Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1896)
- Date
- 1896-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Vir. 7. dasselbe wiederzugeben, und Passt er dem Stil nach zur modernen Vortragsweise? Aber sammeln! Erst daun Ware auch zu sehen, wie verbreitet jede Melodie ist. Hier in Berlin giebt es nur denselben Kaddisch für Mußaf- Jom Kippur, Geschem und Tal. In meiner Heimath hat man für die beiden letzteren eine besondere Melodie, wie auch für Mincha am Jom Kippur und Jom Kippur Koton gebraucht wird.*) Die Lieder der häuslichen Andacht mögen zum Th eil hieher gehören. wie מעוז צור und אדיר הוא; zum Th eil aber von Haus zu Haus verschieden und wohl auch recht jung, gehören sie zu drittens freien Gesängen. Der Unterschied zwischen dieser und der zweiten Classe ist nicht gerade schneidend. Das Lecho Daudi ist wohl im Allgemeinen der Compositionsfreiheit überlassen. Indessen für die Sabbathe zwischen Peßach und Schewuoth ist eine feste, trübe Melodie bestimmt, und eine noch trübere gilt für die drei Trauerwochen. Letztere zmnal ist ganz auf den Vers רב לן״ ״ שבת בעמק הבכהZu lang schon saßest du im Thal der Zähren" gestimmt, und selbst der zweite Theil des Liedes ttöstet nur mit thränenden Augen; folglich ist sie stir die neue Synagoge unbrauchbar, wie schön sie auch sein mag. Lewandowski hat nur die 2., 5. und letzte Strophe, und Joel außerdem noch die 1. und 6.; auch bei ihm fehlt also die 3. Strophe, in welcher der citirte Vers ist. Wie viele von diesen freien Gesängen werth sind, der Nachwelt überliefert zu werden? Das wird sich zeigen; und immerhin ist es historisch nicht uninteressant, zu sehen, welchen Einfluss auf jene gedrückten Chasonim (oder Klesmorim) Mozart und die Oper geübt haben. Mit ihnen mögen immerhin jene modernen Kunst-Compositionen, welche am meisten Beifall gefnnden haben, vereinigt werden, um zu sehen, wie Bach und Händel auf die Juden in glücklicherer Zeit gewirkt haben. Schließlich muß ich der Befürchtung Ausdruck geben, dass es zur Sammlung die höchste Zeit, wenn nicht schon zu spät ist. Mie fördern wir den Gemeinde- Gesang? Bon M. Tintner, Cantor u. Lehrer in Bunztau. Schlesien. Wenn ich wieder einmal zur Erörterung dieses Themas komme, so geschieht es nicht darum, weil ich mich für kompetent hielte, ein endgültiges Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen, sondern hauptsächlich, um neue Anregung zum ernstlichen Nachdenken über diese wichtige Frage zu geben. Schiller sagt: ״Der Weg des Ohres ist der gangbarste und nächste zu unserem Herzen." Doch nicht jeder Gesang eignet sich für den Gottesdienst. Der wahre Gemeindegesaug muß erhebend und tröstend auf das Gemüt eiuwirken. Gesänge, welche diese Merkmale vermissen lassen, find dem jüdischen Herren unzugänglich und haben ihren Zweck verfehlt. *) Ich habe einmal eines אל מלא רחמים gedacht, der in keinem Gebetbuch abgedruckt ist, der aber in meiner Vaterstadt bei der Todtenfeier gesungen wird. Aus Posen bin ich belehrt worden, dass derselbe auch dort keimisch ist und nach der schrecklichen Verfolgung unter dem. Kosaken Chmelnicki von dem Sohne (?) des betreffenden Kabbalisten Lu ri a, der in Posen Rabbiner war, gedichtet worden ist. Ich kenne dieses Gedicht mit zwei Melodien, wenn nicht etwa die eine die schöne Variante der anderen ist. Wenn die Texte nur wenig verbreitet sind, können es auch die denselben ursprünglich zugehörenden Melodien nicht sein. Ein kostbarer Rest ehrwürdiger Vergangenheit ist und bleibt einmal die ergreifende -Form des Responsorien-Gesanges, und cr wird stets auf den Zuhörer, sowie auf den Mitwirkenden einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Durch den Wechsel-Gesang zwischen Cantor und Gemeinde erhält nicht nur die Andacht eine reiche Abwechslung, sondern durch ihn wird auch, wenn in rechter Weise ausgeführt, das Gemeinschaftsbewusssein der jüdischen Gemeinde wesentlich gefördert und gestärkt; darum verdient derselbe die höchste Beachtung. Namentlich an Sabbat und Festtagen sollte er eine bleibende Stätte haben, um endlich die Conzertaufführungen, die doch nur für das Ohr berechnet sind, während das Gemüt leer ausgeht, aus dem Tempel zu bannen. . Der Gemeindegesang kann in folgender Ordnung eingerichtet werden: Selbstverständlich weise die Melodie, von Sopran- Sttmmen unisono, mit oder ohne Orgelbegleitung angestimmt, immer auf die Festzeiten hin. Sodann kann der Cantor einen Vers intonieren, worauf sich in den weiteren Gesang Chor und Gemeinde theilen. Die einzelnen Verse vom Chor allein, .ohne Hinzuziehung der Gemeinde, singen zu lassen, widerspricht eigentlich dem Prinzip des jüdischen Cultus, nach welchem die Gemeinde zur Mitwirkung am Gottesdienste berufen ist.. Die Psalmodie ist ein Gesang, bei welchem das Taktmaß wegfällt, die richtige Betonung richtet sich nach der Länge und Kürze der Worte und Silben, nähert sich also der Deklamation. Der Schluß kann etwas gedehnt gesungen werden, doch darf derselbe weder-schleppend, noch zu hastend sein. Zur harmonischen Begleitung eignen sich vorzüglich' Dreikläuge, jedoch können leichte Accordveränderungen angebracht werden, .welche aber das Charakteristische in-:der Melodie nicht verwischen dürfen: ״Die Perle schwimmt nicht auf der Fläche, sie muß in der Tiefe gesucht werden, selbst mit Gefahr." Der liturgische Gesang trage ein einfaches, durchsichtiges- Gepräge, und kein anderer Gesang vermag ihn treffender zu ersetzen. Dabei darf jedoch der Organist den Zweck seines Spielens nicht vergessen. In erster Linie begleite er die detreffenden Piecren erbaulich, mit Geschmack und Gefühl. Das Wort ״spielen" ist. sehr schön, da das Spiel eines Instrumentes eins mit ihm sein muß. Wer nicht mit dem Instrument spielt, spielt es überhaupt nicht. Aeußerst wichtig für die Reinheit des Gesanges ist auch die Feststellung der richtigen Tonart. Es giebt selten ein Gesangbuch, in welchem sämmtliche Gesänge für alle Gemeinden und Can- Loren die richtige Tonhöhe hätten. (Wohlweislich habe ich in meinem Gesangwerke ״Hadras Kodesch" auf Mittelstimmen Rücksicht genommen.) Ein zu hoher Satz, namentlich wenn sich die Melodie längere Zeit in den oberen Tönen bewegt, erzeugt Unschönheit und Unreinheit des.Gesanges und ein zu tiefer Satz ebenfalls. Bei zu großer Tiefe geht außerdem alle Freudigkeit, Kraft und Lebendigkeit des Gesanges verloren, und manche Choräle werden ihres Charakters vollständig entkleidet. Die häufige Entschuldigung, mangelhafte Gesangskräfte zu besitzen, ist zumeist nicht stichhaltig, denn eine so unmusikalische Gemeinde ist gar nicht denkbar, dass weder die Kinder noch die Erwachsenen zu einem halbwegs angehenden, ordentlichen Gesang erzogen werden könnten. Wie so Vieles in den jüdischen Gemeinden im Argen liegt, so ist auch auf diesem Gebiete viel zu wünschen, und dadurch gelangt man über das Alpha nicht hinweg. ״Da, wo alle erste Violine spielen wollen, wird man kein Orchester zusammen bekommen." Mittel, eine stabile, singende