Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1896)
- Date
- 1896-03-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453365-3453374--4510-3458979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Gesterreichisch-ungärische Lantoren-Aeitung. Nr. 9. Semiroth. Von Ed. H. Spieluiann in Pilgram. Die auregenden und hochinteressanten Ausführungen des Herrn Prof. Steinthal in Berlin über die jüdischen Melodien haben ähnlich wie bei mir. gewiss bei vielen Amtsgenossen und College!! lebhaften Beifall gefunden und angenehme Reminiszenzen erweckt. Herr Prof. Steinthal widmet in seiner Abhandlung den leider in Oesterreich, speciell Ln Böhmen und Mähren, im Abnehmen begriffenen, häuslichen Gesängen feine besondere Aufmerksamkeit, und dies mit vollem Rechte. Wie viele Familien singen noch צור משלו אכלנו oder מה יפית? Wie viele Väter singen noch den Kindern המבדיל בין קדש להל vor? Es ist leider traurige Wahrheit, dass diese allen, tradiüonellen Melodien und Lieder, welche trotz leidensvollster Zeiten gedichtet und gesungen wurden, dass diese hochpoetischen Ergüsse von ftommen, fröhlich frohen und doch bedrückten Herzen, welche den Sabbath loben und preisen, der Vergessenheit anheim fallen. Und wessen Schuld ist es? Nebst der gegenwärtig herrschenden Zeit- und Geistesströmung Ln Israel müssen wir uns selbst als die Schuldigen bezeichnen; denn wir richten unser Augenmerk nur auf das Effectvolle, wir widmen uns nur dem ״Dankbaren", was aber innerhalb der vier Wände, was zu Hause gesagt, gelehrt und gesungen wird, das hat keinen Wert.? Da wird darauf loscomponirt, alle möglichen Leeho dodi, Mismor scbir lejom hasehabbos Keduschos u. s. w/erscheinen im Druck, und man muß zugeben, dass manche derselben schön und erhaben sind und den Beifall des Berufmannes und die Anerkennung Andersgläubiger erringen, aber wie wenige unter ihnen sind auf traditioneller Basis?! Müssen nicht alle CoMponisten jeglichen Zeitalters und, ,verschiedenster Richtungen herhalten, um unsere tradiüonellen Gesänge — zu?verdrängen? : So habe ich erst vor Kurzem einen ויכלו gehört, der mich lebhaft an das bekannte Intermezzo Mascagni's erinnerte. Wo Mojschele Nixmch. Aus meinem Album. Skizze von E. H. Spielmann, Pilgram. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein langsames Verbluten, wenn die Dichtkunst nicht wäre. (Börne). (Schluss.) -; Allein Moses fand Müßiggang doch zu fad und trachtete, denselben ein wenig einträglich zu gestalten. Die Prager Judenstadt, heute Josefftadt genannt, wird speciell im Sommer von zahlreichen Fremden besichügt, insbesondere wird die altehrwürdige Wneu-Synagoge, der viele hundert Jahre alte Friedhof, das Lsr. Rathhaus und dergleichen einer besonderen Besichtigung für werch befunden. Mojschele stellte sich daher auf den Altstädter Rmgplatz, und wenn er hier mit dem nur einem geborenen Prager eigenen Scharfblick, einen ״Soreh" sah, so näherte er sich demselben und gab in bescheidener und klarer Weise Erklärungen mit historischen Bemerkungen über das betreffende Baustück. Da sich Mojsche dabei sehr anständig benahm und außerdem ein gutes Deutsch sprach, so ließ. man sich dies gerne gefallen, ja mancher nahm den angebotenen Führerdienst Mojsche's an,und so wurde Mojschele ein ״Sorehführer" resp. Fremdenfiihrer, welche Zunftart heute bereits unter Controle u. Concession steht.; So brachte Mojsche manchen Gulden der alten Mutternach Hause. - Manchmal jedoch war ihm das Glück nicht günstig, er! erhielt von manchen Fremden ״Schiwre lev", und einmal fielst es sogar höchst peinlich aus. Einem ungemüthlichen Sachsen! gieng seine Uhr׳ im Gedränge verloren und derselbe bezeichnetel 'Mojsche als denjenigen; der sich iu ׳,;auffälliger׳ Weise" ׳ an ihn ׳ heran gedrängt hatte. Mojschele wurde unter Bedeckung auf's׳ Cvmmissariat geführt, wo selbstredend seine Unschuld bewiesen bleibt da die Tradition und wo bleiben die obgenanuten Semiroth, diese wohlduftenden, schüchternen Veilchen des jüdischen Familiengesanges, von denen eine noch heute unübertroffene Poesie ausströmt? Sie vergehen und.werden vergessen wegen grellfarbiger Zierpflanzen, die wol das Auge blenden, jedoch Herz und Gemüth vollkommen kalt lassen.וצפית אתו זהב טהור מבית ומחוץ Nicht nur von außen soll sie mit Gold belegt sein, sondern auch im Innern, nicht nur außen soll das Schöne angebracht sein, auch im Innern soll es schön, glänzend und. prachtvoll sein. In den Schulen werden den Kindern Lieder eingedrillt, welche jedes Inhalts und Geistes baar sind: ״Fuchs du hast die Gans gestohlen", ״o Tannenbaum" u. s. w. —. Wäre es nicht schöner und vortheilhafter, wenn die Schule — ich spreche natürlich von den jüdischen Schulen und Lehrern — unter anderen! auch jüdische Lieder für die häusliche Andacht pflegen wurde. Man wird mir antworten, dass die.meisten Kinder im Tempelchor verwendet werden und hier genügend Gelegenheit haben, jüdische Gesänge zu lernen, ob aber damit den häuslichen Gesängen genützt wird, ist fraglich, und die oberwähnten Weihelieber gerathen dabei vollkommen in Vergessenheit. Darum möge man diese ,,Sorgenbecher" sammeln, pflegen und allenthalben verbreiten, auf dass sie wie ein Phönix verjüngt auferstehn, zur Erfrischung des Geistes und des Ohres, und damit sie zur Ehre Gottes auch fernerhin beitragen mögen. Wie lernt man singen?*) Die Gesangskunst ist im Verfall begriffen. Wie soll man ' singen lernen? Die unvergessliche Brunhilde unserer ersten deutschen Oper, Frau Lilli Lehmann-Kalisch, behauptet das ׳ erstere und giebt auf das letztere eine Antwort. Die Ausführungen der berühmten Sängerin, die in allen musikalischen Kreisen Interesse erregen werden, mögen hier im Wortlaut Platz finden. *) Aus dem .,New-Iorker Morgen-Journal" mitgctheilt von Osias Hochglück. wurde; aber .,Span'dran, etwas muß doch daran sein", sagten die liebenswürdigen Nachbarn, ״denn Mojschele ist ja schon längst ein ausgemachter Nichtsnutz und Polbotelgeher." Seitdem ließ Mojsche das Fremdenführer-Handwerk und wurde ein Sofemann. Es ist dies eine höchst einfache und so ziemlich einträgliche Position für arme Leute und — Müßiggeher. Die Frömmigkeit und Andacht wird hier bezahlt und zu einem alltäglichen, höchst prosaischen Geschäft gemacht. Es gibt für mich nichts Abstoßenderes, als diese Classe von Leuten, die sich durch das Augenscheinliche ihrer Handlungen, indem sie sich ihre Pflicht bezahlen lassen, selbst herabwürdigen, und ich finde factisch nicht Worte hiezu, um dies Geschäft zu beschönigen. Wer bezahlt, für den geht man in Schul, wer nicht bezahlt — dem stört man das eventuelle Minjan durch — Weggehen oder Ausbleiben. Und wenn ich dies Gebühren wieder vom Stand- Punkt der Noch und Armuth betrachte, so denke ich unwillkürlich: Tief unter uns da wimmelt das närrische Menschengeschlecht, sie schreien und wüthen und schelten, und haben doch Alle recht. Mojschele wurde also Minjanmann. Er gieng Früh, Nachmittag und Abend in Schul', gieng armen Leuten im Aufträge der Chewra Kadischa auf Begräbniße, half während Schlauschim Minjan machen u. s. w., u. s. w״ und da fielen immer ein paar Sechser ab, die er der alten Mutter treulich übergab. Der Vorsteher "der Pinkasschul', Herr W . . ., ein alter, menschenfreundlicher Herr, lernte ׳ auf diese Art Mojschele näher .kennen und nahm ihn schließlich als Comptoiristen zu sich in's Geschäft. Da sich Mojschele durch ruhiges, stilles Benehmen die Gunst, seines Chefs erwarb, wurde er zu wichtiger!! Arbeiten verwendet.' unter anderem zum Einkassiren und Auszahlen. — ׳ Herr W . .״. hatte einen Sohn, der als Lieutenant im ^-Regiment in Prag diente. Eines Tages begegnet der junge