Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-03-01 · Heft 7 (1.3.1896) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 7 (1.3.1896)
Date
1896-03-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453365-3453372--4494-3458961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Nr. 7. thätigkeiten hinwirken; die Physische Erziehung und geistige Bildung müssen Hand in Hand gehen, damit nicht das eine oder andere Extrem zum unersetzlichen Schaden fürdüs Menschengeschlecht in das Leben eingeführt werde." (Rottek und Wolcker.) ״Kälte und Hitze, Extremitäten, sind auf dem Wege des Krummwandelnden; wer sein Leben achtet, der entferne sich von ihnen, von den Extremitäten." (Spr. 22, 5.) ״Sei nicht zu fromm und klügle nicht übermäßig; warum willst du dich verwüsten? Frevle nicht viel und handle nicht thöricht; warum willst du vor deiner Zeit sterben? Der Gottesfürchtige wandelt die Mittelstraße." (Prud. Sal. 7.16—19.) ״Der Wanderer gehe in der Mitte des Weges, damit er nicht auf der einen Seite von der Hitze und auf der anderen Seite von der Kälte vernichtet werde." (Ab. de N. Natan. 29. C.) 92r. 3. ״Heil dem, der das Recht achtet, der zu jeder Zeit Mildthätigkeit übt." (Psalm 108. 3.) Ein solcher ist derjenige, der seine unmündigen Kinder verpflegt. (Tr. Ketub. 50, 65, Midr. Jalk. zu Psalmen Nr. 864.) Lehre. Wie die Bibel den Eltern keine Verpflichtung sn Betreff der körperlichen Pflege ihrer Kinder vorschreibt, weil sie diese der zarten Libe der jüdischen Eltern von Sachkennern Israels wohl überlassen konnte, ebenso verpflichtet sie hiezu der der Talmud nicht ״juridisch", sondern er stellt dies.nur als eine ״religiös-sittliche" Tugendpflicht, als eine ״Zedakoh", Mildthätigkeit hin. Zu Ende der römischen Verfolgungen durch Kaiser Hadrian — 140 n. — als das Armen- und Bettlerwesen bei den Juden überhand nahm, weshalb viele Väter die gänzliche Verpflegung ihrer Kinder den verarmten ״Gemeinden" überließen, da beschloss eine Synoden Versammlung der Gelehrten zu Uscha, einer Stadt in Palästina, in Untergaliläa, die Verpflegung der Kinder bis zu deren 12. Lebensjahr, welche Verpflichtung von einer solchen Synode im 3. Jahrhundert bis zum sechsten Lebensjahr des Kindes reducirt wurde. Wenn man bedenkt, wie wenige Bedürfniße noch unsere Eltern oder gar Voreltern hatten, und wie frühzeiüg sie sich diese Bedürfniße verschafften, wenn man überdies noch bedenkt, dass im Orient, wo die Jugend körperlich und geistig bedeutend früher als im Abendlande sich entwickelte, so wird man diese vor 1700 Jahren eingebrachte Reducirung auf 6 Jahre gar nicht wunderlich finden. Jener bemittelte Vater, der diesem Beschluss nicht Genüge leisten wollte, wurde öffentlich gebrandmarkt, indem ihm zugerufen ward, er handle wie der Drache, der seine Jungen Fremden überlässt, und hartherziger als die Raben, die eine gewisse Zeit ihre Jungen pflegen. Ueberdies wurden die Verpflegungskosten ebenso wie die Mittel zur Armenpflege, die nach der Lehre des Talmud auch eine religiös-ethische Pflicht ist, und auch Zedakoh heißt, nöthigenfalls auf dem Executionswege durch die Gemeindevorstände eingetrieben. (Tr. Ketub. 49, Löws Lebensalter, 129.) Allenfalls I ist diese Verpflegung keine juridische Rechtspflicht. Denn unmündige Kinder können kein juridisches Recht erwerben, noch weniger ein solches Recht zur Welt bringen. (Talmud, B. M. 45.) Dasselbe lehrt auch Dr. Karl v. Rottek in seinem Buche: Das Recht der Vernunft. 1. B. 30. 2—307. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. . Wien. Donnerstag, den 27. d. M. fanden die Gemeinderathswahlen aus dem 3. Wahlkörper statt, wobei in sämmtlichen 19 Wiener Bezirken die antisemitische Liste durchdrang. Fast überall wurden die antisemitischen Candidaten mit erdrückender Majorität gewählt, nur im ersten und zweiten Bezirke war die Majorität eine geringere. .Durch den Sieg im 3. Wühlkörper fallen den Antisemiten 46 Mandate,im Gemeinderathe zu,, und da auch der größte Theil des zweiten Wahlkörpers voraussichtlich antisemitisch wählen wird, so kann man schon jetzt eine antisemitische Majorität für den neuen Gemeinderath prognosticiren. Ob jedoch der Gemeinderath überhaupt seine Thätigkeit aufnehmen wird, ist höchst zweifelhaft, da die Vorgänge sich dort wahrscheinlich gerade so wie im vorigen Herbste abspielen werden und die Regierung daun. schließlich zur neuerlichen Auflösung wird schreiten müssen. Wien. Der Vorstand der israel. Cultusgemeinde verlautbart, dass die Betsitze im Leopoldstädter Tempel nur durch die Gemeindecassa I., Seitenstettengasse 4, vor den Pessach-Festtagen eines jeden Jahres an jedem Wochentage während der Caffastunden von 9—12 Uhr zur Ausgabe gelangen. Wien. Im israel. Tempel, XVI. Bezirk, Hubergasse 8, fand wie alljährlich, Donnerstag den 20. d. M., als am Vorabende des 7. Adar ein feierliches Requiem für die verstorbenen Mitglieder der Chewra-Kadischa des XVI. und XVII. Bezirkes statt. Anwesend waren der Cultusvorstand S. Rosner, der Gesawmtvorstand der Chewra-Kadischa des XVI. und XVH. Bezirkes mit dem Präses, Herrn Bernard Trnka, und ein zahlreiches, distinguirtes Publicum. Der choralische Theil wurde vom I. Cantor, Herrn M. Schlesinger, auf's Beste ausgeführt; Se. Ehrwürden Herr Dr. M. Deutsch hielt eine sehr treffende Ansprache, welche auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck ausübte. Wien. Samstag den 15. Februar 1896 erschien die Verbindung. österr.-schles. Hochschüler ״Jvria" als erste jüdischnationale Verbindung der Wiener Universität in schwarz-goldblauen Farben bei dem sogenannten ״Bummel". Abends wurde dieser äußerst wichtige Schritt in dem Leben eines academischeu Vereines bei einem solennen Festcommers im Restaurant Weiß gefeiert. Nach Begrüßung der zahlreich erschienenen Gäste beleuchtete,cand., jur. Carl Kohn, der Obmann der Verbindung, in einer schwungvollen Rede die hohe Bedeutung des Farbentragens, er ermahnte alle Mitglieder des Vereines, das Band mit Muth und Würde zu vertreten, dass kein Fleck und Makel die Tricolore entehre. Weiter führte der Redner aus, dass das Band für jüdische Studenten nicht nur ein äußeres Zeichen eines innigen Zusammenschlusses, sondern auch ein offenes und unumwundenes Bekenntnis der jüdisch-nationalen Gesinnung bedeute. Nachdem die übrigen Bruderverbindungen der ״Jvria" ihre Gratulation entgegengebracht, hielt cand. med. Moritz Nuttin einen geistvollen Vortrag über die Stellung der jüdisch-nationalen Studentenschaft zur Religion. Nach Absingung des Farben- und Bundesliedes begann der inofficielle Theil des Commerses, der die Corona in zwangloser Unterhaltung bis Mitternacht vereinigte. ProHnitz. Sonntag, den 16. Februar saß hier in einer großen Hotelgesellschaft im Gasthause zu den drei Königen ein Wachtmeister, der gegen die Juden recht loszog, dabei solche Ausdrücke gebrauchte, wie sie selbst die berüchtigsten Antisemiten nicht besser zu geben vermögen. Der daselbst' anwesende Kanzleibeamte des Advokaten Dr. Haas, Herr Tin tuer, ein geborener Wiener und Reservelieutenant in Civil, stellte den Wachtmeister darüber zur Rede und befahl ihm, in einem Hotel, wo so viele Israeliten tägliche Stammgäste sind, keine antisemitischen Hetzreden zu halten. Da erwiderte der Wachtmeister, dass jeder ׳schäbige Jude Reservelieutenant sein könne, er aber solche Leute nicht als feine Vorgesetzte betrachte. Daraufhin verfiigte sich Herr Tintner zum Platzcommandanten, der sogleich den wachehabenden Corpora! ins Hotel beorderte, um den robusten Wachtmeister in die Kaserne zu bringen. Nachdem sich dieser aber weigerte, mitzugehen, wurde eine Patrouille von 6 Mann unter Führung eines Offiziers ins Gasthaus. gesandt, die den renitenten Wacht- Meister festnahm und in die Kaserne brachte. Tags darauf wurde er ins Garnisonsarrest nach Olmütz überführt. Mähr.-Ausser, 16. Februar. (Ein Wort an die ehrwürdigen Colleg en). Wenn es noch eines: Beweises bedurfte, dass wir bei der jetzigen. Alles zersetzenden und in's barbarische Mittelalter hinschielenden Strömung auf die eigene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.