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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-03-21 · Heft 9 (21.3.1896) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 9 (21.3.1896)
Date
1896-03-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9. — Oesterreich isch-ungarische Lantoren-Aeitung Teste 5. Die Kunst des Singens wird immer. dieselbe sein, das was früher gut war, ist's auch heute noch, nur dass jetzt viel weniger gelernt werden muß als früher, und'dass die Sänger von heutzutage sich das sehr zu Nutzen/machen. Leider mußich gestehen, dass Wagner unbewusst einen 'großen Einfluß auf Nichtskönner' ausübt. Früher, bei Mozart speciell — um von der. Oper zu' spreche« — bei all den alten italienischen Meistern, bei Bellini, Donizetti und Verdi in jüngeren Werken^ musste jede Stimme einen ausgedehnten Umfang haben, gute Koloräturtriller u. s. w.. sowohl für Sopran als für Alt, Bass und Tenor. Wagner hat ja glücklicher Weise alle diese Dinge aus der Oper ausgemerzt, da nun aber jede Note eine Silbe hat, ist die Musik leichter zu finden und der Glaube dadurch genährt, dass man nur Wagner gut zu singen und.-deutlich auszusprechen brauche. Was braucht man nun noch Fiorituren oder Triller zu üben, ja es scheint manchen dramatischen Sängerinnen eine Schande, einen ordentlichen Mordent machen zU können, da man sonst glauben könnte, sie seien Koloratursängerinnen. Ich, im Gegentheil, behaupte, dass man ebenso wenig Wagner gut singen kann, ohne Mozart gut singen zu können, wie umgekehrt. Es ist wahr, dass Wagner. große Anforderungen an die Stimme macht, aber in dem Gedanken an ein gedecktes Orchester konnte er sich vieles erlauben, und dass dieses nicht überall eingeführt wird, ist gewiss nicht seine Schuld. Wenn all die Piano- und Pianissimozeichen von Kapellmeistern, Orchestern und Sängern beobachtet würden, sollte sich's Publikum wundern, wie gesanglich auch Wagner sein kann; ich will nur eine Stelle als Beispiel hier angeben: Die Todesverkündigung in der Walküre. Gedacht ist die Scene für die Walküre selbst visionsartig, denn sämmtliche Antworten auf Siegmunds's Fragen sind mit lauter ״pp" für's Orchester bezeichnet — was geschieht aber gewöhnlich? Das Orchester bläst darauf los, als bliesen sie zum jüngsten Gericht! W . . . Mojschele, als derselbe gerade 80 Gulden zum Bruder des Herrn W . . .-trug. ״Mojschele borgen Sie mir dies Geld, ich muß heute eine Ehrenschuld bezahlen, sonst bin ich ruinirt oder ich tobte mich, ich bekomme übermorgen von Papa mein monatliches Privatgeld, wo ich es ihnen dann gebe. Papa wird Onkel nicht fragen, ob sie ihm das Geld gegeben." Mojschele sträubte sich wohl, er sah aber die^Todesangst des jungen Mannes — schließlich ist es ja der Sohn seines Wohlthäters — und er übergab ihm das Geld. Der Papa aber frug doch den Onkel, Mojschele wollte nichts verrathen, und des anderen Tages las man in der Zeitung: ״Allen Geschäftsfreunden und Bekannten diene zur Warnung, dass ich meinen bisherigen Comptoiristen Moses G . . . wegen Veruntreuung entlassen habe. Zahlungen bitte nur direct zu leisten." Mojschele kam. nach Hause und legte sich auf die Bank beim Ofen, mit der Bemeräng, er habe heftiges Kopfweh. — Den andern Tag kam der Bezirksarmenarzt S . . . in dienstlicher Angelegenheit, ganz in Gedanken versunken, in die isr. Matrikenführung. ״Also 'der Nichtsnutz ist tobt?!״ frug der Matrikenführer. .. .. ״Mojschele? Nun ja!" , ״Woran starb er eigentlich?". ״Hm!— Schreiben Sie auf, meinetwegen, Herzschlag." > ״ : ־So! — Noch gut, .dass er. dem -,Bikur Cholim" feine; überflüssigen Kosten bereitet hat. der Nichtsnutz". י־־■ — .. .. Der. junge W .׳•:; konnte Mojschele nur. noch zu Grabe geleiten. _ Die Meinung der Extremisten theile ich nicht, jeder, vernünstige Künstler muß sie durchaus verwerfen. Jedes Äenie hat seinen unvergleichlichen Gottesfunken, aber selbst. Genies sind nur Menschen, keines vollkommen in dieser Welt, wie sollte ich da nur eines in den Himmel heben, aber freilich inuß er erobert werden nnd erhalten, was oft das Schwerste ist. Das wirklich Große und Schöne besteht, das Kleinliche oder künstlich Großgemachte vergeht im ewigen Fluge der Zeit. Stets wird man auf die alten Traditionen, so lange sie uns erhalten bleiben, zurückkommen. Jede Kunst, heiße sie, wie sie wolle, ruht auf einer festen Basis seit Jahrhunderten, ihr kann sich Niemand entziehen, der auf künstlerischen Werth Anspruch macht. Die Malerei ist darin sehr bevorzugt, ebenso wie die Bildhauerei, sie haben Bleibendes geschaffen, das immer wieder zur Anspannung da ist und zum Streben reizt. Der Sänger schafft leider nur für den Augenblick; wie weniges bleibt so eingegeben, dass es auf Jahre hinaus wirkt; das wird uns dann nur durch Erzählung übermittelt — gehört kann's leider nicht mehr werden. Die Kunst des Gesanges wirkt fteilich auch viel unmittelbarer und kann die Herzen am Tiefsten rühren. Wie in jeder Kunst, so giebt's auch im Gesang nur sehr wenige ausgezeichnete Künstler. Mozart singen nur noch Diejenigen, die angeborene Koloratur haben — wie wenige lernen sie, wie Wenige sind da, sie zu lehren — und es geht auch so. Durch das Hinausstellen elender Anfänger und Anfängerinnen, welche wieder von gewissenlosen Agenten, nichtswissenden Direktoren rc. gezeitigt werden, die mit der Kritik auf gutem Fuße stehen, wird das Publikum systematisch dumm gezogen. Nicht dass es nicht fühlte, - dies sei gut und dies schlecht, aber unwillkürlich fragt man sich, ob das, was man liest, gerade das Gegentheil von seinem richtigen Gefühl, nicht am Ende das Richtigere ist, da es doch ein Kritiker behauptet, und es gehört die ganze Energie eines Characters dazu, sich und Anderen gegenüber seine eigenste Meinung einzugestehen oder zu vertheidigen. In zehn Zeitungen kann man über ein und dasselbe Werk oder ein und dieselbe Person die verschiedensten Urtheile lesen; wenn man sie zu- ' sammenhält, muß man unwillkürlich laut auflachen. Auch die Kritik geht nach Brod — wenigstens in Deutschland. Wie viele verstehen eine ordentliche Kritik zu üben? Die Meisten können keinen Ton selber singen, sie verlassen sich aus chre Gottähnlichkeit; in übler und guter Laune werden Werke jahrelanger Thätigkeit, Fleiß und Mühe mit einem schlechten Witz des interessant sein wollenden Kritikers zerstört und elendes Stümperwerk in den Himmel gehoben. Freilich ist nichts von Dauer, denn das Schöne, Werthvolle bleibt Sieger, aber das Urtheil des Publikums wird darum nicht besser. Aber auch unter Kritikern giebt's Künstler und Unparteiische, das habe ich in Amerika besonders kennen gelernt, dort haben sich Kritiker öffentlich bei Künstlern — siehe Niemann — bedankt für das, was er sie gelehrt; es hat mir eine herzliche Hochachtung für den betreffenden Kritiker abgezwungen. Aber wie selten wird das Publikum zu urtheilen gelehrt, wie selten der Künstler liebevoll belehrt . ... Üeber Gesangsbildung kurzeBetrachtungen niederzuschreiben, . ist fast unmöglich; der Gegenstand würde mich Hinreißen, ich fürchte, zu weit zu gehen. Eines , möchte ich jedoch besprechen. Die meisten Leute, habensehr falsche Begriffe von Gesangs- Methode. - .Die- Einenmeinen, die italienische,die Anderen, die deutsche sei die bessere. Nun, , beide Schulen, wenn sie gut sind.

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