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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-04-21 · Heft 11 (21.4.1896) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 11 (21.4.1896)
Date
1896-04-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Eettc 4. <O österreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Nr. 11. Feiertagen in den Synagogen erscheinen, wo ihnen freilich der ihrem Range entsprechende Ehrenplatz in der Regel angewiesen; wird. Es soll dies in meinem Munde nicht so sehr eine Ehrung, als eine Eonstatirung des Thatbestandcs bedeuten. Es ist dies ein Lntercssauter psychologischer Beitrag zur Lehre vom Milieu. Während im Westen die in hohen Staatsanstellungen befindlichen Israeliten sich in der Regel eben so selten — wenn überhaupt — in der Synagoge zeigen, wie ihre christlichen Collegen in der Kirche, gehört es im Osten zum guten gesellschaftlichen Ton, sich durch Theilnahme am Gottesdienst öffentlich zu seinem Glauben zu bekennen. Im Westen jüdelt sich's eben, wie es sich christelt, während es sich im Osten jüdelt, wie es sich mohame- Lauelt. In der Sprache des Alltags nennt man diesen Psychologisch begreiflichen Zustand Assimilatiou; die Philosophie hingegen spricht von der Wirkung des socialen Milieus. Als ich im behaglichen Geplauder׳ mit Dr. Elias diesem Gedanken nächhängen und ihn weiter ausspinnen wollte, mahnte uns der Zeiger zum Aufbruch, um an der Vorabendfeier des Rosch-Haschanah .in einer der zahlreichen Synagogen Constantiuopels theilzunehmen. Wir begaben uns durch einen Zickzack von winkligen Straßen von unheimlichem Odeur in ein Verhältnismäßig kleines, festlich beleuchtetes Gotteshaus, das im Volksmund die italienische ״Schul" heißt. Es mögen hier einzelne Familien italienischer Abkuust sich vorwiegend versammeln; der Charakter des Gottesdienstes hat nichts vom italienischen Ritus. Hier ttat mir vielmehr zuerst ein sympathischer Typus des rem spagnolischen Gottesdienstes entgegen, der sich gegen den italienischen durch aumuthendere Frische und Lebendigkeit vortheilhast abhebt. — Der italienisch-jüdische Gottesdienst, wie ich ihn in Mailand, Bologna, Florenz und Neapel an verschiedenen Feiertagen beobachtet und den ich an einem Jom-Kippur in Rom in seiner Peinlichen Intensität kennen gelernt habe, hat etwas verstimmend Unfrisches, einschläfernd Monotones au sich. Wo in Italien noch der orthodoxe Ritus herrscht, wie dies beispielsweise in Rom der Fall ist, — Florenz liebäugelt in seiner wundcrprächtigen Synagoge bereits mit dem aschkenasischen Ritus — da muß der aschkenasisch erzogene Jude sich abgestoßen fühlen von der in; gleichem, melodielosen Tempo sich stundenlang wiederholenden Litanei. Uns Aschkenasim stecken die Melodien im Blute, und unsere Vorfahren, denen Theater und Concerte religiös versagte Genüsse blieben und die selbst die Volksmelodien nur mit scheuer Zaghaftigkeit als religiöse Schmuggelwaare heimlich in sich auftrahmen, befriedigten ihren unzerstörbaren Melodientrieb' in ihrem Gottesdienst. Der Chasan war ihnen die unbewusste Verkörperuug von Heldentenor und Concertsänger. Und so sickerte unvermerkt und verstohlen so manche heitere Opernmelodie, gar manche schelmische Wirthshausweise mit nur oberflächlicher synagogaler Tünche in unsere Lecho-Daudi's hinein. Diesen. unverwüstlichen Liederdrang, der selbst über die so ängstlich behütete Barriere des Ceremoniells mit keckem Sprung hinüberhüpfte, muß das ewige Einerlei der Eiapopeia-Melodien des italienisch-jüdischen Ritus verstimmen, wenn nicht geradezu verletzen. Um so - angenehmer war ich nach den mir noch heute in dm Gliedern steckenden Jom Kippur-Erfahrungen in Rom von dem Gottesdienst der italienischen ״Schul" in Constautinopel überrascht. Der Chasan verfügte über annehmbare Stimmmittel und trällerte die Gebete in einer Tonweise, die man.bei gutem Willen für Melodien hatten konnte. An den üblichen Stellen , fiel die Zuhörerschaft ein und sang einige Gebetstücke unter leidlich;׳ rhythmischer Begleitung mit dem Chasan. Ausgefallen ist mir die im Verhältnis zahlreiche Betheiligung der Jugend, die an eine regelmäßige Theilnahme am Gottesdienst gewöhnt zu sein schien, da sie die Gebete fast durchweg auswendig absang. .. Nach meinen Beobachtungen ist die gesangliche Betheiligung des gesammten Publikums am Gottesdienst der -Vertiefung der religiösen Andacht und Stimmung keineswegs förderlich. Nur die lautlose Stille, die allenfalls vom Vortrag einer gut geschulten .Stimme Unterbrochen wird, scheint jene weihevolle Grundstimmung zu erzeugen, welche die religiösen Gefühle am adäquatesten ausdrückt. Dass die Alten bereits diese psychologische Beobachtung ahnungsvoll vorweggenommen haben, beweist der Umstand, dass der Krystallisationspunkt sämmtlicher Gebete, die Schemona-Eßra, nach religiöser Vorschrift sich in lautloser Stille zu vollziehen hat. Der tiefere Grund dieser Erscheinung, wie ich sie im katholischen und protestantischen Gottesdienst — im unvortheilhaften Gegensatz zum mohamedanischen — ebenso beobachtet habe, scheint darin zu liegen, dass das wiederholte Absingen religiöser Melodien seitens einer musikalisch wenig geschulten größeren Gemeinschaft leicht zur Schablone verführt und zu mechanischem Ableiern zu erstarren die Tendenz hat. Wohl können durch laute, ja überlaute Jubel-Hymnen Zustände des religiösen Paroxysmus, d. h. der durch Autohypnose erzeugten weltvergessenen, wildphantastischen religiösen Extase heraufbeschworen werden, wie sie uns das Beispiel unserer Chassidim im Osten und das der heulenden Derwische in Coustantinopel, sowie der tanzenden Derwische in Kairo abschreckend genug vor Augen führt. Aber jene geschlossene, abgetönte, verinnerlichte religiöse Stimmung, wie sie nur der reflectirende, bewusst religiöse Culturmensch in sich zu erzeugen Pflegt, vermag sich wohl nur zu entfalten bei lautloser Betheiligung am Gottesdienst oder beim Anhören vollendet dargestellter TonschöpfUNgen. ■ ׳ (Forts, folgt.) Pädagogische Aphorismen aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstelleu aus der Bibel und aus Schriften moderner Pädagogik. Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Religionsprofessor am Obergymnasium zu S. A. Ujhely. (Fortsetzung.) N ach druck verboten. Nr. 9. ״Wehe seinem Barer, der ihn, den Sohn, unterrichten ließ, wehe dem Lehrer, der ihn gelehrt hat! Sehet da, der hat Thora gelernt, wie verderbt sind seine Werke, wie entstellt seine Wege! Ueber ihn lautet das Urtheil der Welt: ״Dieses ist das Volk Gottes und sein Land haben sie verlassen". (Ezechiel 36, 20, Talm. Tr. Jona 86.) So ruft der Talmud über denjenigen aus, welcher Bibel- und Talmudkenntniße besitzt, mit Gelehrten umgeht und doch im Verkehr mit den Leuten unredlich ist und mit den Menschen nicht sanstmüthig spricht. Lehre. Hierin ist eine.gewiss beherzigenswerthe Er- Mahnung für jene Ettern, die da glauben,, ihr eigenes und ihrer Kinder Seelenheil schon dadurch gesichert zu haben, wenn sie selber Talmud lernen, viel beten, ihren Körper wenig pflegen, die religiösen Ceremonien nebst allen unbedeutenden Observanzen ängstlich beobachten, auch ihre Kinder nur Gemarah ,lernen lassen und zur Uebung genannter Gebräuche anhalten; aber die erhabenen Rechts- und Humanitätspflichten, die Anstands- und Sittenlehre der Bibel und des Talmud selber nicht üben und; auch die Kinder nicht hiezu anhalten. :Sie hatten nur die -Pflichtengegen Gott, aber nicht die Pflichten gegen die- Menschen.

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