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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-03-01 · Heft 7 (1.3.1896) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 7 (1.3.1896)
Date
1896-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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DesterreLchisch-urrgarische Lantyren-Ieitung. Str. .7. Seite 4. Frauen umfassenden Damenvereines, für Arme, Gesanglehrer des jüdischen Waisenhauses und Mitglied des Vorstandes des hiesigen Zweiges der Alliance Jsraelite Universelle bin, so werden sie begreifen, dass, will ich den Pflichten meines eigentlichen Amtes als Cantor einer großen Gemeinde gehörig Nachkommen, mir nicht viel Zeit übrig bleibt. Pädagogische Aphorismen aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und aus Schriften moderner Pädagogik. Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Religionsprofesior am Oberghmnasium zu S. A. Ujhely. (Fortsetzung.) N a ch d r u ck v e r b o t e n. Nach diesen einleitenden Bemerkungen gehen wir zu unserein eigentlichen Thema über: Nr. 1. ״Omon" heißt ein Pädagog, Erzieher; der Erzieher wirkt ״verdeckt"; der Erzieher wirkt ״bescheiden"; der Erzieher wirkt ״Großes." (Midr. Rabb. zu Gen. 11). Lehre: Mit diesen wenigen Worten lehrt der Midrasch gleich zur ersten Stelle der Bibel, welche bekanntermaßen die beste, älteste und niemals veraltende Erziehungslehre der Menschheit ist, die hohe Aufgabe des Erziehers und seiner großen Leistungen und Wirkungen. — ״Die Bibel ist nicht nur ein Volksbuch, sondern ein Buch der Völker, weil aus chrer Mittheilung von der Erziehung Israels durch Gott alle Völker für sich Erziehungslehren entnehmen können." (Goethe.) a. Der Erzieher wirke durch Beispiele, Angewöhnung uitö Belehrung auf die im Kinde von der Natur erhaltenen verschiedenarügen, physischen und intellectuellen Anlagen und Kräfte, um sie zu erwecken, zu beleben, zu stärken und ihm, dem Kinde, die richtige Gebrauchsweise derselben zu lehren, damit das Kind mit seinen! zunehmenden Alter sich selbst erziehen könne; also die Erziehung vorbereiten. Die Kinder der Nachbarschaft waren älter als Mojschele, deshalb erlaubte sich Mojschele nicht viel ״Chavruse" mit ihnen, nichtsdestoweniger sah er ihrem Getriebe in nächster Nähe gerne zu. Einmal liefen die Herren Buben nach Dr. Mundi — eine bekannte Prager-Figur — und trieben ihren Schabernak, plötzlich jedoch dreht sich Mundi um und erwischt Mojschele, der vollkommen harmlos bei der ״Hetz" war und nur das stille Publikum abgab. und bringt ihn unter dem lärmenden Getöse der die Beiden verfolgenden Kinderschaar fluchend und schlagend seinen Eltern zur Kramstelle. Die Nachbarn waren natürlich sehr aufgebracht über Mojschele und wunderten sich nicht wenig, dass dies Peßile schon so ein Nichtsnutz ist. Die Eltern erschraken jedoch darüber und berathschlagten, was mit Mojschele anzusangen wäre. Damals war es, dass einige humanitäre Männer die erste, noch heute bestehende isr. Kinderbewahranstalt in der Altschulgaffe gründeten. Daselbst wurden kleine Knaben und Mädchen, von 8 Uhr Früh bis 3 Uhr Nachmittags durch Gesang. Spiel, u. s. w. zweckmäßig auf den ernsten Schritt des allgemeinen Elementar-Unterrichtes vorbereitet. Die Eltern beschlossen daher, behufs einer nothwendigen Zähmung des anscheinend wilden Geistes, Mojschele dorthin zu geben. Mojschele bekam also Hosen und gieng unter Weinen und Klagen, wahrscheinlich im Gefühle, dass nunmehr seine ״persönliche Freiheit" irgend welche Beeinschränkung erleiden werde, in die Anstalt. Dort saß er nun bis zum vollendeten sechsten Jahre. Das erste halbe Jahr bekam er bei der Prüfung für sein ruhiges, stilles Sitzen zwei ״gute Fledloch", das zweite Jahr hätte er ein ״Barchesl" bekommen, wenn er es eben durch eine ״Nichtsnutzigkeit" mit Herrn Newikluf, so hieß der Lehrer, Aehnliches lehren ältere und neuere Pädogogen. I. ״Alle Kunst, alle Erziehung darf nur Ergänzung der Natur sein." (Aristoteles.) II. ״Den Menschen erziehen, heißt, in die Kraft seiner Natur bestimmungsgemäß so einzuwirken, dass er zu seiner Vollkommenheit gelange." (Schwarz.) IIL ״Erziehung ist nichts anderes als bloße Entwicklung der Naturkräfte und der natürlichen Fähigkeiten." b. Der Erzieher wirkt ״bescheiden", ohne zu lärmen, sondern im Stillen wie die Natur, welcher — wie bereits gedacht — er nach hilft. Er sei auch bescheiden gegen ״Verkennung" seiner großen Verdienste, die selten vollständig gewürdigt werden. Er lehre auch seinen Zöglingen frühzeitig Bescheidenheit, indem er ihnen zu Bewusstsein bringe, dass mit der Jugend-Erziehung die. ganze Erziehung des Menschen noch nicht vollendet ist. Vielmehr muß der Mensch sein Leben lang die Erziehung an sich fortsetzen. Dies ist die Selbst-Erziehung. Denn der.Mensch ist stets in Gefahr, in Sünde zu gerathen. ״Siehe, seinen Heiligen traut er — Gott — nicht und die Himmel sind nicht rein in Seinen Augen." ״Um so weniger der schwache ״Mensch", der so leicht, wie ein Wassertrunk, Unrecht übt." (Hiob 15, 15—16.) ״Traue dir selber nicht — halte dich nicht für fast vollkommen bis zu deinem Tode." (Abs. 1.7.) ״Vollkommenheit ist die Norm des Himmels : Vollkommenes wollen, die Norm des Menschen." (Goethe.) ״Nicht Kunst, nicht Buch, das Leben selber ist das Fundament der Erziehung und des ’ Unterrichtes." (Pestalozzi.) ״Ein solcher Erzieher wirkt Großes, heilsam für den Zögling und für die ganze Menschheit." (Talmd.-Broch. 29.) ״Ich habe immer gedatht, 'dass man das Menschengeschlecht bessert, wenn mau die Jugend bessert." (Leibnitz.) Die in der gedachten Midrasch-Stelle für die allgemeine Kinder-Erziehung auseinandergesetzten Lehren enthalten für uns nicht verdorben hätte. Und zwar auf folgende Weise: Den Tag vor der Prüfung gieng Mojschele vor dem Hause des Geflügelhäudlers Neumann vorüber und sah durch das geöffnete Thor verschiedene ״Vögel", die ihm der Herr Lehrer nur auf dem Bilde vorgezeigt hatte. Hier aber war Alles greifbare Wahrheit und in noch größerem Maße vorhanden, als es das kindliche Gemüth fassen konnte. Mojschele gieng näher, sah da seine Wunder, große, weiße Vögel mit gelbem Schnabel und Füßen, vielfarbige Vögel mit glänzenden Federn, die in einemfort schrien und krähten, und einer sogar von ihnen blies sich so auf, wie die Kugel von der Mamme, wenn sie aus dem Kasserol auf die Schüssel kam, nur war die Kugel viel, viel kleiner. — Kurz Mojsche kam aus der Verwunderung nicht heraus, und es dauerte auch nicht lange, so saß Mojschele unter den befiederten Gesellen, einen heftigen Pilpul mit ihnen führend, wobei das ihm von seiner fürsorglichen Mama mitgegebene 10 Uhr-Brot ein Opfer allgemeiner Annektirung wurde. So vergaß er auf das Mittagmahl und die Schule, und als ’ die Kinder Nachmittags klagten, dass Mojschele sich bei Neumann mit den Hühnern spielt, statt in die Schule zu gehen, sandte, der Herr Lehrer die ״Pani Marie", die Schuldienerin, aus, damit sie ihn zur Schule bringe. — Bei der Prüfung bekam Mojschele nichts, und der Herr Lehrer sagte seiner Mutter, sie möge ihn strenger halten, er ist jetzt schon ein fertiger Nichtsnutz. Und wirklich Mojschele war unbedingt ein Nichtsnutz. — In der damals eröffneten Josefstädter-Volksschule saß Mojschele neben dem Söhnlein des Herrn Schulrevisors. Die Beiden schlossen innige Freundschaft und führten sich stets an der Hand in und aus der Schule. Mojschele war keines- Wegs mit jener Eleganz gekleidet, wie man dies bei manchen

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