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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-05-01 · Heft 12 (1.5.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 12 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Juden — und die jüdische Bevölkerung Konstantinopels soll keine geringere sein — längst zu einem synagogalen Centrum, zu einem ihrem Wohlstand und ihren religiösen Interessen entsprechenden Prachtbau gebracht. Nicht weil die Aschkenasim an religiösem Interesse den Sephardim überlegen wären. Im Gegentheil. Schon dem oberflächlichen Beobachter drängt sich die Ueberzeugung auf. dass alles, was im Orient an Verhöhnung der eigenen Religion, an Vernachlässigung der eigenen Institute, an Verletzung religiösen Anstandsgefühls, z. B. durch Offenhalten ihrer Etablissements (selbst an den höchsten Feiertagen) geleistet wird, lediglich und ausschließlich von aschkenasischen Juden ausgeht. Aber dafür besitzen die Aschkenasim, wo sie in compacten Massen auftreten, ein Organisationstalent, das den Spagnolen vollständig abzugehen scheint. Selbst in Konstantinopel zählen die Spagnolen nicht weniger als zwanzig verschiedene Gemeinden, die ihre ökonomischen Kräfte vergeuden, weil zerspittern, statt in einer einzigen imposanten Großgemeinde ihren Concentrations- Punkt zu finden. Gewiss ist die aschkenasische Gemeinde in Konstantinopel, deren Tempel ich am zweiten Neujahrstage besuchte, kaum erheblich besser daran. Ihre gegenwärtige Synagoge kann man kaum als Vogelscheuche bezeichnen, ohne diesem Begriff wehe zu thun. So jammervolles und trostloses von Synagogen ist mir auf allen meinen Reisen auch nicht annähernd begegnet. Im ״letzten" Dorf Europas von nur zehn jüdischen Familien ist das Gotteshaus würdiger gehalten und besser bestellt, als in dieser aschkenasischen Gemeinde, zu der sich etwa fünftausend Seelen rechnen. Freilich ist hier Alles znsammengewürfelt: Deutsche, Ungarn, Galizianer, Russen u. s. w. Predigten, oder auch nur Deraschas, wie immer sie beschaffen sein mögen, kennt man in den Synagogen Konstanünopels nicht. Auch darin macht die aschkenasische keine Ausnahme. Von jenem Schwung und jener Würde, die ich vorhin dem aschkenasischen Gottesdienst im Allgemeinen nachgerühmt habe, zeigt der Konstantinopels nicht die leiseste Spur. Dem Mischmasch von Gottesdienst entspricht ein eben solches Publicum. Ein chaotisches Durcheinander,' ein anwidernd regelloses Hin und Her, ein verpesteter Geruch, ein rücksichtsloses Drängen und Stoßen durch die lächerlich engen Sitzplätze, dazwischen das kreischende, näselnde Ausrufen des Mitzwoth verkaufenden russisch-jüdischen Schammes (Ein- und Ausheben der Thora bringt es nach langem Handeln glücklich auf fünfzehn Piaster 2.25 Mk.): das ist das abstoßende Bild des aschkenasisch-jüdischen Gottesdienstes am zweiten Neujahrstage in Konstanünopel. Verschweigen will ich indeß zur Ehre der Gemeinde nicht, dass nach meinen Informationen in diesem Jahre der Bau eines neuen Gottes- Hauses in Angriff genommen werden soll, so dass spätere Besucher Konstantinopels von der aschkenasischen Gemeinde hoffentlich in freundlicherem Tone werden sprechen können, als es hier geschehen ist. Die trüben Schlaglichter, die ich auf die aschkenasische Gemeinde in Konstanünopel habe fallen lassen, scheinen ein Gegenargument gegen die vorhin von mir behauptete Superiorität der Aschkenasim in ihrer Organisation zu sein; allein es scheint dies nur so. Die Aschkenasim in Konstanünopel sind eben selbst aus so heterogenen Flicklappen zusammengestoppelt, dass eine einheitliche Organisation unter ihnen ebenso schwierig, wenn nicht unmöglich ist, wie beispielsweise in New-Iork. Die Categorie Aschkenasi ist nicht eng genug, um eine geschlossene Organisaüon zu ermöglichen. Nur wenn es Aschkenasim des selben Landes in großen Massen wären, würden sie die oben angedeutete organisatorische Macht entfalten. Hier zeigt sich wieder, wie die poliüsch-naüonalen Eigenschaften nachhalüger und durchgreifender wirken, als die blos religiösen. Der holländische Aschkenasi z. B. unterscheidet sich von dem polnischen nicht wesentlich weniger, als der holländische Katholik vom polnischen. Jedenfalls steht er ihm fremder, um nicht zu sagen feindlicher, gegenüber. Klima, Bodenbeschaffenheit, Nahrungsweise, politische und sociale Traditionen furchen sich in den Charakter des Individuums unverhältnismäßig üefer ein, als religiöse Satzungen und Ueberlieferungen. Herzerfrischend war mir der Uebergang von der Synagoge in das Innere eines jüdischen Hauses. So unbefriedigt mich der Gottesdienst in allen von mir srequentirten Synagogen gelassen, so sehr heimelte mich das sociale Leben der spagnolischen Juden an. Als ich in Häiskoi am Ende des Gottesdienstes mit den übrigen Betenden unter Begleitung meines christlichen Dragomans die Synagoge verließ, da umdrängte mich in respectvoller Entfernung, ohne Anflug von Zudringlichkeit, eine Schaar von würdigen Männern und lud mich in herzlichster Weise in ihr Haus. Diese Einladung war mir umso willkommener, als sie mir Gelegenheit bot, die Wohnungen der Aermeren und des Mittelstandes an einem Feiertage von Innen zu beobachten. Ueberall ward ich aufs Angenehmste von der peinlichen Sauberkeit und würdigen Haltung meiner Gastgeber berührt. Wohlgebildete, zierliche Gestalten, in Neidsamen, vorwiegend weißen Trachten, die Frauen gewählt, aber ohne störenden Luxus gekleidet, die Kinder proper und von guter Halümg — so lag im Innern der Häuser jene weihevolle Festessümmung ausgebreitet, die ich in den Synagogen so schmerzlich vermisst hatte. In einem von mir besuchten Hause wohnten in verschiedenen Stockwerken acht bis zehn durch Verwandtschaft verbundene Familien, die zwar ökonomisch getrennt, aber sozial aufs Engste verbunden zu sein schienen. Alle Thüren waren geöffnet, überall behaglicher Gottesfrieden, alle Ecken blitz und blank geputzt, zog man von Wohnung zu Wohnung und fühlte sich überall gleich heimisch. Zu meiner freudigen Ueberraschung bemerkte ich bald, dass ich des Dragomans entrathen kann, da die ganze Jung- Mannschaft ausnahmslos ein recht annehmbares Französisch sprach. Auf meine Frage, wie sie zu diesem hübschen Französisch kämen, lautete die einstimmige Antwort: ״Wir alle sind ausnahmslos Schüler der Alliance Jsraelite." Wer die Thäügkeit der Alliance Jsraelite im Orient nur vom Hörensagen oder aus der LeNüre ihrer Jahresberichte kennt, der vermag sich doch nur eine vage Vorstellung von dem großen Stile zu formen, in welchem hier die Alliance umgestallend und schöpferisch arbeitet. Es ist mir ein wahres Bedürfnis, nachdem ich mich durch Augenschau im ganzen Orient von der intensiven und weitgreisenden Wirksamkeit der Alliance persönlich überzeugt habe, öffentlich Zeugnis abzulegen von dem ungeahnten Segensreichthum, den dieses grandiose Institut in den letzten Jahrzehnten im Orient entfaltet hat. Ich stehe nicht an, zu erklären, ohne Gefahr der Uebertreibung geziehen zu werden, dass sich mir die gesammte Reise mit allen ihren Strapazen, Scherereien und Unbequemlichkeiten auch dann schon reichlich gelohnt hätte, wenn ich nichts weiter im Orient gesehen hätte als die in üppiger Fülle herabhängenden reisen Früchte, welche der von der Alliance vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren gepflanzte Baum der Erkenntnis gezeiügt hat. Kein warm fühlender Mensch, einerlei welchen Glaubens

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