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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-05-01 · Heft 12 (1.5.1896) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 12 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 12. veranschlagt werden. Noch in der letzten Zeit soll er sich mit großen Plänen für Wohlthätigkeitsacte in Oesterreich befasst und mit Rücksicht darauf unser Erbrecht studirt haben. Aus diesen Vorbereitungen ist er plötzlich gerissen worden, und ein unerbittliches Schicksal hat seinem edlen Wirken ein jähes Ende bereitet. Baron Hirsch hinterlässt eine Wittwe und zwei Avoptivsöhne. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass die Baronin, eine geborene Bischoffsheim, ihrem Manne in allen seinen Humanitären Werken mit ihrem wahrhaft gütigen Herzen verständnisvoll zur Seite stand; eine stille, edle Dulderin, über deren Leben der Verlust des einzigen Sohnes einen dunklen Schleier geworfen hatte, die in der Linderung ftemden Leides den Balsam für die eigene Herzenswunde suchte. Möge ihr die Vorsehung auch den gegenwärtigen großen Schmerz ertragen helfen und das erhebende Bewusstsein ihr Stärkung bringen, dass der Name ihres seligen Gatten mit ehernem Griffel in der Geschichte der Menschheit eingeschrieben ist und dass seine hochherzigen Werke ihn ewig preisen werden. _ Wie Juden in Konstsntinoprl. - Von Prof. Dr. Ludwig Stein in Bern. n. Ich schicke diese Betrachtungen, die sich mir längst auf meinen zahlreichen Reisen bei der Beobachtung der Gottesdienste aller monotheistischen Kulte aufgedrängt haben, nur voraus, um einen der Erklärungsgründe ausfindig zu machen, warum der aschkenasische Gottesdienst, an hohen Feiertagen zumal, mir allüberall von einer wechevollern Stimmung getragen zu sein schien als der sephardische. Das Charakteristikum aller sephardischen Gottesdienste, wie ich sie in den portugiesischen Synagogen von Amsterdam und Paris, in den verschiedenen Synagogen Italiens und nmunehr auch beim spagnolischen Ritus kennen gelernt habe, scheint mir neben der bereits betonten Melodienarmuth in der Massenbetheiligung der Gesammtheit an längeren Gebetstücken zu liegen. Eben diese Massenbetheiligung dürfte nun der Verinnerlichung des Gebets seitens Einzelner hinderlich sein. Wie ׳soll aber auch der Einzelne, sich vom Strom der Singenden Loslösende, zu innerer Sammlung und geschlossener Concentrirung seiner religiösen Gefühle gelangen, wenn alles um ihn herum schreit oder gar kreischt? Das Privatleben der Sephardim mag vielleicht bezüglich der Einhaltung des Ceremoniells und der zähen Aufrechterhaltung der Traditionen dem der Aschkenasim im Durchschnitt überlegen sein; chr öffentliches religiöses Leben ermangelt jedoch — vielleicht Ln Folge ihrer liturgischen Gepflogenheiten — jener Tiefe und Innerlichkeit, wie sie aschkenasischen Gottesdiensten gleicher religiöser Schattirung, namentlich zu Neujahr und am Bersöhnungstag, eigen zu sein pfiegen. Während ich in meiner Jugend in den kleineren jüdischen Gemeinden an den genannten Feiertagen kaum ein Auge thränenleer fand, habe ich am Rosch- Haschanah in Konstantinopel kein thränenfeuchtes Auge zu Gesicht bekommen, trotzdem ich fast ein Dutzend Synagogen während der verschiedenen Gottesdienste beobachtet habe. Jenes eigenartige Parfüm von gehobener Feiertagsstimmung, wie ich es in orthodoxen Synagogen beobachtet, habe ich an keinem sephardischen Gesicht wahrzunehmen vermocht. Trotz des guten Eindrucks, den der Ritus der italienischen ״Schul" auf uäch gemacht, fröstelte mich die öffentliche Werkeltagsstimmung der Betenden an. Aus keinem Auge blitzte mir jener wärmend religiöse Strahl seelischer Zerflossenheit entgegen, der sich auch dem nicht, dogmengläubigen, aber verständnisvollen Zuschauer mitzutheilen und ihn für Momente zu ergreifen pflegt.. Mag sein, dass der Durchschnitts-Aschkenasi im Laufe des Jahres in ceremonieller Richtung mehr auf dem Kerbholz und daher mehr abzubitten hat, als der im Durchschnitt streng ceremoniell lebende Sephardi im Orient. Immerhin kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als ob das religiöse Leben der Juden im Orient sich zu mumienhafter, dogmenstarrer Unfrische verhärtet, habe. An dem ersten Eindruck änderte und milderte auch der spätere Besuch der verschiedenen sephardischen Synagogen so gut wie nichts. Auf Anrathen Elias Pasch al/s war ich am anderen Morgen ins spanische Judenviertel, Haiskoi, hinausgewandert. Es war dies eine ziemlich kräftige Wanderung, zumal es meinem Dragoman beliebte, einen großen Umweg zu machen, um auch noch die sephardischen Friedhöfe zu besichtigen. Dieser Friedhof, der ohne jede Umzäunung auf der einfachen Landstraße gelagert, sich eine gute halbe Stunde mit seinen liegenden (nicht wie bei uns auftechtstehenden) Leichensteinen hinzieht, ist in seiner öden Trostlosigkeit ein getreues Abbild der türkischen Staatswirthschaft: Die ganze Türkei ist nichts weiter, als ein Friedhof morsch gewordener, innerlich längst überlebter, staatlicher Institutionen — ohne jede ernstliche Umzäunung. Ein kräftiger Windhauch des geschlossenen Europa — und die Türkei ist gewesen. Haiskoi hat drei Synagogen, wobei man im Orient meist an Doppelsynagogen zu denken hat, sofern in der Regel eine über der andern aufgebaut ist, ja nicht selten sogar drei übereinanderliegende Synagogen angetroffen werden. Das Stadtviertel selbst war wie. ausgestorben. Nur da und dort blinzelte verstohlen ein anmuthiges Frauengesicht von echt spagnolischem Zuschnitt durch die spärlichen Scheiben der unsäglich kümmerlichen Häuschen hindurch. Ganz Haiskoi befand sich in den Synagogen. Diese selbst sind meist recht dürftige Stätten. Im ganzen Orient gibt es keinen einzigen synagogalen Monumentalbau. Selbst die ältesten Synagogen, die ich gesehen, wie beispielsweise die Synagoge des Maimonides in Kairo, reichen nicht ensernt an das heran, was uns beispielsweise die Alt-Schul in Prag baulich bietet. Und es ist bezeichnend genug,, dass die . hübscheste Synagoge im Orient — die freilich, an den Verhältnißen Europas gemessen, immer noch ärmlich genug ist — die Hauptsynagoge der Aschkenasim in Jerusalem sein dürste. Mangel an architektonischem Sinn dürfte kaum der Grund sein, warum die spagnolischen Juden im Orient es zu keinem würdigen Synagogenbau gebracht haben; denn die gleichfalls aus der pyrenäischen Halbinsel geflohenen Sephardim in Amsterdam haben so viel Verständnis für bauliche Schönheit bekundet, dass sie vor mehr als zweihundert Jahren bereits eine monumentale Synagoge errichtet haben, die mir heute noch von allen Synagogen der Welt, die ich gesehen, den mächtigsten Eindruck macht. Auch ein staatliches Hindernis dürfte kaum der zureichende Grund dieser auffallenden Erscheinung sein, da man in der Türkei von jeher durch Geld und gute Worte (eventuell auch ohne letztere) alles durchzusetzen vermag — abgesehen davon, dass die Juden in der Türkei sich seit Jahrhunderten einer ausnehmend glimpflichen Behandlung seitens der Sultane zu erfreuen haben. Auch der Mangel an Wohlstand und. gutem Willen endlich sind keine Erklärungsgründe für dieses peinliche Zurückstehen der Spagnolen hinter den Aschkenasim. In einer Stadt, welche eine Hagia Sophia oder eine Suleimania als erhabene bauliche eMusterbilder in sich birgt, hätten es hunderttausend aschkenasische

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