Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1896)
- Date
- 1896-05-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Sette. 4. Gesterreichisch-üngarische Lantoren-Aeitung. Nr. 14. HEen züMfem Bchufe Delegwte gewählt, die wieder ihrerseüs in Könstanttnopel ansässige Delegirte in der Höhe von Zwanzig Mitgliedern erMen, welche dem Sultan den geeignetsten Kandidaten präsenttren sollten. Als jedoch zwischen diesen zwanzig DÄWkten leine Einigung zu erzielen war, so wurde unter den Frage stehenden Kandidaten gelobst. Das Loos aber entschied für ihn, der, zwar berühmter Familie entstammend, doch bisher nur einfacher Chacham in Haiskoi gewesen war, zudem außer der türkischen kettle einzige europäische Sprache verstand, während sechs großen Orden auf einem seidenen Kissen, sowie das ihm vom Sultan׳ gestiftete goldüberladene Gala-Kostüm mit wahrhaft orientalischer Naivität vorweisend, von allen diesen Dingen mit schmunzelndem Behagen erzählte, konnte ich freilich nicht׳ ahnen, ,dass das scheinbar so friedlich daliegende Konstantinopel in diesem Augenblick bereits einem innerpolitischen Krater glich, dessen Eruption sich bald genug in erschütternden Anzeichen bemerkbar machen sollten. An statistischem, nationalökonomischem und öffentlich rechtlichem Material verdanke ich dem Munde des ׳Großrabbiners die Rabbiner von Alexandrien und Kairo z. B. sich vortrefflich italienisch, resp. französisch unterhalten können. Durch sein schlichtes, geschlossenes Wesen hat es der gegenwärtige Chacham Baschi offenbar-verstanden, sich Ln besonders hohem Grade die Gunst des herrschenden Sultans zu erringen. Er ist für seine Person von peinlicher Strenge in der Ausübung des Cermoniells, die er auch von seinen Nachkommen, die in patriarchalischer Weise sämmtlich seine Hausgenossen sind, erwartet und sordert. Andern gegenüber legt er jene Toleranz an den Tag, die ihm vom Geist der Zeit abgerungen wird. Und als vor einiger Zeit eine von fünfzehnhundert meist aschkenasischen Israeliten unterzeichnete Petition an den Sultan gerichtet wurde, in welcher die Petenten die Anstellung eines europäisch gebildeten Chacham Baschi erbaten und die Mottvirung hinzufügten, der fungirende Großrabbiner sei der Gemeinde zu starrgläubig, da beschied der SuÜan sogleich nach Eintreffen der Petitton den Großrabbiner zu sich. Dieser, den Grund dieser plötzlichen Citation nicht ahnend, fiebernd vor Aufregung, begiebt sich sofort ins Jeldiz (Palast des gegenwärttgen Sultans). Schon im Vorzimmer erwartet ihn der Großvezier und überreicht ihm noch vor der Audienz den Großkordon des Sulmanie-Ordens (mit welchem, wie schon bemerkt, das Prädicat Excellenz verbunden ist). Darauf wird er vom Sultan huldvollst empfangen, und es wird ihm die gegen ihn gerichtete Peüüon überreicht. Lächelnd fügte der Sultan hinzu: ״Erschrecken Sie nicht! Da ihre ärgsten Feinde Ihne nnichts Schlimmeres nachzusagen vermochten, als dass Sie in der Ausübung Ihres Berufes streng nach den Vorschriften Ihrer Religion verfcchren, so ist dies in meinen Augen keine Anklage, sondern eine Auszeichnung. Und da selbst Ihre Feinde Sie in dieser ungewollten Weise auszeichnen, so will ich dies auch von meiner nichts Seite unterlassen. Abgesehen von dem hohen Orden, den ich Ihnen verliehen, werden Sie vom heutigen Tage an als kaiserlicher Beamter entsprechend von mir honorirt. Mein Schatzmeister ist angewiesen. Ihnen in Zukunft ein Monatsgehalt von 50 türkischen Pfund (10.000 M. jährl.) auszuzahlen. Einen schaurigen Kommentar zu diesem auffallenden Gnadenbeweis hat der herrschende Sultan in der Zwischenzeit selbst geliefert. Er vergöttert nämlich alles Alte, verabscheut wie er alles Neue. Der Ingrimm gegen jeden Fortschritt steckt den sonst so gutarügen, weichseligen Herrscher, in welchem speziell die Juden der Türkei einen hochherzigen, edelgesinnten Fürsten verehren, so üef im Blute, dass erlich jüngst, aus krankhafter Angst um sein armseliges glückverlassenes Leben zu der grauenvollen That Hinreißen ließ, die Führer der reformsüchttgen, jungtürkischen Partei ohne Prozeß enthaupten uEderen Leichname in den Bosporus werfen zu lassen. Seine Gutherzigkeit gegen die Juden kann für uns kein Grund sein, diese mittelalterliche Kaltherzigkeit gegen seine aufgeklärteren Unterthanen zu übersehen oder gar zu vertuschen. Als mir der ehrwürdige Rabbi, ununterbrochen Cigaretten rauchend und mir ständig allerlei Erfrischungen anbietend, seine folgende Daten : Die Zahl der Juden in der gesammten Türkei wird auf rund 600.000 angegeben. Dazu treten noch die etwa 80.000 Inden in Jemen, welche ebenso wie sämmtliche Juden der Türkei in letzter Instanz der Jurisdiktion des Chacham Baschi in Konstantinopel.unterworfen sind. Wie überall, so stellen auch in der Türkei die Juden zu den größeren Städten das verhältnismäßig bedeutendste Kontingente Es seien hier die Großgemeinden mit ihrer jüdischen Seelenzahl hervorgehoben. Wobei ich bemerke, dass die mir vom Chacham Baschi angegebenen Zahlen von denen der Alliance-Berichte wesentlich abweichen: Konstantinopel, einschließlich der ca. 5000 Aschkenasim 100.000 Seelen *) Salonichi (ohne Umgebung) 50.000, Bagdad. (auch diese Gemeinde untersteht unserm Chacham Baschi) 45.000, Jerusalem 40.000 (mehr als zwei Drittel der gesammten Bevölkerung), Smyrna (ohne Umgebung) 20.000, Aleppo (Arani Zoba) 20.000, Damaskus 15.000, Adrianopel 15.000, Beyrut 10.000. Größere Gemeinden befinden sich noch auf den Inseln Korfu, Kreta, Rhodos und in Aegypten. Alexandrien zählt 10.000 jüdische Seelen (die merkwürdig genug, unter östterreichischem Schutze stehen) und Kairo gleichfalls 10.000 Seelen (wovon ca. 4000 Armengenössige). Von der Armuth der Inder! Konstäntinopels kann man selbst bei ausgeprägter Begabung für Schwarzseherei und Grauingraumalerei kaum ein übertriebenes Bild entwerfen. Konstanttnopel ist nicht etwa wie Smyrna Sitz des Großhandels der Türkei, sondern nur das Centrum des Kleinhandels. Wenn ich hinzufüge, dass, seitdem Graf Camando nach Paris gezogen, die jüdische Gemeinde von 100.000 Seelen nach zuverlässiger Schätzung keinen einzigen Franken-Millionär aufweist, vielleicht nur ein.halbes Dutzend Familien zu einer halben Million Franken und höchstens 100 Familien von 100.000 Franken, dann kann man sich eine ungefähre Vorstellung von der erschreckenden Größe und Intensität des jüdischen Proletariats in Konstantinopel machen. Die großen Reichthümer, wie der Groß- Handel überhaupt, liegen ausschließlich in den Händen der Griechen und Armenier, während die. Juden nur den Detail- Handel pflegen, dabei alle erdenkbaren Handwerke betreiben und daneben allerhand körperliche Arbeit verrichten. Wie man diesen Massenpauperismus durch ein geeignetes nationalökonomisches Kolonisationssystem an die neue Bahnlinie zu colonisiren habe, das scheint mir das dringendste soziale Problem für die nächste Zukunft der Juden in Konstantinopel zu sein. Hier, wie überall, sind Almosen nur vom Nebel. Weitausschauende, in großem Stile durchgeführte Kolonisirung allein kann hier durchgreifend die Lösung des Problems bewirken. Fragt man sich nun, wie dieses Armen-Budget gegenwärtig von den Juden Konstanttnopels besttitten werden, kann, so giebt uns die privatrechtliche Stellung der Juden m der Türkei darüber, ausreichende Auskunft. *). Nach den Jahresberichten der Alliance sollen es blos 40.000 Seelen sein. ־