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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-06-01 · Heft 15 (1.6.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 15 (1.6.1896)
Date
1896-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitnng Seite 3. Siechthums. Ehrfurcht, Gehorsam und werkthätige Dankbarkeit ist heilige Pflicht der Kinder gegen ihre Eltern; strenge Zucht, entspringend äüs treuer Sorge für das Lebensglück der Kinder, ist das wichtigste Anliegen der Eltern- Die Richtschnur der •Erziehung war rat mosaischen Gesetze, besonders in den Zehngeboten gegeben. Und da dieselben als Ausdruck des höchsten Willens galten, also Gott selbst als König, Pädagog und ׳Richter des• Volkes betrachtet wnrde, so war die israelitische Erziehung eine entschieden religiöse. Die pädagogische Autorität der Eltern wurde aus g ö t t l i ch em Aufträge, ihr pädagogisches Verfahren aus göttlichen Vorschriften abgeleitet. Dass das Kind ein r e ch t e r I s r a e l i t, ein geh o r s a m e r und treue r Knecht Gottes werde, war׳ Hauptziel der Erziehung. Mit dieser religiösen Richtung war zugleich die sittliche gegeben; denn 'das.Gesetz Gottes zeichnete-das Thun und Lassen-der Menschen vor. Das Vorbild und dasbelehrende Wort-der Eltern waren -die״ Quellen, aus ׳ denen die Kinder ihrenreligiösen Glauben, ihre sittlichen LebeNsregeln-ihr Volksbewusstsein schöpften.-" ־ - Ein Vater, der mit der- Erziehung seines Sohnes die obgedachten Ziele anstrebt, kann ihn nicht ׳hassen, er wird ihn vielmehr sehr lieben, weil er durch ihn mehrfältige, höchst schätzbare Güter erlangen kann. Vor allem ist er durch einen frommen und würdigen Sohn unsterblich. Der Sohn soll bei Unterfertigung seines hebr. Namens auch den hebr. Namen seines Vaters schreiben, ist ein Ausspruch des Talmud. (Sanhedr. 96.) Hiebei halten-wir es für geeignet, die Eltern aufmerksam zu machen, dass es wegen verschiedener Eventualitäten nöthig ist, die Kinder ihren eigenen hebräischen Namen, nebst dem׳ ihrer Eltern richtig sprechen und schreiben zu lehren. So soll schon Jakob in seinem an den König von Egypten, Josef, durch Jehuda gesandten Brief, worin er ihm sein Leid über seinen vermissten Sohn schilderte, sich unterfertigt haben: Von deinem Diener Jakob, Sohn Jsaks, Sohn Abrahams, des׳ Hebräers. (S. Sefer Hajascher 45 u. Gedulat Josef 35.) ־ Zur Iudenstage?) Soweit die deutsche Zunge klingt, finden wir zur Zeit eine antisemitische Bewegung von einer Stärke, dass die Philosemiten unwillkürlich eine Besorgnis befällt in der Erinnerung an mittelalterliche Verirrungen, während dem Gegner frohe Hoffnung die Brust schwellt. Vom äußersten Süd osten bis zum entfernteste!: 'Nordwesten greift die Bewegung immer weiter um sich. Während in Wien die bekannten antisemitischen ״Siege" errungen wurden, fand ich auf einer fernen Nordseeinsel die intensivste Judenhetze, und es war dort für den Vertretereines jüdischen Namens oder einer jüdischen Physiognomie in der That nicht rathsam, sich am Strande blicken zu lassen, wollte er sich nicht den Jnvectiven des Badepublicums aussetzen.Dem vorurtheilslosen Beobachter des heutigen wirthschaftlichen Lebens wird die Popularisirung der antisemitischen Ideen an sich nicht ganz unverständlich sein, es düfte sich aber doch der Mühe bohnen, einmal näher auf die Frage, einzügehen, auf welche Ursachen die stete Ausbreitung des Antisemitismus zurückzuführen ist. .... Wenn auch vielleicht im Mittelalter die religiöse Gw nd erstellung d er Jud en, das Bewusstsein, dass sie die Nachkommen jener Menschen sind,, welche den Heiland der Welt, ans Kreuz brachten, den Hass gegen dieselben entstammt ׳ ״' ‘ *) Von einem süddeutschen Bureaukraten aus Nr.69 ׳ b. ״Zelt"׳ haben mag, so können wir dies fiir die gegenwärtige Bewegung nicht zngeben; es mögen einzelne antisemitische Heißsporne neben anderem auch die religiöse Differenz bei ihrer Hetzarbeit zu verwerthen suchen, thatsächlich verfängt dies aber heutzutage auf die Dauer weder bei dem halbgebildeten, noch bei dem ungebildeten Theil unseres Volkes, von den Gebildeten ganz zu schweigen. Dazu ist das Volk in seiner Masse in religiöser Beziehung viel zu indifferent, viel zu gleichgiltig, und wennes sich auch vorübergehend aus religiösen Gründen in eine äugenblickliche Hepp-Hepp-Begeisterung hineinhetzen ließe, so kann doch die große Verbreitung und die Nachhaltigkeit, welche der heutigen antisemitischen Bewegung innewohnt, keineswegs auf religiöse Gründe zurückgesiihrt werden. Würde die Bewegung auf religiöser Basis beruhen, so hätten doch wohl diejenigen Christen, welche, von ihrem Glauben durchdrungen, auf diesem ihre ganze Welt- und Leöensanschauung aufbanen und mit derselben auch in ihrem Leben Ernst machen wollen, cm sich am meisten Veranlassung zum Judenhasse, und es müsste sichdie gegenseitige Erbitterung gerade zwischen den überzeugungstreuesten Vertretern des Judenthums und des Christenthums zeigen. Das ist aber nur insoferne der Fall, als beiden altgläubigen Juden gegen das Christenthum in der That ein bitterer Hass, wie seinerzeit bei dem eiferndem Saulus, besteht, dagegen halten sich auf Seiten der Christen gerade die Gläubigen schon in Befolgung des christlichen Gebotes ׳der Nächstenliebe von der Hetze ferne, ja diese sehen, ganz der biblischen Anschauung entsprechend, in den Juden auch heute noch das auserwählte Volk Gottes, und sie hoffen, dass sich dieses noch einmal als Ganzes zum Christenthum bekehren und dann ein Salz für die alten christlichen Völker werde, wie sich der Saulus in einen Paulus verwandelte. Wenn es aber vorzugsweise Namenchristen sind, welche die Fahne des Antisemitismus hoch halten und ihr folgen, so muß es als Heuchelei bezeichnet werden, wenn diesen Bestrebungen ein religiöser Deckmantel umgehängt werden will. Thatsächlich müssten die Antisemiten, wenn ihnen die Judensrage eine religiöse Frage wäre, sich im Einzelnen auch damit zufrieden geben, wenn der Jude seinen Uebertritt zum Christenthnm vollzogen Hütte; das ist aber nicht der Fall, denn erst nach Generationen sollen die Nachkommen jüdischer Eltern das Kainszeichen verlieren. Außer der religiösen Sonderstellung wird gegen die Juden auch die Rassenverschiedenheit ins Feld geführt. Sie gehören, so sagt man, einer nach körperlicher und geistiger Veranlagung ganz anderen Rasse an, als die Germanen; sie bilden, wo sie seien, stets einen Staat im Staate und halten sich von jeder Vermischung mit dem Blut des Volkes, unter welchem sie wohnen, vollständig frei. Diese Thatsachen sind ohneweiters zuzugeben, insbesondere lässt sich nicht leugnen, dass sich die Juden trotz ihrer Zerstreuung über alle Länder mit merkwürdiger Zähigkeit rein von aller Beimischung fremden Blutes gehalten haben und sich immer noch als ein zusammengehöriges Volk betrachten. Trotzdem kann aber die Rassenverschiedenheit nicht der. Grund dasiir sein, dass der Antisemitismus io Liese Wurzeln im Volke gefasst hat, denn der Hinterwäldler kümmert sich um derartige ethnologische Erwägungen ebensowenig, wie der städtische Kleinbürger oder Arbeiter. Wegen der verschiedenen Rassenabstammung der Juden würden sich die Leute in keiner Weise gegen dieselben erhitzen. Für sie reimen sich alle Fragen, auf den Magen und ihnen ist auch die Judensrage eine Magenfrage, d. h. eine wirthschastliche Frage, und' nur in den

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