Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453365-3453377--4534-3459006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oesterreichisch-ungarische Redaetion n. Administration Wien, 2. Novaragasse 27. R. k. österr. j)ostsparcafse Lheck-Lonto Nr. 835,240. K. nngar. Postsparcaffe Lheck-Lonto Nr. 4026. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. OsntrLl-Ol'gLÜ für die Interessen der Cantoren und Cultusbeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor iaeob kausr. Pränumerations-Preis. FnrCantorLtrtt.Enltnsbeanrto irr Vrfirrrrich-Ungarrr. Ganzjährig.fl. 5 — Halbjäbrig.fl. 2.50 FiirCantorrn tt.Cnltttsbrantt« int Ausland Ganzjährig.10 Mtrk oder 5 Rubel. Für Private inrd IttfiitnLe Ganzjährig . ... st. 8.— Abonnementsn. Inserktonsbetrage find in Wien yatzlbar. Nr. 12 Wien» 1. Mar 1896. 16. Jahrgang. Baron Moritz Hirsch. Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel kam Dienstag, den 21. April aus O.-Gyalla in Ungarn die erschütternde Nachricht, dass Baron Moritz Hirsch im 65. Lebensjahre plötzlich gestorben ist. Das edle Herz, welches die Leiden der Menschheit so tief empfinden konnte, hat zu schlagen aufgehört, und die Hand, die Millionen ausgestreut, ist erkaltet. Nicht das Judenthum allein, die ganze Menschheit steht trauernd an der Bahre dieses Mannes, der als einer der Edelsten und Besten aller Zeiten, Wohlthätigkeit und Humanität in bisher unerreichtem Maße geübt hat. Baron Hirsch hatte einen einzigen Sohn, welcher im Alter von dreißig Jahren an einer Lungenentzündung starb. Dieser Schicksalsschlag, der ihn kinderlos machte, hat eine besonders tiefe Wirkung auf ihn hervorgebracht. Seither fasste er den Plan, mit Hilfe seines Vermögens die Leiden der Menschheit zu lindern und insbesondere die Lage seiner bedrückten Glaubensgenossen zu verbessern. So entstand die Hirsch-Stiftung in Oesterreich mit einem Kapital von zwölf Millionen Francs, dazu besümmt, Volksschulen für die Kinder der galizischen Juden zu errichten und für deren spätere Fortbildung als Handwerker zu sorgen. Gegenwärtig bestehen bereits 41 solche Schulen, an deren Erfolg sich Baron Hirsch besonders erfreute. Fast das gleiche Kapital hat Baron Hirsch den rumänischen Juden gewidmet. Von tiefstem Mitgefühle wurde er ergriffen, als die Nachrichten über die Verfolgung und Vertreibung der russischen Juden eintrafen. Einen großen Theil der Mittel, um die Flüchtlinge an der Grenze von Oesterreich und Deutschland aufzunehmen, sie über Bremen und Hambürg nach den Vereinigten Staaten zu schaffen und ihnen dort die Möglichkeit der Existenz zu sichern, hat Baron Hirsch gegeben. Als die jüdische Auswanderer-Bewegung in Rußland immer stärker wurde, fasste Baron Hirsch, unterstützt von seinem Freunde und Secretär V e n e t i a n i, den Plan, in Argenünien eine, jüdische Kolonie zu gründen. Diese Idee erschien ihm schon deshalb als eine Nothwendigkeit, weil er sich mit der russischen Regierung über die Bedingungen einer Stiftung von 50 . MMonen Francs nicht einigen konnte. Diese Stiftung sollte den Zweck haben, die russischen Juden dem Handwerk und dem Ackerbau zuzuführen. Es war überhaupt die leitende Idee des Freiherrn v. Hirsch, die russischen und polnischen Juden mit Hilfe der Bildung und Erziehung vom Handel abzulenken und dem Handwerke wie dem Ackerbaue zuzuführen. Die russische Regierung verlangte die Deponirung des Kapitals, während Baron Hirsch dasselbe in englischen Werthen anlegen und in London verwalten lassen wollte. Diese Differenz konnte nicht geschlichtet werden, aber es gelang dem Baron Hirsch, zu bewirken, dass die russische Regierung im Vereine mit seinen Vertretern die Pässe an die Auswanderer nach Argenünien ausfolgte. In Argentinien kaufte nämlich Baron Hirsch sehr große Ländereien, und dort wurden jüdische Ackerbaucolonien nach dem Principe der Selbsterhaltung angelegt. Die Eolonisten werden nur durch Landanweisung und Ueberlassung von Werkzeugen am Beginne unterstützt, müssen jedoch Alles zurückzahlen, so dass das Capital nicht verbraucht wird sondern fortwährend zu neuer Ausdehnung der Colonie benützt werden kann. Nach Ueberwindung von großen Schwierigkeiten scheinen diese Colonien, für welche Baron Hirsch ein geradezu leidenschaftliches Interesse hatte, jetzt zu prosperiren. Sein Zweck bestand darin, zu beweisen, dass die Juden sich zur physischen Arbeit und zum Ackerbaue eignen, und nach Maßgabe seiner Kraft dafür zu sorgen, dass jene Elemente der Juden, die noch auf der untersten Erziehungsstufe stehen, durch Bildung sittlich und wirtschaftlich auf den Stand der Juden im Westen gehoben werden. Abgesehen von diesen grandiosen Plänen, übte Baron Hirsch die Wohlthätigkeit für die Bedürfniße des Tages im weitesten Umfange. In Wien fetzte er ein Comite ein, dem er monatlich den Bettag von 10.000 fl. überwies, haupsächlich zu dem Zwecke. Handwerker ohne Rücksicht auf den Glauben, welche durch Capttalsnoth gefährdet sind oder die nothwendigen Werkzeuge nicht besitzen, durch rückzahlbare Gelddarlehen zu retten. Den gleichen Betrag erhielt ein Comite in Budapest; die Comites in Lemberg und Krakau erhielten monatlich zwölftausend Gulden, und das Comits in Newyork erhielt monatlich 10.000 Dollars. Die einzelnen Wohlthätigkeitsacte lassen sich gar nicht aufzählen. Auf hundert Millionen Francs kann die Summe seiner Stiftungen, Widmungen und Geschenke gewiss