Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453365-3453377--4537-3459009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 12. besonders aber kein Israelit von Geschmack und Sinn für völlerpsychologische Weiten, sollte es verabsäumen, die Schulen der Alliance*) im Orient zu besuchen und sich das Schauspiel mit anzusehen, wie eine neue Generation von strebenstüchtigen, für den Kampf ums Dasein besonders im Orient glücklich ausgestatteten Jünglingen geradezu gezüchtet wird. Ich hätte nicht gedacht, dass ein so verwester, knorriger Baumstumpf, wie das spagnolische Judenthum mir stets zu sein schien, durch das Aufpfropfen frischer pädagogischer Schößlinge so herrliches junges Reis aus sich Heraustreiben könnte. (Fortsetzung folgt.) Die israeliüsche Matrikenführung in Elbe-Kosteletz hat jüngst mi sämmtliche Matriken Böhmens ein Circular gerichtet, dessen complicirter Inhalt darüber Beschwerde führt, dass die Mischen Matrikenführer nicht gehörig respectirt werden und jüdische Individuen in katholische Matrikenbücher Aufnahme fänden. Des Weiteren wird schließlich ein solidarisches Vorgehen sämmtlicher Matrikenämter behufs Restaurirung dieser angeblichen Vorkommniße anempfohlen, und zwar durch Vorstellung bei der competenten Behörde. Es geht nicht an, dass ein solcher Versuch unternommen werde, der schon im Vorhinein aus dem Grunde ein günstiges Resultat nicht erwarten lässt, weil Thatsachen nicht ungeschehen gemacht werden können; vielmehr mögen die Herren Matriken- *) Hier dürsten dem Leser einige statistische Notizen über die Aus- Lehnung der Alliance-Schulen in Konstantinopel nicht unwillkommen sein. An zwölf von der Alliance unterstützten Schulen werden 2256 Kinder beiderlei Geschlechts unterrichtet. Das Budget sämmtlicher Schulen beziffert sich auf rund 125,000 Fr. jährlich; die größere Hälfte dieser Summe (68,000 Fr.) wird von der Alliance bestritten. Zur Mädchenschule in Haiskoi leistet die Anglo-Jewish-Asioziation 5000 Fr. jährlich. Der Rest setzt sich aus den kärglichen Beiträgen der Negierung und der jüdischen Gemeinde, aus Schulgeldern und einem — regulären Defizit zusammen. Meschugge Markus!. Aus meinem Album. Skizze von E. H. Spielmann, Pilgram. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein langsames Verbluten, wenn die Dichtkunst nicht wäre. (Börne). Nachdruck verboten. 1L Meschugge Markusl war wie geschaffen zur Unterhaltung der ausgelassenen Jugend. Er war bereits 18 Jahre alt, sah jedoch wie ein 12-jähriges Kind aus. Wenn er zur Höckerin oder zum Kaufmann langsam hintrottelte, wohin ihn die Mutter sandte — denn weiter als zum Kaufmann oder zur Höckerin traute er sich nicht — so umringten ihn die Buben und schrieen ״Markusl! meschugge Markusl!" Er aber, als ob ihn dies nichts angienge, schritt langsam weiter, schwer und tief athmend, manchmcll schwankend, wie wenn die dünnen Füße den schwachen Körper kaum ertragen könnten. Wenn ffe ihm den Weg verstelllen, ihn zu stoßen begannen, wandte er ihnen das wachsgelbe, unbewegliche Antlitz zu, und aus den Augen kam ein sirrchtsam fragender Blick. Eine Weile blieb er so unbeweglich stehen, dann, als ob der Tod ihn plötzlich berührte, schüttelte er sich, wandte sich nach rechts oder links und trachtete den Gassenbuben auszuweichen. ״Markusl! Markusl!" riefen dann die Buben wiederholt im Gassenjungen-Jargon, er aber wehrte sich nicht — niemals. Wenn er nach Hause kam, übergab er, was er gebracht, und schte sich dann ruhig neben dem Ofen. ״Komm zu mir Marckusleben, nimm Dir den Schemmel und setze Dich zu mir", führer darauf bedacht sein, dass für die Zukunft solche Unzukömmlichkeiten verhindert werden. Im Interesse der guten Sache will ich es versuchen, den etwaigen uneingeweihten Herren Matrikenführern an die Hand zu gehen und bitte die geehrte Redactiou um Veröffentlichung nachfolgender Zeilen. Mittelst hoher Gubernial-Verordnung ääto. 24. April 1838 wurden die jüdischen Matrikenämter in Böhmen nach den bestandenen Herrschaften ernannt, wobei ein, zwei, oft auch mehr Herrschaften und Städte eine Matrikenstelle hatten. Sei es nun, dass nicht alle Matrikenführer die nöthige Qualification besaßen, oder dass deren Glaubwürdigkeit angezweifelt wurde, etwas dergleichen musste jedenfalls die Veranlassung dafür sein, dass der Ortspfarrer bis zum Jahre 1850 die Geburtsmatrik überwachte und controlirte. Nachher hat auch das Kreisrabbinat diese Controle bis 1863 ausgeübt. Die außerhalb dieser Herrschaften und Städte und oft auch in deren Rayon domicilirenden jüdischen Jnsaßen haben die Matrikulirung ihrer Kinder theils ganz unterlassen, wie sich dies in zahlreichen Fällen herausstellte, theils wurden sie vom jüdischen Matrikenführer, der sich für incompetent erachtete und erst einen behördlichen Auftrag abwartete, vorläufig abgewiesen und nahmen, sei es aus Commodität oder Indolenz, die katholischen Geburtsbücher in Anspruch. Nicht nur, dass der Orts- Pfarrer die Eintragung nicht verweigerte und die Behörde dieselbe nicht verwehrte, wurden jüdischen Parteien oft von ersterein dazu verhalten, weil auch egoistische Motive im Spiele waren. Dass eine solche Praxis zahlreiche Nachahmer gefunden, ist nicht zu verwundern; wiewohl anderseits nicht geleugnet werden kann, dass tolerantere Pfarrer solche Gesuchsteller an jüdische Matriken verwiesen. Dieser Uebelstand ist mit jedem Jahre geringer worden und gegenwärtig im Zusammenhänge mit dem in Wirksamkeit getretenen Gesetze vom 21. März 1890, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältniße der israel. Neligionsgesellschaft gänzlich beseitigt. Im Einklänge mit diesem Gesetze wurde auch sprach zu ihm die um 1 Jahr ältere Schwester, ein hoch ׳aufgeschossenes, blondes Mädchen, indem sie die Stickerei beiseite legte. Langsam schob er den Schemmel zu ihren Füßen und legte seinen schmerzenden Kopf auf ihren Schoß. Er schluchzte, dass ihm förmlich das Herz brach; sie streichelte, schmeichelte ihn und beruhigte ihn, wobei sie kaum die eigenen Thränen zurück halten konnte. ״Nicht wahr, ich bin nicht meschugge?" lispelte er endlich ängstlich, und die schwache Stimme zitterte. ״I selbstverständlich, bist Du es nicht! Du hast ja Verstand Markusl, lass sie reden!" ״Und Du hast mich lieb, nicht wahr? Und ich bin kein Narr?" und auf den Wangen des Idioten verbreitete sich ein seeliges Lächeln. ״Jetzt nimm Dir die Geige und spiele ein bischen." ״Ich werde nicht sein Gewinsel jetzt zuhören! Soll er Abend am Boden spielen, wenn er will" brummte da gewöhnlich die Mutter. Markus blieb ruhig sitzen und beobachtete aufmerksam jede Bewegung seiner Schwester. Mutter und Bruder liebten ihn nicht, er hatte daher nur seine Schwester, an welcher er sich mit der ganzen Kraft seines schwachen Geistes hielt. In der Nachbarschaft aber erzählte man sich, dass ״meschugge Markusl" eine ״Gottesgabe" habe, wie er die Geige spiele, so spiele sie niemand — und doch hatte Markusl keinen Lehrer je gehabt. Nur spielte er nie ״Stücke", sein Spiel war ganz eigenthümlich traurig, gerade so meschugge wie er. Markusl wohnte in demselben Hause, wo ich meine Jugendfahre verlebte, er kannte mich und nickte oft lächelnd mit dem Kopfe, wenn wir uns begegneten. Ich ann sagen, dass sich trotz meiner damaligen Ungezogenheit Markusl niemals beleidigte