Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1896)
- Date
- 1896-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3^ Nr. 14: Gefterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. a,ll' dem bleibt nichts als, die Häßlichkeit dieser thörichtesten, widerlichsten und glücklicherweise auch unnützesten-aller Arbeiten. Die Possqnten. auf. der Straße wenden, nicht einmal den Kopf darnach,: wenn die Pasenden sich Herumbalgen wie Teufel in zweideutigen Weihkesseln, Das Sonderbarste, aber ist, dass diese Leute glauben, ein gutes , und heilsames Werk zu thun. Wie beklagenswerth sind, die Armen, wenn sie in dieser Beziehung aufrichtig sind! Welch/ widerwärtiges: ״Document" werden sie der Nachwelt zurücklassen: ein. Konglomerat von Jrrthnmern. Lügen, gehässigem Neid, rasender Dummheit.; täglich tragen: sie ein solches zusammen. Wenn jemals ein Kritiker in diesen Sumpf wird herabsteigen, so. wird er erschreckt zurückfahren. Das Beste, was er darin noch finden kqnn, wird religiöse Leidenschaft und aus dem Gleichgewicht gebrachte Intelligenz,sein. An den Pranger der Geschichte wird mgn sie stellen, als sociale Uebelthäter, die ihre Verbrechen in, seltsamer Unkenntnis ihrer Zeit begangen haben. Denn das ist es, worüber ich beständig staune, dass eine solche Neugeburt des Fanatismus, eine neue Auflage religiöser Zwistigkeiten möglich war in unserer Zeit, in unserer Stadt Paris, in der Mitte unseres guten Volkes. Dass in unseren Tagen der, Demokratie, der schrankenlosen Toleranz, eine ungeheuere Bewegung gegen Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit sich überall kundgiebt! Wir sind daran, die Grenzpfähle l niederzureißen, von der Einheit aller Völker zu träumen, Religionscongresse zu veranstalten, damit die Priester aller Culte sich in Freundschaft umarmen, uns Bnider zu fühlen durch den einigenden Schmerz, uns gegenseitig vom Elend des Lebens zu befreieri, einen einzigen ragenden Altar des menschlichen Mitleids zu errichten. Und da, kommt * eine Handvo.ll Narren, Dummköpfe oder Betrrger, die uns allmorgendlich in die Ohren schreien: ,,Tödten wir die Juden, verspeisen wir die Juden, lasst uns sie massacriren, ausrotten, kehren wir zum Scheiter- Haufen und zur Folter zurück." Das heißt doch den günstigen Augenblick gewählt! Die Sache würde wohl die allerdümmste sein, wenn sie nicht die allerwiderlichste wäre. Es sind ja wirklich in den Händen einiger Juden Riesencapitalien in beklagenswerther Weise vereinigt; das ist eine unumstößliche Thatsache. Aber dieselbe. Concentration existirt bei Katholiken und Protestanten. Die Pöbelaufstände ausbeuten, indem man sie religiösem Fanatismus. dienstbar macht, gerade den Juden der Begehrlichkeit der Enterbten zum Fraß vorwerfen, unter dem Vorwände, ihr den Capitalisten preiszugeben, darin liegt ein heuchlerischer, und verlogener Socialismus, den man entlarven, den man züchtigen muß. An dem Tage, da im Interesse der Wahrheit und des allgemeinen Glückes die Gesetze der Arbeit formulirt werden, wird die ganze Menscheit neu erstehen; dann wird es wenig ausmachen, ob man Jude oder Christ sei. Jedermann wird gleicherweise Rechenschaft zu geben haben, gleich werden auch die neuen Rechte und die neuen Pflichten sein.. Die.Einigkeit aller Menschen, an welche wir mit allen Kräften der Seele glauben müssen, wenn wir Muth zum Leben bekommen und unseren Herzen einige Hoffnung erhalten wollen : dieser noch uüktare Nothschrei wird sich nach und nach hell auslösen, anschwellen, aus der Brust jedes Volkes emporsteigen, das nach Wärheit, Gerechtigkeit und Frieden dürstet! Entwaffnet Euren Hass, liebt Euch in 'Euren Mauern, liebt Euch von Land, zu Land', arbeitet daran, alle Racen in eine einzige glückliche Familie/endlich zu verschmelzen! Und sollte es noch tausende von. Jahren brauchen, so lasst uns trotzdem an die schließliche Verwirklichung der allgemeinen Liebe glauben, und fangen wir wenigstens, damit an, uns heute mit so viel Liebe entgegenzukommen, als das Elend unserer Zeit zuläfst. Lassen wir die Narren und die Schlechten zur Wildheit der Urwaldmenschen zurückkehren, wenn: sie sich einbilden mit Mefferhieben Gerechtigkeit zu üben. . Die Juden in Konstantinopel. Bon Pros. Dr. Ludwig Stein iu Bern. -."7., . iv. Der CHacham Baschi war von mir unbekannter Seite auf meine Anwesenheit in Konstantinopel aufmerksam gemacht worden — und ließ mich in liebenswürdiger Weise durch seinen deutschen Sekretär, I. I. Sachs, einladen, entweder zu den Feirtageu sein Gast sein zu wollen, oder nach den Feiertagen bei ihm vorzusprechen. Er selbst verlasse sein Haus nur in den seltensten Fällen, in der Regel nur, wenn er zum Vortrag heim Sultan befohlen wird. Und so fuhr ich denn unter einem Regenguss, den nicht einmal die einschmeichelnde Schönheit des Bosporus׳ Hinwegzaubern konnte, ans asiatische Ufer. .Schon auf dem Schiffe machte mich ein Reisebegleiter auf: die auffallend schone, im türkischen Holzbaustil gehaltene, hart am Meeresufer belegtzne Residenz des Oberrabbiners der Türkei aufmerksam. Der mich an der Schiffslände erwartende Herr Sachs führte mich durch dieses armselige nur von Juden bewohnte Dorf zum Palast seines Chefs. Ein Tross von Dienern, zum Theil alttestamen-, tarischen Charakters, zum andern Theil aber -auch schneidig getresster, waffenstrotzender Türken, geleitete mich durch ein imposantes Vestibüle in den oberen Stock, wo sich das Empfangszimmer seiner Exzellenz des Großrabbiners Moses Levy befindet (als Inhaber des Osmanie-Ordeus erster Claffe kommt ihm nämlich das Prädikat Exzellenz zu.) Dieser selbst» eine würdige Erscheinung mit wallendem weißen Bart, die Gesichtszüge von ausgeprägt spagnolischem Typus, saß oder kauerte vielmehr nach echter Türkenart mit gekreuzten Beinen in einer erkerartigen Nische des ringsherum mit Divanen ausgestatteten, mächtig großen Empfangszimmers. Die Unbeweglichkeit des ehrwürdigen Mannes, die durch seine hockende Stellung bedingt ist, muthet den Europäer gar absonderlich an. Den Gestenreichthum der occidentalen Juden ersetzt er durch ein ungemein lebhaftes Spiel der klug dreinschauenden Augen, die neben jenem, den spagnolischen Juden eigenen melancholisch resignirten Zug grenzenloses Wohlwollen verrathen. Die Konversation, die zunächst mit einer Erläuterung meiner Visitenkarte einsetzte, wird vorerst in einem höchst vollendeten Hebräisch von seiner, und einem unglaublich gebrochenen von meiner Seite geführt. Zum Glück springt der aus Sachsen- Weimar stammende Herr Sachs bald genug ein, um als Dolmetsch zu dienen und ein lebhafteres Tempo der Konversation zu. ermöglichen. Der ehrwürdige Mann hatte: kurz vor meinem Besuche tief in das Leben greifende psychische Affekte an sich. erfahren. Sechs Wochen vorher hatte er seine Gattin verloren, und vierzehn Tage vor meinem Besuche fand in seinem Palazzo : eine Doppelhochzeit seiner Enkelkinder statt. . Von denunmittelbar voraufgegangenen schmerzlichen Bewegungen .und freudigen Wallungen, merkte man indeß den unbegrenztes Gottvertrauen wiederspiegelnden Zügen des . vornehmen Greises nichts an. Er erzählte mit sichtlichem Behagen den. sonderbaren Hergang, gelegentlich seiner:Wahl zum.Großrabbiner der Türkei: SämwUcho. Juden .der Türkei. :