Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (21.4.1896)
- Date
- 1896-04-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11 Gesterreichifch-ungarische Lanwren-Zeitung Seite 5. ,.Wenn ihr noch so viel betet, höre ich es nicht; denn eure Hände sind voll Blutes — des Unrechtes. Dem Hungrigen brich dein Brot, herabgekommene Arme bringe ins Haus, Nackte bekleide und von deinen Verwandten entziehe dich nicht, dann wird Gott dein Gebet erhören." (Prof. Jes. 1, 15, 58, 7—9.) ״Wer blos die Pflichten gegen Gott, aber die Pflichten gegen die Menschen nicht hält, der ist kein guter Frommer; nur derjenige, der beiderlei genannte Pflichten einhält, der ist ein guter Frommer". (Tr. Kid. 40.) ״Ein Vergehen am Privateigenthum ist eine größere Sünde, als ein Vergehen gegen Gotteseigenthum." (Tr. B. Batr., 88.) ״Wer keine Kenntnis von der schriftlichen Lehre — Bibel — auch keine von der mündlichen — Mischnah — und auch keine sociale Sitten- und Anstandslehre hat, sie nicht übt — Derech Erez — der gehört gar nicht zur menschlichen Gesellschaft." (Tr. Kid. 41.) Nr. 10. ״Eine schlechte Kindeczucht im Hause ist härter zu ertragen als der mächtigste Krieg von Außen." (Tr. Broch. 7.) Lehre. Diese sehr schmerzliche, für die Erziehung der Kinder wichtige Erfahrung entnimmt der Talmud aus dem traurigen Erlebnis des Königs David, indem dieser selbst vor dem mächtigsten Feinde im Kriege nicht zurückwich aber vor seinem widerspenstigen Sohne Absalom, der ihn vom Throne stürzen wollte, floh er von Jerusalem, um die Stadt zu schonen. (II. Sam. 15. 14.) Mögen die Eltern ihre Kinder frühzeittg derart erziehen, dass sie ihnen und der Welt zu guten Engeln, aber nicht zu Geißeln heranwachsen, wie Absalom seinem Vater selber eine Geißel war. (H. Sam. 12. 11.) Sie möchten stets beherzigen, dass ihre Kinder nicht blos zu ihrer irdischen Stütze, auch nicht nur zu ihrem eigenen Wohle, sondern auch zur Beförderung des Gottesreiches, zum Heile des Staates und. Nutzen der ganzen Menschheit zu erziehen verpflichtet sind. König David war. vom Pädagogischen Standpunkt aus, an diesem seinem Leiden insofern schuld, weil er Anfangs seinem Sohne Absalom wegen seiner S ch ö n h eit zu viel Liebe und Nachsicht zeigte, ihn jedoch wegen seines Vergehens an seinem Halbbruder Ammon so fern von sich hielt, dass er während seiner zweijährigen Anwesenheit in Jerusalem vor David nicht kommen durfte, und als er durch Joabs Verwendung vor David erschien, da kiisste er ihn blos und entließ ihn, ohne sich mit ihm v äterlich .auszusöhnen. Hierüber fühlte er, der Königssohn, sich verletzt und gekränkt, daher nährte er in sich den Groll und sann auf Rache. (II. Sam. 13. 15.) David hätte etwa besser gethan, wenn er seinem Sohne sein Vergehen unter vier Augen vorgehalten, dann ihm völlige Vergebung zugesagt und ihn bei sich behalten hätte. (S. Nr. 2 u. 13.) ״Eine Seele voll Unmuth und Verdruß ersttckt wie dumpfe, schwere Lust alle geistigen Blüthen und den sittlichen Wuchs." (I. Paul.) ״Zurechtweisen sollst du deinen Nächsten und ihm kein Vergehen nachtragen!" (2. M. 19. 17.) ״Besser offene Zurechtweisung als geheime Liebe(Spr. 27. 5) ״Eine Liebe ohne Zurechtweisung ist keine Liebe, ein Friede ohne Zurechtweisung ist kein Friede." (Midr. Jalk. 1. Nr. 95.) ״Die Zurechtweisung muß derart geschehen, dass, der Zurechtgewiesene nicht beschämt und seine Gesichtsfarbe nicht verändert werde." (Sanhedr. 10. Ezech. 16.) ״Würdige Zurechtweisung führt zum dauernden Frieden." (Sifri, Deuter. 1. 3.) Nr. 11. .,Keine Plage nahe deinem Zelte!" (Psalm 9.11.) Darunter wird verstanden: Man soll keinen solchen Sohn (oder einen solchen Schüler) haben, der viele zum Straucheln bringt, der andere verdirbt. (Tr. Broch. 17 u. Sanhedr. 103. Lehre. Eltern sollen ihre Kinder gelegentlich, besonders wenn sie dieselben in die Fremde senden, ermahnen, dass sie ihnen durch ihre Aufführung Ehre, aber keine Schande machen. Sonst beschuldigt man die Eltern, dass sie ihrem Kinde schlechte Erziehung oder gar schlechtes Beispiel gegeben haben. ״Sei weise, mein Sohn und erfreue mein Herz, damit ich meinen Lästerern erwidern könne." (Spr. 27.11.) Es ist genug Kränkung für die Eltern, ein gottloses Kind zu haben, wenn es auch nur ihnen allein Kummer bereitet. Aber die Betrübnis ist noch viel größer, ein solches Kind zu haben, das auch Andere verdirbt. ״Einweiser Sohn erbaut eine Stadt, aber die Zunft der Gottlosen reißt sie nieder." (Ben Sirah 16. 3.) ״Wer andere zu Sünden verleitet, der kann sein Vergehen nicht gut machen." (Ab. 5.18.) ״Wie der Baum, so die Frucht, wie der Vater, so der Sohn, wie die Mutter, so die Tochter." (Tr. Ketub. 63. Ben Sirah 26. 29. M. Rabb. z. Hohl. 1.) Nr. 12. ״Dies ist es, was die Menschen sprichwörtlich sagen: Das Geschwätz des Kindes aus der Gasse rührt entweder von seinem Vater oder von seiner Mutter her." (Tr. Sukkoth 56.) Lehre: Hier dürfte wohl die älteste Quelle des Sprich- Wortes sein: ״Wie die Alten jungen, so zwitschern die Jungen." Diesen Spruch erwähnt der Talmud bei Gelegenheit einer Erzählung, dass eines Priesters Tochter, zur Zeit Matisjahu's, zur griechischen Religion übertrat und einen griechischen Richter heirathete. Beim Eingang der Griechen in den Tempel stampfte sie aufden Altar und ries: ״Wolf! Wolf! Wie lange wirst du Israels Geld vernichten״ aber in seiner Noch stehst du ihm nicht bei!״ Dafür sollte ihr Vater mit einer Ehrenbeleidigung in seinem Priesteramte bestraft werden, weil vorausgesetzt wurde, dass er an ihrem Religionswechsel durch seine Lästerlichen Reden über den heiligen Altar schuld war. Schon gegen 300 Jahre früher rief der Profet Maleachi (1. 6. 7.) den Priestern folgende Worte zu: ״Wo ist eure Ehrfurcht — spricht der Ewige Zebaoth — ihr Priester, Verächter meines Stammes? Indem ihr sprechet, der Tisch des Ewigen — sein Altar — ist verächtlich." Allenfalls liegt hier eine große Warnung für die Eltern, dass sie nicht durch ungerechte und unvernünftige Reden ihre eigene Religion — deren erhabenen Inhalt viele derselben gar nicht kennen — entwürdigen und hiedurch ihren Kindern zur Mißachtung der Religion und deren Einrichttmgen Anlass geben. Ebenso nachtheilig ist es, wenn Eltern vor ihren Kindern wegen mancher Mängel einzelner Juden über alle ihre Glaubensgenossen mißfällig aburtheilen. Schmerzt uns ja mit Recht solche sehr ungerechte Generalisirung von nichtjüdischer Seite, umso eher sollten wir selber uns hievon enthalten. Auch mögen sie wissen, dass auch sie selber sich hiemit ein Armuthszeugnis geben. Jede Consession hat ihre unwürdigen Namensträger, mit welchen man die Würdigen derselben nicht ideutifiziren darf. ״Ein Jeder sterbe für seine Sünde; nicht Kinder für Eltern und nicht Elter für Kinder." (5. M. 24, 16.) Ueberdies mögen sie wissen, dass selbst die uns anhaftenden socialen Mängel eine natürliche Folge der durch 1500 Jahre von den Söhnen unserer Töchterreligion über uns verhängten, inhumanen Ausnahmsgesetze sind. ״Schauet mich nicht verächtlich an, weil ich geschwärzt bin! Die Sonne schwärzte mich — äußerlich; meiner Mutter Söhne zürnten mir." (Hohel. 1. 5. 6. Midr. z. M.) Dies mögen die Eltern ihren Kindern mittheilen, damit sie (über ihre älteren Glanbensgenossen milder urtheilen unb