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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-05-11 · Heft 13 (11.5.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 13 (11.5.1896)
Date
1896-05-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 3. Schlosser- und Schreiner-Arbeiten versieht, sowie über ihre Ackerbäuschule zu Jaffa, die jetzt jährlich fünfundzwanzig technisch gebildete Agronomen entlässt und mit diesen die verschiedenen jüdischen Kolonien speist; aber ich behalte mir dies sür eine spätere Arbeit und einen anderen Zusammenhang vor. Nur das Eine witt ich zu Nutz und Frommen ängstlicher Gemüther, die von der Alliance eine Schädigung des ceremoniellen Lebens befürchten, hier noch anfügen, dass man allüberall auf eine strenge Jnnehaltung des Ceremoniells bedacht ist. So müssen beispielsweise die Eleven der Ackerbauschule zu Jaffa täglich drei Mal in der Instituts-Synagoge erscheinen und ihre Gebete ganz nach altem Ritus verrichten. Und jene zahlreiche israelitische Jugend, deren treffliche Haltung und rege Theilnahme an den verschiedenen Gottesdiensten in den Synagogen Konstantinopels mir angenehm aufgefallen war, rekrutirt sich ja ausschließlich aus Schülern der Alliance! Selbst der wegen seines orthodoxen Uebereifers besonders von den aufgeklärten Aschkenasim arg angefeindete Chacham Baschi, auf den ich sogleich zu sprechen komme, konnte sich nicht entbrechen, die in jeder, also auch religiöser Hinsicht musterhafte Haltung der Alliance-Schüler zu rühmen. Mit stark accentuirtem spagnolischen Stolz hob er mir gegenüber hervor, dass unter den spagnolischen Juden, die ja das reichste Kontingent zu den Alliance-Schulen stellen, sich kein einzig offen erklärter Freigeist befindet, der den Satzungen und Institutionen des Judenthums auch nur entfernt so ostentativ Hohn spräche, wie dies in einer empfindlichen Anzahl von Exemplaren seitens der Aschkenasim in Konstantinopel geschieht. In Wirklichkeit habe ich mich bei einem Rundgang durch die lebhaftesten Geschäftsstraßen von Pera, Galata und Stambul davon überzeugt, dass zwar einzelne Waarenhäuser deutsch-jüdischer Firmen am Neujahrstage geöffnet waren, aber .kein einziges spagnolisches. Es ist dies eine Beobachtung, die mir wiederholt ausgefallen ist. Auch in London, Paris, Rom und Alexandrien hatte ich zu verschiedenen Zeiten Gelegenheit, mich zu überzeugen, dass es fast nur deutsche Juden sind, die an diesem Feste den religiösen Anstand und die Gefühle ihrer gerade in diesem Punkte ungemein empfindlichen Glaubensgenossen verletzen. Ehe ich zur Schilderung der öconomischen und socialen Stellung der Juden in Constantinopel übergehe, wie ich sie aus der competentesten Quelle, dem Munde des Chacham Baschi, entnommen habe, mag hier ein heiteres Intermezzo seine Stelle finden. Am Abend des 21. September ließ ich es mir nicht nehmen, der im Stadt-Theater, d. h. im vornehmsten Theater Constäntinopels, stattfindenden Vorstellung einer rumänischjüdischen Operette ״Der Revisor oder Terke und Schmerke" beizuwohnem Das Drollige an dieser Vorstellung war fiir mich, dass zwei meiner liebsten Reisegefährten, österreichische Aristokraten ans bekanntester Familie, die sich mir freundschaftlich angeschlossen halten, ohne bis auf den heutigen Tag meine Zugehörigkeit zu unserer Confession zu ahnen, mich einluden, in ihrer Gesellschaft der absonderlichen Vorstellung anzuwohnen. Das Interessanteste -war mir das Publicum, das ja vorwiegend aus Aschkenasim bestehen müsste, da die Spagnolen kein Wort von der Vorstellung verstanden. War es mir also in der aschkenasischen Synagoge nicht geglückt, am Neujahrstage die öconomisch besser situirten Vertreter -der Gemeinde zu Gesichte zu bekommen, so waren fie hier um-so vollzähliger erschienen. Das verhältnismäßig große Theater -: war bis auf den letzten - Platz gefüllt, ja - überfüllt. Selbst unsere-drei reservirten Plätze würden von der demokratisch ׳׳Angehauchten Zuhörerschaft nicht respecürt, und'-nur dem energischen Eingreifen eines dienstthuenden Theater-Schammes hatten wir es zu danken, dass die Usurpatoren unserer Plätze vertrieben Und wir in unser Eigenthum eingesetzt wurden. Bevor sich mein Ohr eingewöhnt hatte, konnte ich selbst dem im unverfälschtesten Jargon sich abspielenden Dialog nur mit Mühe folgen. Was die Situation unendlich komisch machte, war nicht so sehr der Witz der Bühne, als das unsägliche Behagen der Zuschauerschaft, der die Bühnenfähigkeit des Jargons offenbar kindliche Freude bereitete. Die hannloseste Bemerkung, die jedes andere Publicum kalt gelassen hätte, wurde, weil in einem dem Publicum vertrauten und anheimelnden Dialect gesprochen, mit überlauten Lachsalven bejubelt. Possirlich war's, wie sich die beiden Aristokraten die Köpfe darüber zerbrachen, welches Idiom das wohl sein möchte. Jüdisch könnte das doch wohl nicht sein, da sie als echte Wiener ja selbst vortrefflich mauschelten und gleichwohl von der ganzen Handlung kein einziges Wort verstünden. Aber das Publicum amüsirte sie in so hohem Grade, dass meinen Reisegefährten erst im vierten Act die Zeit etwas lang zu werden schien. Als am Schluffe des zweiten Actes eine fröhliche chassidische Weise iü flottem Tempo gesungen wurde, da war das Publicum kaum noch zu halten, und auch wir wurden dermaßen angesteckt, dass wir aus vollem Halse zu lachen begannen. Der Inhalt der Posse ist zum Wiedererzählen zu läppisch und zudem einem französischen Vaudeville, das ich vor Jahren in Paris gesehen, offenbar nachgebildet. Viel breite Kleinmalerei, aber ohne Salz und eigentlichen Witz. Ich hatte viel Originelleres erwartet. Der Vorwurf des Stückes, die Verspottung der Leichtgläubigkeit einer kleinen Judengemeinde im ttefen Rußland, konnte von geschickter Hand dramaüsch unvergleichlich besser ausgemünzt werden, als dies hier seitens einer kindlich unbeholfenen dramaüschen Technik geschehen ist. Gespielt wurde seitens der Komiker ganz vortrefflich, wenigstens dem Geschmack dieses Publicums durchaus angemessen. Mit Vergnügen constattre ich, dass jede, auch nur entfernte Anspielung auf Frivolität oder gar Zoten mit peinlicher Beflissenheit fern gehalten worden ist, zumal ich zu Gunsten des Publicums annehmen möchte, dass auch diese Zurückhaltung seinem Geschmack entsprach. Der acht Tage später stattfindenden Vorstellung eines nattonalen Dramas: ״Die Makkabäer" konnte ich leider nicht mehr beiwohnen, will aber auch hier zur Ehre der in ihren Kreisen geschätzten Autoren annehmen, dass sie in diesem Drama mehr Würde und künstlerischen Ernst an den Tag legen, als sie es in einer so leicht angelegten Posse vermochten. Entsprach das Fazit des Abends auch meinen Erwartungen nicht, so verließ ich doch ohne Beschämung das Theater, und das ist immerhin etwas. Wenn nach den Franzosen vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist, so werden wir vom mäßig Komischen zum vollendet Ernsten nur einen halben brauchen, und dieser fiihrt uns nach Kuskundschuk, das, auf dem asiatischen Ufer des Bosporus gelegen, die Residenz des Chacham Baschi, d. h. des geistlichen Oberhauptes der gesammten türkischen Judenheit, beherbergt. Pädagogische Aphorismen aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und aus Schriften moderner Pädagogik. Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Religionsprosesfor am Obergymnafium zn S. A. Ujhely. (Fortsetzung.) Nachdruck-verboten. Als ein Beispiel von Offenherzigkeit gilt auch folgender Ausspruch. Rabbi Simon, Sohn Gamliels II., Synedrial- Präsident zu Jabne im U. Jahrh., sagte: ״Ich habe mein

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