Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitüng. Seite 3. Gemeinde zu schaffen, sind genügend vorhanden. Berufsfreudigkeit, fester Wille und konsequentes Vorwärtsschreiten ׳werden stets die Hauptbedinguugen sein und bleiben, um nicht auf den Wandelbaren Schülergesang angewiesen zu sein. Möge sich darum allenthalben wieder das Interesse dem ehrwürdigen, im Judenthume tief wurzelnden Gemeindegesange zuwenden, das wäre kein Rückschritt, sondern ein wesentlicher Fortschritt in dem Chaos der gegenwärtigen Cultusinstitntionen. Das walte Gott! Ein Gesangbuch für den Gemeinde- Gesang. Unser hochgeschätzter College. Reverend A. Kaiser in Baltimore, dem wir schon manche treffliche Schilderung der cantoralen und synagogalen Verhältniße in Amerika verdanken, gibt uns in seinem letzten Briefe einen höchst interessanten Aufschluss über das von der letzten Rabbiner-Versammlung in Amerika angeregte Gesangbuch für den Gemeindegesang, und wir sehen uns darum veranlasst, einen Theil seiner Mittheilungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. . . . ״Aus Nachfolgendem können Sie einen Begriff erhalten, wie hierzulande die Ansprüche sind, die an einem Beamten meines Schlages gestellt werden. Die Gemeinden verlangen jeden Sabbath etwas Neues, und Musik in einem Style, der dem fortgeschrittenen Geschmacke der Zeit entspricht. Ob dies zu loben ist, lasse ich dahingestellt sein. Im vergangenen Jahre wurde ich im Vereine mit einigen Collegen von der Central- Conferenz amerikanischer Rabbiner beauftragt, ein Gesangbuch für Gemeiudegesang zusammenzustellen. Die größte Schwierigkeit bereiteten uns die Texte in der Landessprache. (Englisch). Leider ist die jüdische Hymnologie aller Länder, mit Ausnahme der in hebräischer Sprache abgefassten Poeme, immer noch eine ärmliche. Unsere Zeit scheint den religiösen Poeten nicht günstig zu sein. Mojschele Nixnutz. Aus meinem Album. Skizze von E. H. Spielmann, Pilgram. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein langsames Verbluten, wenn die Dichtkunst nicht wäre. (Börne.) Im isr. Badhofe in Prag versammelten sich an einem heißen Juli-Tage des Jahres 186 . gegen 3 Uhr Nachmittags mehrere Minjan und Chewraleute, um einem Begräbniße beizuwohnen. Auch der Chewra-Schames Schlome Roubieek war dabei, denn er hatte heute die Reihe. ״Also ist Mojsche schon gestorben?!" Eigentlich betriibte sein Tod niemanden, der ihn gekannt hat, und dass Mojschele gestorben — so sprachen die Leute untereinander — ist schon deshalb für ihn besser, da nun Khol einen Polbotel-Geher und einen Nichtsnutz weniges hat, und auch seiner alten Mutter ist es vielleicht leichter, sie braucht keine Sorge mehr um ihn zu haben. — Mojschele starb, ungefähr 23 Jahre alt, plötzlich, wie in der Matrik steht, auch war daselbst keinerlei Charakter angegeben, und das deshalb, weil wie Reb Roubieehsehr witzig bemerkte, so ein Nichtsnutz überhaupt keinen Charakter hat. Freilich wenn Reb Roubieek gestorben wäre — das ist ein Charakter!! aber der da, hm! Mojschele wurde also von der Chewra Kadischa still und ruhig, ohne jedwedes Aufsehen zur ewigen Ruhe bestattet, und wieder bemerkte Freund Schlome sehr geistreich, ״wie gelebt, so gestorben!" — Einzelne hie und da erscheinende Produkte eines religiös veranlagten Gemüthes genügen nicht, wenn es sich darum handelt, für ein ganzes, großes Land ein gemeinsames Erbauungsbuch zu schaffen, das durchtränkt vom jüdischen Geiste, entsprossen der Liebe zum Judenthume, zum Herzen von Jung und Alt sprechen soll. Wir sind keine Dichter, ist die allgemeine Antwort, die ich erhielt, als ich mich um geeignete Texte an die bedeutendsten Männer unseres Landes wandte. War es schon schwierig genug, die geeigneten Texte zu finden, so war es nicht weniger schwierig, dieselben der Musik anzupassen und die entsprechende Musik zu schaffen. Der langwellige protestantische Choral wird niemals in der Synagoge heimisch werden, katholische Gesänge niemals das Herz des jüdischen Beters ergreifen. Hymnenmusik für den jüdischen Gottesdienst muß frisch, frei und froh sein. Es muß, wie Altmeister Sulzer sel. Andenkens seinerzeit richtig sagte, das religiöse Lied, mit Begeisterung gesungen, Eingang in die Synagoge finden. Schwungvolle, leicht fassliche, einfach concentrirte Melodie,- gehalten in einem engeren. Rahmen der Stimmlage ist unbedingt erforderlich, soll dem Gemeindegesang eine bleibende Stätte in unserem Gottesdienst gesichert werden. Die Sammlung, die der Conferenz nächsten Sommer vorgelegt werden wird, enthält Arbeiten, die den obengenannten Bedingungen so viel als möglich entsprechen. Obwohl es unbescheiden klingt, muß ich doch bemerken, dass der überwiegend größte Theil der Arbeit von meiner Wenigkeit gethan werden musste. In Folge des ersten Entwurfes den ich der Conferenz im letzten Juli in Rochester im Staate New-Iork vorlegte, ernannte mich die Central-Conferenz der amerikanischen Rabbiner einstimmig zum Ehrenmitgliede. Die Arbeit ist noch immer nicht druckreif und wird mich den ganzen Winter und bis spät in den Sommer in Anspruch nehmen. Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich Präsident der hiesigen Armen-Erziehungsgesellschast, Sekretär des über siebenhundert Als der kleine Leichenzug den Josefsplatz passierte, schloß sich ein anständig gekleideter, blasser, junger Mann unauffällig demselben an. Auf die Beantwortung seiner Frage, ob dies das Begräbnis von Moses G . . . wäre, zuckte er unwillkürlich zusammen, und man sah ihn später wiederholt das Taschentuch zu den Augen führen. Wieso kommt der junge W ... zu Mojsche? Warum weint gerade er? Die Neugierde der Sofeleute und des Herrn Schames konnte jedoch nicht befriedigt werden, und die Begleitung des jungen Mannes blieb daher ein Räthsel — selbst mir, der ich als ein kleiner Bursche dem Zuge bis nach Wolschan folgte. Der junge Mann gieng inzwischen schweigend mit dem Zuge und schien es gar nicht zu bemerken, dass ihm die Thränen stets reichhaltiger entquollen, trotzdem Mojsche ein Nixnutz war. Die Eltern von Mojschele hatten einen kleinen Trödlerladen in irgend einem Winkel der ״goldenen Gaffe," und wenn ״das Geschäft" auch gerade nicht glänzend gieng, so viel hatten sie doch, um am Ende der Woche ihre Kugel und Scholet rechtzeitig in's Scholethaus zu senden, um dann ihren Sabbat ״bechowed und mit] Menuche" halten zu können. Scholet, schöner Götterfunken, Tochter des Elysiums! Also klänge Schiller's Hochlied, Hätt' er Scholet je gekostet. Diese Alten hatten also einen Stammhalter, der bald gegen 4 Jahre zählte und noch immer keine Hosen trug. Von Natur aus ließ er an Schönheit viel zu wünschen übrig, und sein Vater, der nebenbei gesagt, ״auch nicht leer war," pflegte oft zu sagen, ״ein schönes Kind ist für die ganze Welt, ein häßliches blos fiir die Eltern." —