Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 10 (7.4.1896)
- Date
- 1896-04-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 10. leucht«! aller Zkrgeu, Ein Gefühl wird allgemein > Uns er Cultus, MM'Ä^M^Pck^^übml'Leider-istMGÄegenheil so Men, die Schönheit des Alt-Ehrwürdigen dem Volke zum Bewusstsein zu Wgen. - -Der Gottesdienst ist zu Ende.׳ Also wie sehen wir aus? Werdenwir die 6 Sänger behalten? Welche Frage? Der Cultus hat uus bisher so und so viel gekostet, und.wie sah es im Gotteshause aus? Mussten wir uns nicht schämen, wenn Andersgläubige zu uns in den Tempel kamen? Hätten wir nicht unausgesetzt die Gemeinde wegen Religionsstörung anzeigen müssen, falls wir eine ungestörte Andacht herbeiführen wollten? Mit. einein Schlage ist unser Publicum verändert. Andacht, Anstand, Manier, Haltung ohne Commando, Alles lauscht mit angehaltenem Athem, um auch das feinste Pianissimo zu vernehmen. Wer die ungeheuren Auslagen, wer soll denn dieselben bestreiten? Müßige Frage, die beim schwarzen Kaffee im Castno binnen einer halben Stunde gelöst wird. Zunächst erhalten die Sänger sogenannte Kosttage, Diese übernehmen die Häuser, die weder nothleidend noch im Wohlstände sind. Besser situirte Leute haben freiwillig zu zeichnen, und sollte noch , ein großer Betrag schien, so wird ein Tempelverein gegründet, der für den Rest aufzukommen hat.-An die Gemeindekasse ist Heuer schwer zu appelliren, da das Präliminare schon behördlich genehmigt ist. Der Beschluss beim schwarzen Caffee wird Sonntag schon ausgeführt. Um 10 Uhr sind sämmtliche Kosttage versorgt, und die freiwillige Zeichnung der Spenden ergiebt ein befriedigendes Resultat. Nun kommt aber ein Haken. Cultusvorstund und Rabbiner find seit Jahren in Disharmonie, eine Neuwahl . steht ^upmittelbar vor der Thüre, die verschiedenen Oppositionsparteien werden alle Anstrengungen machen, den Vorsteher zu stürzen, der Kampf zwischen Rabbiner und Vorsteher wird ein sehr gefährliches Agitationsmittel bei der Wahl abgeben. Und doch ist der Vorsteher, der einen lebendigen Sinn für einen veredelnden Cultus hat, der Gelder, wenn nöthig, aus den! Boden zu stampfen vermag, heute nöthiger denn je. Alles droht in die Brüche zu gehen, wenn der Agitation nicht der Boden entzogen wird. Es muß sofort eine Aussöhnug zwischen dem Rabbiner und dem Vorsteher herbeigeführt werden. Gedacht, gethan. Nachmittag, am zweiten Sabbath nach der Ankunft des neuen Cantors wurde die-Versöhnung vollzogen, und zur großen Ueberraschung der Gemeinde sah man — seit Jahren unerhört — Rabbiner und Vorsteher einen gemeinsamen Besuch beim Cantor machen. Die Opposition ist verschwunden, die Sparmeister dürfen nichts reden, deren Frauen und Töchter halten sie nieder, die Gemeinde bietet ein Bild der Eintracht und der Har-, monie, einen hier seltenen Accord, eine Wirkung der Accorde, welche der künstlerisch veranlagte, feinfühlende Cantor im Gotteshause vernehmen lässt. Wem nicht;u rathen, dem ist nicht;u helfen. II. Das Trefe-Effen oder die sonstigen religiösen Uebertretungen kann der Rabbiner freilich nicht verhindern, und wenn keine Schaaloth Vorkommen, so giebt's natürlich auch keine Teschuwoth. Dessenungeachtet muß aber der Rabbiner immer als solcher dastehen mid die rituellen Codices im Originale vollkommen beherrschen. Da aber, wo der Vorsteher den Cultus nach Pascheles' Kalender und dem Siddur selbst,regelt, ist zumeist ein Strohmänn-oder ein Hasenfuß als.׳ Ztabbiner ängestellt, der wahrlich zu׳ bedauern ist,-und seine-Gemeinde mitr ihm. Die׳ Regelung, des -Cultus ist Sache' des ׳ Rabbiners; der Vorsteher hatnach dem Gesetze, seine Wirksamkeit- und Wältung nur nach außen, weshalb er nichts C u l t u s v o r st e h e r, sondern nur Vor st eher der Cul tu sgemeinde heißen darf. Ob die Mitglieder in religiösen Angelegenhnten dem Rabbiner folgen wollen oder nicht, das hängt von ihrem Willen und ihrem religiösen Bedürfnis ab, aber der Rabbiner hat unter allen Umständen׳ zu begutachten und zu moralisiren und darf sich dieses Recht von Niemandem beschränken lassen. Wer das Wahre und Rechte liebt, darf die Stimmen nicht zählen und wiegen, ob's mit der Herrlichkeit früher oder später aus ist. Uebrigens darf heute der Rabbiner aus solchen Gründen nicht entlassen werden, denn er steht, unter dem Schutze des Gesetzes und der Behörde. Herr College St. hat keine Ursache, meinen Bericht über den Vorgang eines Cultusbeamten im Chrudimer Kreise zu bezweifeln. Es ist dies Einer in einer Nebengemeinde, was ganz gleich in's Gewicht fällt. Uebrigens könnte ich noch Aehnliches berichten. Ich mache in keiner Beziehung Unterschied zwischen Doctoren und Nichtdoctoren, unter Beiden gibt's gute und schlechte, gediegene und leichtfertige Charactere. Darum weg mit dem Spitznamen״ Doctorrabbiner" und ״Dispensrabbiner", wir haben nur ״Rabbiner" oder ״Rabbiner-Stellvertreter", und damit fertig! Recht naiv scheint uns die Frage des Collegen St., ob denn die Mitglieder jener Gemeinde Juden sind. Sind, denn die seines Berichtes, die sich über alles, -was Religion heißt, .hinwegsetzen, keine solche Juden? — ־ J . . . - .. ־ Ich komme nun zu der ׳ dritten oppositionellen,.Stimme, die von Leipzig her sich vernehmen ließ. Auf den Vorwurf meiner angeblichen ״Fremdlingstheorie" habe ich bereits früher entgegnet und hinsichtlich der Frage des Herrn Dr. K., ob denn ein naturalisirter Oesterreicher nicht einem geborenen Oestcrreicher an patriotischen Gefühlen und Empfindungen gleichkommt, stelle ich die Gegenfrage: Ist es.wahr, dass ein in vorgeschrittenem Alter angenommenes Adoptivkind für seine Eltern ebenso fühlt und empfindet, wie die anderen leiblichen Kinder? Oder durchdringt bei einem aus irgend einem materiellen Grunde vollzogenen Glaubenswechsel den Convertirten dasselbe religiöse Gefühl, wie denjenigen, bei׳ welchem die. Liebe׳ zu dem betreffenden Religionsbekenntniße von Geburt an durch langjährige Erziehung gehegt und gepflegt wird? Ich will diese Frage unentschieden lassen, möge jederdarüber seine eigene Meinung sagen. ״Wir wollen auch nicht patriotischer sein, als die Regierung und nicht grausamer als die Antisemiten", wie Herr Dr. K. sich äußert, aber unsere Gemeinden, dürfen, dann auch-gegen uns nicht so grausam sein und uns die Existenzen entziehen, um sie angenommenen Oesterreichern zu verleihen. Wahr ist es, dass ״unsere Rel igion k.eine Nassen und keine Freindlinge kennt", aber unsere Religion kennt und -lehrt den Selbsterhaltungstrieb im Menschen, ohne welchen die Familie, der Staat und, die Gesellschaft nicht bestehen könnten. . Herr Dr. K. hat selbst sofort einen eklatanten Beweis für die Richtigkeit meiner- Anschauung geliefert,- denn die. Druckerschwärze jener Leipziger Entgegnung war noch kaum recht trocken, als er schon im Besitze einer österr. Cultusgemeinde-Beamtenstelle war. Die österr.. Cultusgemeinden haben nämlich, wie. ich bereits an anderer Stelle erwähnte, eine gewisse Vorliebe für Cultus-