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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-05-21 · Heft 14 (21.5.1896) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 14 (21.5.1896)
Date
1896-05-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14. . Oesterreichisch-ungarifche! Lantoren-ZeiLung Seite 5. Oeffentliche Bauten, Unterhaltung des Kultus, Bezahlung der Funktionäre liegen nämlich nicht der Gesammtgemeinde ob> sondern nur den etwa zwanzig kleinen Gemeinden. Die Gesammtgemeinde, deren Einnahmequellen bei! blühendem - Geschäftsgang gmrz beträchtliche sein müssen, hat wesentlich, nur die Aufgabe, die Armenlasten zu tragen, d. h. die einlaufenden Mittel entsprechend zu vertheilen. Die kostspieligste aller Institutionen einer Gr'oßgemeinde, der Unterricht der Jugend, wird ja in Konstantinopel zum allergrößten Th eil von der Alliance Israelite' unterhalten, und damit wird das Budget der Gemeinde, die so gut wie nichts zum Unterricht beisteuert, entlastet. Die Einkünfte der Gemeinde bestehen weniger in direkten Steuern seitens ihrer wohlhabenden Mitglieder, denn aus der öffentlich-rechtlichen Funktion des Oberrabbinats. Das Rabbinat ist nämlich in der Türkei für die Juden Gerichtshof, Standesamt, Katasteramt und Notariat zugleich. Wie der Scheikh für die Mohamedaner, so ist der Chacham fiir die Juden Richter und Prister in einer Person. Privatrechtlich ist es für Rechtsstreitigkeiten unter den Juden die erste, in gewissen Fällen sogar die letzte Instanz. Bei jedem Hauskauf unter den Juden hat der Verkäufer, sofern er türkischer Unterthan ist, an die Gemeindekasse folgende Sätze zu entrichten: Bis zum Werth von 1000 Pfund 1 Prozent, bis 15000 Pfund V2 Prozent, von da ab nur noch 74 Prozent. Das gleiche gilt von Hypotheken, sofern solche in der Türkei, die weder Grundbücher noch Notare kennt, überhaupt möglich und Zulässig sind. Jede Hypothek, die auf dem Amtsbureau des Rabbinats überschrieben werden muß, bedingt genau die Hälfte jener Sätze, die beim Verkauf üblich sind, als! 72, 74 bis 78 Prozent. Außerdem ist eine direkte Steuer , auf die Mitgift gesetzt, die in der Regel, bei Wohl- Habenderen zumal, 3 Prozent der Mitgift beträgt. Ferner hat die Gemeinde ein indirektes Steuersystem auf die drei wichtigsten VN"1-Artikel eingeführt: Fleisch, Wein und Käse. Mag man in seiner Steuerpolitik im Allgemeinen jeglicher indirekten Steuer, welche ja Reiche wie Arme in gleicher Höhe trifft, grundsätzlich abgeneigt sein, so wird man für die eigenartigen Verhältniße in Konstantinopel diesem Steuersystem seine Anerkennung nicht versagen dürfen, da die Brodfrüchte hier nicht eingeschlossen sind. Fleisch, Wein und Käse sind aber Luxus- Artikel, welche die jüdischen Proletarier in Kvnstantinopel doch wohl nur an Feiertagen zu Gesichte bekommen, da aber werden sie ihnen gratis vertheilt! Wenn es als ebenso feinsinniges, wie psychologisch tief begründetes Wort unserer Weisen gepriesen wird: Nehmet die Armen unter euere Fittige, da wesentlich von ihnen die Lehre, d. h. das Heil und die Zukunft Israels, ausgeht, so möchte ich diese Armen mit ganz besonderem Nachdruck darin einbeziehen. Die spagnolischen Juden in der Türkei, unter denen ein Uebertritt zu einem anderen Religionsbekenntnis schlechterdings nicht vorkommt, scheinen mir die zuverlässigste Reserve-Armee des Judenthums zu sein. Wenn im Westen Zweig auf Zweig abfällt, wenn selbst unter den Juden in Rußland politischer Druck die nur allzu gefügigen Zweige knickt und in erstaunlicher Menge zum Brechen bringt, so verbleiben uns immer noch m Orient unbesiegbare Reserve-Truppen, deren mannhaftes Märtyrerthum vor 400 Jahren bereits die Feuerprobe glänzend bestanden hat. Wir sind der Alliance Israelite doppelt dankbar, dass sie mit dem glücklich inspirirten Gilb erblick chres unsterblichen Begründers Cremieux ihr Augenmerkvorwiegend auf die Juden im Orient gerichtet hat, auf dass diese sephardische Judenheit mit den reichlichen Mitteln der Aschkenasim sittlich-erziehlich gehoben und dadurch zugleich auch ökonomisch gestärkt wird. Denn ich 7 erblicke in ihr eher als etwa in der russischen Judenheit eines der letzten uneinnehmbaren Bollwerke des in seinem Be-- stand von Außen und Innen gleich sehr bedrängten Judenthums. Und vielleicht heißt es auch von den Juden im Orient dereinst wieder: ex Oriente lux! des Großrabbiners von Frankreichs Herrn Zadoc Kahn, an der Bahre des Baron Hirsch. Meine Herren! Wenn der israelitische Cultus, wie andere große Religion^ geuossenschaften, ein gemeinsames Oberhaupt an seiner Spitze hätte, welches fein Vertreter, sein bevollmächtigter Dolmetsch und sozusagen sein lebendiges Gewissen wäre, so käme diesem die Pflicht zu, bei diesem schmerzvollen Ereigniße das Wort zu ergreifen. Baron Hirsch gehörte nicht dieser oder jener jüdischen Gemeinde, er gehörte nicht den Juden dieses oder jenes Landes an, er gehörte dem gesammten Judenthume, dessen unermüdlicher Wohlthäter, dessen allenthalben gar sehr anerkannter Beschützer er war. Darum hat die Nachricht von seinem Tode in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung tiefe Bestürzung hervorgerufen; darum sind aus allen Weltgegenden Kundgebungen der Trauer, der Theilnahme und der Dankbarkeit erflossen; darum ist dieser traurige Sarg von zahlreichen und hervorragenden Vertretern der einflußreichsten europäischen Gemeinden umringt, deren Anwesenheit dieser Leichenfeier den wahren Charakter verleiht und von der Größe unseres Berluftes zeugt. Ich bin nicht berufen, in deren Namen zu sprechen, aber ich bin überzeugt, das meine Worte ein Echo in ihren Herzen finden werden: das religiöse Oberhaupt der französischen Judenheit darf wohl das Recht in Anspruch nehmen, die Gefühle aller zum Ausdrucke zu bringen. Denn hier war es,׳ wo erdacht und entworfen, beschlossen und verwirklicht wurden die Pläne jener großartigen Stiftungen, welche den Namen des Baron Hirsch so populär machten; ergossen sich doch von hier aus wie von einer unversiegbaren Quelle die Wohlthaten seiner unvergleichlichen Mildthätigkeit. Wir waren deren tiefbewegte Zeugen, wir waren die ersten Vertrauten und hatten wiederholt Gelegenheit, dem Schöpfer so vieler edler Entwürfe die Bewunderung und die Dankbarkeit der Gesammtheit unserer Religionsgenossen auszudrücken. Baron Hirsch, meine Herren, und er war sich dessen stets bewusst, huldigte dem der Tradition des Judenthums innewohnenden leitenden Gedanken, dass eine außerordentliche Stellung auch außerordentliche Pflichten auferlege, dass die durch unsere Kraft und den Segen von oben erworbenen Güter nichts anderes als ein von der Vorsehung in unsere Hände gelegtes Vermächtnis seien, welches dem allgemeinen Besten dienstbar gemacht werde. Dies war das leitende Princip seiner Handlungsweise und das Geheimnis seiner verschwenderischen Wohlthätigkeit, die wir von dem Tag ean, wo er sich in nuferer Mitte.niederließ, bewundern lernten. Ach! ein schrecklicher und unerwarteter Schlag, der ihn mitten ins Herz traf, gab dem Drange seines Herzens, die menschlichen Leiden zu lindern, einen neuen Antrieb. Neun Jahre sind es her, dass wir wie heute hier versammelt waren unter dem Banne eines niederschmetternden Schlages. Wir beweinten mit den verzweifelnden Eltern den vielgeliebten Sohn, den ihnen

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