Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 13 (11.5.1896)
- Date
- 1896-05-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 13, Leim Klavierspieten aber liegt für Arme, Hände und Finger Mindestens die gleiche Aufregung vor, wie beim Stricken, ganz davon abgesehen, dass die Einwirkungen der Musik auf die Gehörnerven noch störend dazu kommen. Der Musik-Unterricht also ist wohl von allen Unterrichtsgegenständen der bei Weitem anstrengendste, zumal dieser am meisten Uebung erfordert. Die Gedankenlosigkeit, mit der man jedes Kind Klavier spielen lässt, ist deshalb doppelt tadelnswert. In den meisten Fällen ist es ja nur die lächerliche Eitelkeit, die die Eltern dazu bestimmt, ihren Kindern Klavier-Unterricht ertheilen zu lassen. Es ist für ein Mutterherz doch auch zu erhebend, wenn Lei einem Kaffeekränzchen das sechsjährige Töchterlein die Gesellschaft mit einem Musikstück unterhalten, oder richtiger gesagt, langweilen kann. Dass das Kind vom Musikunterricht einen geistigen Gewinn habe, darauf ist auch im Allgemeinen der ganze Musik-Unterricht heutzutage nicht zugeschnitten. Man lernt spielen und spielt, um damit glänzen zu können, nicht um selbst an der Musik eine Freude zu haben. Und die Musik gewährt eine Freude, auch — was die meisten Klavierspieler gar nicht wissen — wenn man für sich ganz allein spielt, nicht vor den Ohren Anderer, die Beifall klatschen können. Ja, die Musik gewährt dann erst den höchsten Genuß, wenn man der Muse der Tonkunst nur um ihrer selbst willen den Hof macht, nicht weil es Mode ist, nicht wegen der Leute und ihrer erzwungenen Bewunderung. Es wäre um uns besser bestellt, wenn nicht soviel Klavier getrieben würde. Wieviel Zeit, Kraft, Geld, und Nerven werden dem Moloch Klaviermode unnütz geopfert. Aber recht verstanden: wenn sich mein Frauchen an's Klavier setzt, um mir nach des Tages Arbeit und Last etwas vorzuspielen oder zu singen — sie gehört nämlich zu den Könnern! — dann jauchzt mein Herz vor Freude. Doch die öde Klavierspielerei der Modepuppen, der ״höheren Töchter", die vergleiche ich einem schädlichen Gift, das doppelt schädlich auf die Spielerinnen wie ein Morphium einschläfernd wirkt, sie allen nützlichen Berufspstichten und jeder geisügen Beschäftigung entzieht, sie also verflacht anstatt erhebt, auf die Zuhörer, freiwillige wie unfteiwillige, von unheilvollsten Einfluß aus die Nerven und ohne jeden hiefür entschädigenden Nutzen ist. So, nun habe ich mein Herz ausgeschüttet! Aber fteilich, schon höre ich den Spott der Leser und Leserinnen: ״Was weiß Der denn von Aüisik? Der ist ja unmusikalisch. Der kann ja nicht Klavier spielen! Und ich muß diese fürchterliche Schmach auf mir sitzen lassen! Die Inden in Konstantinopel. Don Pros. Dr. Ludwig Stein in Bern. m. Wie Moses einst die weise Anordnung traf, dass das durch vierzigjährige Wüstenwauderung degenerirte Geschlecht nicht mehr Ln das neue Land der Verheißung einziehen sollte, sondern nur ein neues, jugendkrästiges, so sinkt das. alte spagnolische Judenthum, das durch eine vierhundertjährige politische und sociale Wüstenwanderung zum Skelett abgemattet schien, zusehends dahin, um einer neuen jugendftischen Generation Platz zu machen, welche unter den Fittigen der Älliapce hinüberflattert in das Lichtreicheiner menschenwürdigen, sozialen Zukunft.. Ohne Bild gesprochen.: Die junge Genexation der Israeliten im Orient, die unter der Leitung der von der Alliance begründetem Schulen heranwächst, ist durch die breitere Bildungsbasis in ganz anderem Umfange befähigt, den im Orient doppelt schweren Kampf ums Dasein wohlgerüstet durchzukämpfen als das vorangegangene Geschlecht. Hier, wo die Bildung so rar ist und die Kenntnis des Französischen allein bereits ein wichttges, wenn nicht das wichtigste Bildungsmerkmal ist, hat das von der Alliance verbreitete Wissen eine selbst mit Superlativen schwer zu überschätzende Bedeutung. Zur Jllustrirung dieses Gedankenganges genügen wohl folgende Thatsachen: Elias Pascha versicherte, dass alle türkischen Staatsbeanlten jüdischen Glaubens, die sich gegenwärtig in Konstantinopel in Funktion befinden, ausnahmslos ehemalige Schüler der Alliance-Schulen sind. Ferner besteht an der Banque Ottomane, dem'bekannten ersten Finanzinstitut der Türkei, seit etwa drei Jahren die vom gegenwärtigen General-Direktor getroffene Einrichtung, dass neue Beamte nicht mehr auf Empfehlungen hin angestellt, sondern nuv durch anonyme Konkurrenz unter den Bewerbern zugelassen werden ׳ ׳ sollen. Und der Erfolg? Vor dieser Einrichtung gab es keinen" " Beamten jüdischen Glaubens in der Bank und seit dieser Einrichtung ist kaum ein einziger nichtjüdischen Glaubens mehr hineingelangt. Und alle diese jungen Bankbeamten, die auf dem Wege der anonymen Konkurrenz, also durch Ueberflügeln der Änderen im ehrlichen Wettbewerb, zu ihren Stellungen gelangt sind, sind wieder sammt und sonders ehemalige Schüler der Alliance. Mit einem Worte: was in den letzten Dezennien von den Juden im Orient in eine bessere sociale Schicht emporgestiegen ist, hat es lediglich der Erziehung zu verdanken, welche ihm die Alliance angedeihen ließ. Man werfe mir nicht ein, dass durch die Thätigkeit der Alliance das Judenthum vor seinen Feinden in seiner Inter- Nationalität blosgestellt wird. Wenn es der Londoner oder Baseler Mission als hehre Humanitäts-Aufgabe angerechnet wird, dass sie durch ihre Schulen wilde Rassen zu zähmen und sie für die Kulturaufgaben des Christenthums zu gewinnen sucht, so wird es uns kein Vernünftiger verargen, wenn wir in der vornehmsten Bedeutung des Wortes innere Mission treiben. Mit den Unvernünftigen, Widervernünftigen oder gar grundsätzlich Uebelwollenden haben wir überhaupt nicht zu rechnen, da alle Gründe naturgemäß wirkungslos an dem abprallen werden, der in seiner Voreingenommenheit um alles in der Welt nicht vom Gegentheil seiner vorgefassten Meinung überzeugt sein möchte. Haben wir selbst ein reines Gewissen, dann ist dieses unsere beste Wehr und Waffe. Und wir haben ein solches! Alle Schulen der Alliance sind öffentliche, ja, sie werden zum großen Th eil auch von Christen und Mohamedanern besucht; alle Berichte der Alliance sind öffentlich und werden jährlich in tausenden von Exemplaren unter offenem Kreuzband in alle Welt verschickt. Es wäre daher von unserer Seite eine unverzeihliche Schwäche und feige Kriecherei vor dem bündelst Urtheil einer kläffenden Menge, wollten wir in unserem Eifer für das wahrhaft edle Werk der Alliance Nachlassen, um nicht den falschen Schein der Internationalität zu. erwecken. Seien wir doch nicht umgekehrte Deutsche! Während oie Deutschest nach Bismarck bekanntlich nur Gott fürchten, sonst Niemand mehr, sollen wir doch nicht alle fürchten, nur Gott nicht! — Ich hätte noch vieles über das Heilsame der Alliance- - Schulen zu berichten, ganz besonders , auch über ihre Handwerker- Schule - m Jerusalem, welche die Moscheen und christlichen Kirchen in und um Jerusalem mtt denbesseren- Schmiede-,