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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-05-11 · Heft 13 (11.5.1896) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 13 (11.5.1896)
Date
1896-05-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erschrick nicht, lieber Leser, ich bin trotzdem kein Barbar und Menschenfresser und soll sogar den Eindruck eines ziemlich gesitteten, anständigen Menschen machen. Aber ich spiele nicht Klavier, weil ich niemals eine besondere Veralilagung für die Ausübung der Musik gezeigt habe und meine Eltern es, als ich noch unter ihrer Erziehungssuchtet stand, nicht für nöthig hielten, mich mit Disciplinen zu plagen, die ich nur mit Unlust ausgeübt hätte. Wozu dient diese Klavierspiel-Manie? Wird wirklich der Geist des Kindes, das nicht musikalisch veranlagt ist, durch den Klavierunterricht gepflegt? Ich behaupte: nein! Der musikalische Drill kann niemals die musikalische Veranlagung wecken, die Liebe zur Musik Hervorrufen, sondern eher da, wo sie vorhanden sind, durch die Unlust an den Uebungen ertödten. Aber es soll zur allgemeinen Bildung des modernen Menschen gehören, dass er Klavier spielen kann. So behaupten wenigstens die enragirten Vertreter der Klavierspiel-Mode oder des Klavier-Sports. Ich sage: nein! Es gehört wohl zur allgemeinen Bildung, orientirt zu sein über das Wesen der Musik, über die Leistungen der Tonkunst, über die bedeutendsten Schöpfungen der hervorragenden Tondichter, aber Klavierspielen gehört keineswegs dazu, falls die Veranlagung dazu fehlt. Dass das Lernen des Klavierspiels den Menschen keines- Wegs musikalisch macht, ist jedem Denkenden bekannt. Die musikalische Befähigung muß angeboren sein. Niemand kann sich; dieselbe geben, Niemandem kann sie gegeben werden. Es ist: freilich war, dass der nur mittelmäßig Musikalische durch uu-! endlichen Fleiß und viele Uebung es zu einer erstaunlichen! Fertigkeit bringen kann. Kunst kommt ja vom Können her. und! das Können erringt man durch Fleiß und Ausdauer. Raphael? Mengs ist durch Hunger und Prügel zu einem hervorragenden 1 Maler von seinem Vater erzogen worden, obwohl er weder! Lust noch besondere Begabung für die Kunst gezeigt hatte. Aber! ich meine, dassso bedeutend auch Raphael Mengs gewesen sein mag, er .nicht , zu denjenigen Künstlern gehörte, auf die das : , Mitgetheitt:von Rev. Osigs Höchglück, Neiwyork..! Lessing'sche Wort von Raphael anwendbar ist, der nach des Dichters Meinung ein großer Maler geworden wäre, auch wenn er ohne Arme geboren worden wäre. Gerade beim Klavierspielen lässt sich freilich leicht durch technische Fertigkeit über den geistigen Mangel hinwegtäuschen. Selbst der Unmusikalische wird, wenn er Mühen nicht scheut und fleißig ist, die Gesetze der Musik in sich aufnehmen können. Aber zum rechten Verständnis und Genuß der Musik wird er nicht kommen. Und die Mehrzahl Derer, welche das Klavierspielen Lernen und ausüben, bleibt an der Oberstäche hasten. Man treibt Musik, bleibt aber trotzdem uMrrffrkcrkrsich . Ja, nun meinen aber Viele, dass, wenn sie nicht Klavier spielen, sie leicht für unmusikalisch gelten. Und das wäre doch fürchterlich in einer so hoch musikalischen Zeit! Aber die Annahme ist falsch. Zwei Freunde, die kürzlich geheirathet hatten, treffen sich auf der Straße. ״Nun, wie bist du mit deiner Gattin zufrieden?" fragt A., worauf B. erwidert: ״Meine Frau ist ein Engel, ein prächtiges Weibchen! Sie hat nur einen Fehler: sie ist gar nicht musikalisch und kann nicht Klavier spielen." ״Freue dich, Freund," entgegnete A., ״meine Frau spielt den ganzen Tag.!" ״Ja, das thut meine leider auch!" klagt B., der somit bekundete, dass er, obwohl er vielleicht garnicht spielte, bei Weitem musikalischer war, als feine Frau, die den ganzen Tag das Klavier bearbeitete. Ja, würden unsere Kinder durch den Musikunterricht wirklich musikalisch, würden sie wirklich in den Geist der Musik eingeführt, dann alle Achtung vor der Klavierspielerei! Aber weshalb lernen denn eigentlich die Kinder unserer Zeit Klavierspielen? Der Hauptzweck ist wohl der, dass sie bei ״passender Gelegenheit" einige Tänze oder sogenannte Salonstücke vortragen können. Es wird nicht darnach gestagt, ob sie vollständig gesund oder kräftig sind, ob die Lernenden befähigt sind oder etwa durch den Klavierunterricht veranlasst und gezwungen werden,, ihre Schularbeiten zu vernachlässigen, ob sie Beanlagung und Lust besitzen. ' -;־'־ Die Frage der körperlichen Befähigung zum Klavierspiel- ,treiben ist in unserer verwöhnten Zeit keine unwichtige. Manchen nervenschwachen Frauen wird ärztlicherseits das Stricken verboten.

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