Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (21.4.1896)
- Date
- 1896-04-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 11. Der wohlthätige Einfluß rationeller Singübungen auf die betheiligten Organe ist von Laryngologen und Physiologen vielfach anerkannt und gewürdigt worden. Bei dem immer wachsenden Interesse für das körperliche Wohl unserer Schuljugend muß es daher befremden, dass die sanitäre Bedeutung des Schulgesangunterrichts von seiten der maßgebenden Behörden noch so geringe Beachtung findet. Die Ziele des Gesangsunterrichts in der Schule mögen noch so verschieden ausgefasst werden: eine allgemeine Uebereinstimmung wird aber in der Meinung zufammentreffen, dass die Jugend beim Singen vor Mißbrauch und Schädigung der edelsten Lebensorgane geschützt sein müsse. Wohl wird jetzt von einsichtigen und gewissenhaften Lehrern darauf gehalten, dass die jugendlichen Stimmen ihrem natürlichen Umfange nach beschäftigt werden, das ist aber auch so ziemlich alles. Welche weiteren sanitären Forderungen außerdem der Gesangsunterricht bedingt, soll in folgenden, der ״Jllustr. Deutschen Musikzeitung" entnommenen Ausführungen dargelegt werden. Das Singen erfordert dem, gewöhnlichen Athmen gegenüber eine wesentlich gesteigerte Lungenthätigkeit. Wie hierbei durch eine entsprechende Lehre ein außerordentlich wohlthätiger Einfluß aus die jugendlichen Organe ausgeübt werden kann, so liegt anderseits die Gefahr einer Schädigung sehr nahe. Zunächst muß das Singen in überfüllten, schlecht gelüfteten und ungenügend gereinigten Räumen für schädlich gehalten werden. Nicht viele Schulen verfügen über genügend große Räume für die Singübungen. Oft genug aber fehlt es da, wo diese Räume in entsprechendem Verhältniße vorhanden sind, an der erforderlichen Sorgsamkeit im Reinhalten. Solch große Räume werden gewohnlich zwei Mal wöchentlich an den schulfreien Nachmittagen einer mehr oder weniger gründlichen Generalreiuigung unterzogen. Ost: ist das Singlocal auch das Local für die Morgenandachten oder dient noch anderen Zwecken. Fallen nun die Singstunden, wie vielfach üblich, auf die letzte Vormittagsstunde der Mittwoche und Samstage, so wird der Nutzen der Reinigung gerade für die Sänger hinfällig. Dass von den Kindern vor Beginn des Unterrichts, wenn der Lehrer nicht beim Versammeln gleich am Platze ist, viel Staub aufgewirbelt wird, ist erklärlich. Wie die eigentliche Gesangs lehre im Massenuni errichte der Schule wegkommt, ist hinlänglich bekannt. Es bleibt bei der Menge der Schüler und dem zu bewältigenden Singstofi auch für den gewissenhaftesten Lehrer selten Zeit genug, die Schüler mit den wichtigsten Grundgesetzen der Gesangstechnik vertraut zu machen. Es wird eben vom ersten Schuljahre an g esung en, selten aber gelehrt, wie gesungen werden sollte. Gewisse, die san it ä r e Seite des Faches berührende Sachen müssten aber unter allen Umständen gelehrt werden: vor allem das Athemnehmen und Athemausgeben. Die Kinder müssten vornehmlich dazu angehalten werden, das Einathmen durch die Nase zu üben und zu besorgen; es müsste ihnen so viel über die Function des Athmens beim Singen beigebracht werden, dass sie ein mühe- und zwangloses Ausströmenlassen der Luft erlernen. Der durchdringende, schneidende und gellende Ton, den man oft bei Kinderstimmen wyhrnimmt, beruht keineswegs auf einer physiologischen Eigenthümlichkeit des kindlichen Organs, sondern auf falschem Gebrauch desselben. Man vergleiche die Knabenstimmen sorgfältig geschulter Kirchenchöre mit dem naturalistischen Kreischen ungeschulter Kinderstimmen, um die Ursache des Klangunterschiedes leicht in der Tonbildung und Athemführung zu erkennen. Das ungeschulte Organ , quält eben nur den' Ton, beziehungsweise die geforderte Tonhöhe heraus, ohne den Ton gleichzeitig durch eine rationelle Athembehandlung zu richtigem, trag- und schallfähigem Erklingen zu bringen. Darum hält es auch so schwer, in tieferen Lagen einem ungeschulten kindlichen Chore eine auch nur bescheidene Klangfülle abzugewinnen, weil eine erhöhte, wohlerwogene Athemthätigkeit dazu gehört, die tieferen Töne zu genügendem Erklingen zu bringen. — Dass bei einem gewaltsamen Herauspressen der. Töne ohne entsprechende Athemgebung eine erhebliche Ueberanstrengung der Stimmenwerkzeuge und des Kehlkopfs insbesondere stattfindet, liegt auf der Hand. Es ist keine Seltenheitdass Cömmandierende an chronischer Heiserkeit und änderen Halsübeln kranken. Man wird selten fehlgehen in der Annahme, dass es sich hier um Berufskrankheiten handelt, die auf eine fehlerhafte Gebrauchsweise des Stimmorgans zurückzuführen sind. Das Commandowort soll deutlich, laut und weithin vernehmbar erschallen. Die raüonelle Gesangslehre kennt die Mittel, diese Forderungen ohne Ueberanstrengung zu erfüllen. Bei ungeschulten Organen wird die ohne richtige Athemtechnik mangelnde Tragfähigkeit des Tones, sowie die Deutlichkeit der Aussprache durch eine Ueberanstrengung, eine Brüskirung des' Kehlfopfs und der Stimmbänder instinctiv zu erreichen gesucht, wobei auf die Dauer schädliche Folgen kaum ausbleiben können. An vielen kleineren Gymnasien soll durchaus vierstimmig gemischter Chor gesungen werden, womöglich auch vierstimmiger Männerchor. Die Leistungen solcher Chöre sind /oft schwer genug erkauft durch Schädigung schonungsbedürftiger jugendlicher Stimmen. Wie mancher dem Knabenalter kaum entwachsener Sänger muß sich da einen ״Tenor" anquälen, dessen Ausübung für eine spätere Zeit meist den Verlust oder die Unbrauchbarkeit der Singstimme, bedeutet. Wo die Vorbedingungen zum vierstimmig gemischten Chor nicht ganz glückliche sind, da sollte dreistimmig gesungen werden mit nur einer Männerstimme als Baß. Gegenüber den hier angedeuteteu Nachtheilen eines ungeschulten, naturalistischen Singens ergeben sich die wohlt h ä t i g e n Einwirkungen einer angemessenen Gesangs lehre auf die betheiligten Organe von selbst : in erster Linie eine Kräftigung der Lungen und der Athmungsmuskulatur, welche der allgemeinen körperlichen Entwickelung zugute kommt. Es erscheint nach solchen Betrachtungen als wünschens- Werths dass in den Schulen lieber etwas weniger gesuygen, dafür aber mehr das Singen gelehrt werde. Erst wenn die Schüler angeleitet werden, ihre Organe mit Bewusstsein und in vernünftiger Weise zu gebrauchen, erst dann wird der Gesangsunterricht an den Schulen auch seinenheute noch imaginären, musikalischen und veredelnden Werth erhalten. Freilich gehört dazu vor allem eine sorgfältigere gesangstechnische Vorbildung der Lehrkräfte, als sie Heute gewöhnlich zu finden ist. Die Juden in Ronstantinoprl. Von Prof. Dr. Ludwig Stein in Bern. *) ' ׳;1 : ־ . ... - . Von einer mehrwöchentlichen Reise, die in Konstantinopel einsetzte, über Griechenland und' Aegypten sich ausdehnte, um iy Jerusalem ihren krönenden Abschluss׳ zu finden,, heimgekehrt, fand ich mehrere Aufforderungen zum Bericht. über das im Orient Erlebte vor, darunter das auf einen liebenswürdigen Ton *) Mit Bewilligung des Verfassers aus der ״Mg. Ztg. d. Judenth."