Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (21.4.1896)
- Date
- 1896-04-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 11. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. gestimmte, einladende Schreiben des verehrlichen Redacteurs dieses Blattes. Obgleich nun Reisebeschreihungen weder meines Amtes sind) noch meinem Geschmack und meinen litterarischen Gepflogenheiten sonderlich entsprechen, habe ich den lockenden Tönen der feinfühligen Redaction nicht widerstehen mögen. Und so bin ich denn von meinem litterarischen Grundsatz, meine Feder) ausschließlich in den Dienst der von mir vertretenen Wissenschaft zu stellen, diesmal abgewichen, um kleine Streiszüge in dem mir so wenig zusagenden Gebiete der Reisebeschreibungen zu unternehmen: Und wenn die Leser finden sollten, dass ich hie und da etwas Wilddieberei getrieben und litterarische Contrebande eingeschmuggelt habe, so unterscheide ich mich von berufsmäßigen Reise-Schriftstellern wohl nur dadurchdass ich mich infolge, der nothwendigen Unbehilflichkeit des ersten Versuches beim Schmuggeln ertappen lasse. Ich schicke diese Verwahrung voraus, um den Vorwurf mangelnder Originalität und behaglichen Reproducirens von Banalitäten die Stachelspitze zu nehmen. Was ich im Orient gesehen habe, das haben Zehntausende vor mir nach den bewährten Rezepten von Baedecker, Meyer 6 tutti quanti gleichfalls gesehen, beziehungsweise fahrplanmäßig ausgearbeitet; nur wie ich es gesehen habe, dürfte für die Leser von einigem Interesse sein. Füge ich noch hinzu, dass ich aus einem gewissen Stammesinstinct heraus an allen von mir besuchten Stätten mit besonderer Vorliebe den Spuren gewerblicher und geistiger Thätigkeit unserer dort lebenden .Glaubensgenossen nachgegangen bin, so dürfte sich die hier versuchte Skizze der Feier des Rosch-Haschanah-Festes in Konftantinopel umso eher rechtfertigen, als gerade hierüber kein Reisehandbuch der Welt auch nur Andeutungen, geschweige denn Ausschlüsse enthält.' Am 18. September vorigen Jahres (Erew Rosch-Haschanah) glitt der Orient-Expreß Zug mit gemüthlichem Behagen in den recht kleinstädtischen Bahnhof der durch Schönheit und Alter gleich ehrwürdigen, von jeder kindlichen Einbildungskraft in der Regel mit den abenteuerlichsten Farben ausgestatteten Sultanstadt Konstantinopel. Von den Insassen des Expreß-Zuges schien außer mir Niemand zu wissen, dass am morgenden Tage das jüdische Neujahrsfest begangen wird, dessen eigenartige Feier im Orient dem Ethnographen und Kulturhistoriker etwelches, dem mit dem Herzen betheiligten Zuschauer aber ein doppeltes Interesse darbietet. Wenigstens hatte ich meinen Reiseplan derartig zurechtgestutzt, dass ich in Konstantinopel rechtzeitig anlangen sollte, um der Neujahrsfeier der Juden in Konstantinopel in allen ihren Schattirungen beiwohnen zu können. Blieben mir auch nur wenige Stunden bis zum Beginn der Vorabendseier, so war ich doch mit warmen Empfehlungsschreiben seitens meiner Regierung, sowie seitens meines, verehrten Freundes, Professor Vambäry, dessen Weltruf ja vom Orient ausgegangen ist und nunmehr verstärkt wieder dorthin zurückstrahlt, so reichlich ausgestattet, dass ich hoffen durfte, in wenigen Stunden ausreichend informirt zu sein, um die beiden Feiertage als planmäßiger Beobachter durchgreifend ausnützen zu können. Beim Betreten dieser seltsamen Stadt, deren Bevölkerung damals noch nichts von jener revolutionären Physiognomie verrieth, die politisch bewegten Städten eigen zu sein Pflegt, war es Mein Erstes, meine Karte Sr. Excellenz Dr. Elias Pascha, einem der angesehensten Mitglieder der dort lebenden Israeliten, an den ichvon London aus warm empfohlen war, zu über- Mitteln. Besser hätte ich es freilich nicht treffen können. Dieser ausgezeichnete Manndessen Bekanntschaft ich unmittelbar nach meiner Ankunft machte und dessen Freundschaft ich bald genug erwerben durste, war geradezu die gegebene Persönlichkeit, mir die gewünschten Aufschlüsse zu ertheilen und bei meinem Rundgang durch die Synagogen Konstantinopels als Cicerone zu dienen. Mit orientalischer Gastfreundschaft, die fteilich im Hause Elias Pascha's — im wohlthuenden Gegensatz zur vulgären Gastfrendschaft der Orientalen — einen heimeligen Stich ins Jüdische an sich hatte, das heißt offensichtlich von nngeheuchelter Innerlichkeit war, wurde ich allfogleich in die Familie gezogen und als ein zum Festtag sich einfindendes Familienmitglied behandelt) Ohne nun gerade ein Passepartout für meine Leser von Seiten meines neugewonnenen Freundes ausdrücklich erbeten zu haben, glaube ich doch keine Jndiscretion zu begehen, wenn ich dieselben einlade, mir in das Haus des illustrer! Glaubensgenossen zu folgen und vor Allem die Bekanntschaft des in so mancher Richtung interessanten pater familias zu machen. Elias Pascha, Neäecin äs 8. M. I. le Sultan und Generalarzt der türkischen Marine, hat sich aus den denkbar bescheidensten Anfängen zu seiner gegenwärtigen Stellung emporgeschwungen. Einer der ersten Schüler der von Gras Camondo begründeten und später von der Alliance Israelite weiter ausgebauten israelitischen Volksschule, hat er seine medicinischen Studien vorwiegend in Deutschland absolvirt, war Assistent Gräefe's in Berlin und hat es knapp über Dreißig zum Leibarzt Seiner Majestät des Sultans gebracht. Seine Ernennung zum Pascha (General) erregte nicht nur deshalb ungeheures Aussehen, weil Dr. Elias der erste Jude war*), dem der Sultan diese Auszeichnung verlieh, sondern besonders darum, weil vor ihm noch kein Arzt den Generalsrang zugesprochen erhielt. Seither ist freilich eine erkleckliche Anzahl hoher Würdenträger jüdischen Glaubens ernannt worden: Jsaac Pascha, Generalarzt, der gelegentlich des Besuches des deutschen Kaisers Wilhelm H. diesem attachirt war und bei diesem Anlass zum Pascha befördert wurde. Ferner ist seit zwölf Jahren der Unterpräfect von Konstantinopel, Bochor Effendi, ein eifriges Mitglied der jüdischen Gemeindeverwaltung. Er gilt für einen der schneidigsten Beamten und genießt im kaiserlichen Palast, wie ich mich gelegentlich eines Gesprächs mit Tachsin Bey, dem ersten Secretär Seiner Majestät des Sultans, persönlich überzeugt habe, eines außerordentlichen Ansehens. Ferner ist Abraham Effendi höherer Beamter im Ministerium des Auswärtigen und David Effendi erster Uebersetzer im gleichen Ministerium, in welcher Eigenschaft er durch etwa vierzig Orden ausgezeichnet worden ist. Bei dieser Gelegenheit mag hier eingeschaltet werden, dass Juffuf Effendi Krieger, der unter abenteuerlichen Umständen aus Ungarn nach der Türkei ausgewandert ist, heute Director des Ministeriums des Auswärtigen auf der Insel Rhodos ist und an Zahl der Orden mit David Effendi wetteifern kann. Als fernere Notabilitäten Konstantinopels seien hier genannt: Aron Leon Effendi, Baruch Effendi, Boas Menasche Effendi (Mitglied des Appellationsgerichtes in Rhodos), Dr. Camhi, Araslan Effendi Fresko, der erste Dragoman der kaiserlichen Marine, Moise Bey, Dr. Behar Effendi, Rechtsanwalt Emil Effendi, der Beamte der hohen Pforte Elias Effendi, Dr. Leon Behar und die Familien Modiano, Eskenasi, von Toledo. Von diesen Würdenträgern israelitischer Abkunft ist keiner zum Islam übergetreten; sie bekennen sich vielmehr durchweg in ostensibler Weise zu ihrem Glaubm, sofern sie an allen jüdischen *) Ich nannte ihn deshalb auch scherzweise den ersten Pascha-Israel.