen wirthschaftlichen Leben eiunchmen. Diese ist allerdings der Beachtung werth, denn es steht fest, dass die Juden im allgemeinen aus ärmlichen Anfängen sich zu immer größerem Wohlstand, ja zu bedeutendem Reichthum emporgeschwungen haben, während sie sich vor der Emancipation wenigstens im großen und ganzen noch auf den kleinen und kleinsten Handel mit allen möglichen Maaren in jeder Form beschränkten, haben sie seicher gerade die großen Unternehmungen in ihre Hände bekommen und einen Capitalreichthum von ungeahnter Höhe angesammelt. Der Nichtjude sieht das Emporkommen der Juden vou einer Generation zur anderen, er sieht, wie der Sohn des Aron, der selbst noch als armer Hausirer das - Land durchzog, als großer Fabrikant oder Banquier Geld auf Geld häuft, während er, der Sohn des wohlhabenden Zunftmeisters, genug zu thun hat, um das Ererbte zu erhalten und in bescheidenem Wohlstand zu verbleiben, und ein Nachbar, der vielleicht weniger gut gewirtschastet hat, von dem Juden längst ausgekaust ist und nun als armer Taglöhner sein Leben fristen muß. Der Neid überkommt ihn. warum soll er nicht ebenso reich sein, er, der Sohn einer altangesehenen Familie, er hat doch sein Geschäft gut gelernt, arbeitet fleißig Tag und Nacht, ist vorsichtig in allen seinen Unternehmnngen und sparsam nnd wirthschastlich bei allem, was er thut? Aber die Zeiten sind schlecht, und wenn trotzdem der Jude vorwärts kommt, so kann das nur an seiner Scrupellosigkeit und an seinen betrügerischen Geschäftskniffen liegen. Solche Erwägungen führen zur antisemitischen Gesinnung des Einzelnen. Dann kommt noch die geschäftige Fama, die aus allen Ecken und Enden der Welt wahre und erdichtete und entstellte Geschichten von Betrügereien, welche Juden verübt haben oder haben.'sollen, zusammenträgt, und diese werden von den durch Neid hiefür empfänglich genrachten Gemüthern geglaubt, denn der Jude wird reich, wie die Erfahrung lehrt, der Nichtjude aber bleibt oder wird arm. Gisik-Luasimodo. Aus meinem Album. Skizze von E. H. Spielmanu, Pilgram. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre rin langsames Verbluten, wenn die Dichtkunst nicht wäre. (Börne). Nachdruck verboten. III. Ich sitze beim Clavier, spiele aber nicht, sondern benütze es als Schreibtisch, um meine Composition, ״Die Unsterblichkeit der homerischen Jliade," nach bester Unfähigkeit für morgen fertig zu bringen. Die Sonne scheint Hell und fteundlich zum offenen Fenster herein, wie um mich zu necken, vom Hofe und der Straße dringt jenes lebensfreudige Treiben herauf, welches an einem klaren, Hellen Frühlingsnachmittag die Straßen erfüllt, wo eben Alles Ln die freie, erwachende Natur zieht, um sich an deren Lieblichkeit zu ergötzen. Nur ich bin verurtheilt hier zu hocken und mein Denkvermögen für leere Phrasen anzustrengen. ״Horch dem Klang-der Zither und öffne mir das Gitter!" tönt es plötzlich vom Hofe von einer gebrochenen Stimme, dazu ״Himmelschreiende" Accorde einer großartig verstimmten Harfe. Mein Pensum nehmen, die zwei Treppen Hinunterstürzen' und mit dem Rufe ״ יdas Vaterland ist gerettet!" im Hofe sein, war eins. Dopt faß ״Ei fl k^ und spielte und fang zur Erheiterung- und Mxzweil der wenigen Gäste,£t>k den: Nachmittag in der.?kleinen Vwanda des ״Cafs Dvoreles"; znbringM Mllten. Dazu kommt, dass die Juden heute in der Presse und an der Börse die die erste Rolle spielen und dadurch auf das geistige und wirthfchaftliche Leben des Volkes den größten nnd nicht immer zu billigenden Einfluss ausüben. Wenn die Thatsache zugegeben ist, dass der Jude im wirthschaftlichen Leben im allgemeinen es zu etwas bringt, während dies dem Nichtjuden nicht so häufig gelingt, so dürfte es angezeigt sein, dem Grund dieser immerhin auffalleudenden Erscheinung nachzugehen. Derselbe wird von den Antisemiten in der heutigen freiheitlichen wirthschaftlichen Gesetzgebung gesucht. Nicht ganz mit Unrecht; er liegt aber auch in der hervorragenden wirthschaftlichen Veranlagung der Juden. Die frühere wirthfchaftliche Gesetzgebung war außerordentlich fürsorglicher Natur; sie wollte durch ihre Maßnahmen den Bestand der einmal vorhandenen Existenzen sichern und musste deshalb Schutzmaßregeln für dieselben gegen neue Concurrenz ergreifen. Das ist jetzt anders geworden: die Gewerbe-, Arbeits-, kurz die wirthschaftliche Bewegungsfteiheit ist in der Gesetzgebung zum Durchbruch gekommen, und ein fteies Spiel aller wirthschaftlichen Kräfte wurde in Seene gesetzt. Diese individualistische Gesetzgebung führt zum Concurrenzkampf aller gegen alle, und in diesem Kampf behält die größere wirthschaftliche Tüchtigkeit die Oberhand. In dieser Beziehung sind aber die Juden unserem Volke meist überlegen. Der Jude hat eine vorzügliche wirthschaftliche Begabung; er ist sparsam in seinem Verbrauch, findig in der Ausnützung aller für ihn günstigen Conjuncturen, nicht wählerisch in der Art des Geschäfts, wenn nur etwas dabei verdient wird. Liegt nach dem Angeführten der tiefere Grund für die Ausbreitung des Antisemitismus in dem wirthschaftlichen Emporkommen der Juden, so glauben die Antisemiten ihre Agitation hauptsächlich gegen unsere neue freiheitliche Wirthschaftsgesetzgebung und gegen die Emancipation der Juden richten zu sollen, weil erst durch das Zusammenwirken dieser beiden die Juden heraufgekommen seien. Dabei passiert aber den Antisemiten eine unverzeihliche Vergesslichkeit, denn es ist doch eine unbestreitbare ״Cafe Dvoreles" — wird es wohl heute Jemand wagen, bei der hohen Stufe der Intelligenz, auf welcher wir uns befinden, den Namen ״Dvoreles" so ostentativ auf sein Schild zu schreiben? Die Antwort überlassen wir dem Leser. Damals, wir befinden uns im Jahre 186., gieng es noch anstandslos, heute prangen ganz andere Namen — Continental, Europa 2c. Finden wir aber auch heute noch diese wohlthuende Gemüthlichkeit in diesen öffentlichen Localen der jüdischen Gesellschaft? Nein! Es ist hier zwar jede Art Comfort, Bequemlichkeit, aber jener anheimelnde Duft, das freundlich Familiäre der Gesellschaft ist verschwunden. Kalt, steif und hölzern ist Alles, von Herzlichkeit keine Spur. Unwillkürlich fühle ich mich von dieser trockenen Prosa zu einem Vergleich veranlasst, den mir die verehrten Collegen gewiss verzeihen, wobei sie mir aber dennoch Recht geben werden. Es ist geradeso wie mit dem reformirten Gottesdienst und den neuen, groß angelegten Synagogengesängen. . Beim Anhören dieser-brausenden Orgeltöne, der schmetternden Soli irgend einer Theatersolistin und der prächtigen Chorstellen denkt man Alles nur nicht an Gott. Man fühlt sich in einem Theater oder Concert, aber nicht im Gotteshause. Ich schwelge in Tönen, aber ich kann mein Leid, meinen Schmerz׳ nicht in diesen Tönen : ausdrücken, denn das ist Kunst. Weniges fehlt und das ׳ Auditorium — Pardon, die Andächtigen — klatschen in die \ Hände, um ihren Beifall auszudrücken. Ist das wohl Andacht?; Da suche ich doch lieber das. kleine, bescheidene Betstübchen auf, : wo ein wirklicher CH äsen die Gebete mit jener Herz- und gemüth-! erquickenden -Einfachheit vürträgt,׳ Worin die wirkliche WürdeUinö ■ Weihe liegt, die,zur . Andacht, sümmt. Doch VerzHung, lieber