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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-03-01 · Heft 7 (1.3.1896) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 7 (1.3.1896)
Date
1896-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Was zuerst den Tropp betrifft, die Weise, biblische Texte vorzutrageu, so hat sich Herr Dr. Babad gegen das von mir vermuthete hohe Alter desselben ausgesprochen^ Ich muß seine Einwendungen gelten lassen, kann sie wenigstens nicht zurückweisen. Doch muß ich ihn fragen, wie er die Worte נעימה קדושה versteht? Was mich aber zu meiner Annahme bestimmte, will ich hier dem Herrn Babad und dem Leser zu bedenken geben. Ich muß um dieErlaubnis bitten, weitauszugreifen. Wenn nämlich auch uns heute nichts einfacher scheint als ״Vortragen", Recitiren, so wäre ich so kühn zu-behaupten, dass man m ganzen Alterthum, auch in Griechenland und Indien zwar viel gesungen und gesagt hat; aber ein Vortrag war unbekannt d. h. man hat nicht, wie in Juda seit Esra, einen heiligen Text, der niedergeschrieben vor Augen lag, vor versammeltem Volke!vorgelesen.; In Athen wurden allerdings Dokumente, welche vor Gericht oder zu politischen Zwecken dienen sollten, im Laufe der Rede vorgelesen, und zwar dieselbe unterbrechend von einem Beamten,, nicht vom Redner selbst, um damit die Echtheit des Beweisstückes zu bekunden; und in Rom war es Sitte geworden, dass Schriftsteller ihre Werke öffentlich recitirten. Da .wurde;gewiss in der Weise gelesen, wie der Redner sprach. Anders ist es doch beim Vorlesen der Thora. Nur die Buddhisten, welche ebenfalls eine heilige Litteratur für das Volk schufen (welche, überhaupt als Gründer einer ethisch belehrenden und unterhaltenden Volkslitteratur angesehen werden können), nur auch sie tragen dem Volke heilige Texte vor, und, als׳ ich Pallegoix, den Bischof, von-Siam, bat, er möge mich über die Aussprache des Siamesischen unterrichten, sprach er, mir zuerst einfach . einen siamesischen Text vor, las dann aber einen,׳ heiligen. Text' in besonderer Vortragsweise, welche mich lebhaft an unseren Tropp erinnerte. Der Einfluss der Buddhisten auf die Religionen und Völker auch Vorderasiens (auch auf das Christenthum) ist bekannt. Mag nun derselbe immerhin erst drei Jahrhunderte nach Esra anzunehmen sein, und lassen wir die Frage von einer möglichen Einwirkung des Buddhismus auf das Judenthum ganz bei Seite, so soll doch hier zunächst nur dies zu Bewusstsein gebracht werden, dass Recitation nicht eine so selbstverständliche Sache ist. Wie die Kunst der Prosa bei den Griechen sich von den poetischen Gewohnheiten der Rede und des Rhythmus erst frei machen musste, bevor sie ihren eigenen Gang fest innehalten konnte, so musste sich auch der Vortrag vom Gesang erst allmählig trennen,*) und hat sich bei den Juden wohl erst in neuerer Zeit gänzlich davon getrennt. Denn mit einem gewissen Tropp ward bei ihnen alles Hebräische oder Rabbinische gelesen, da dies alles bei ihnen religiös war. Ferner wird auch wohl der Koran bei den Arabern, und bei den Griechen der orientalischen Kirche Alles, in der occidentalisch-katholischen Kirche das Gebet mit einem Tropp recitirt. Dass die Recitation mit solchem Tropp ein Produkt der religiösen Cultur ist — und zwar wunderlich scheinend, jedoch ganz naturgemäß, aber nur unter bestimmten Bedingungen, welche im Alterthum auch im Orient nicht obwalteten — dass die Recitation überhaupt nichts einfach Gegebenes ist, kann wohl auch das Wort beweisen, welches eine vielfache Ableitung, also Uebertragung durchgemacht hat; denn in ״Recitation" ist nur ci stammhaft, woraus lat. 0160, dann citare, eiiMidj recitare ward. Dies wäre also einmal eine weltgeschichtlich litterarische Betrachtung, deren kurzer Sinn ist: die Erfinder des Vortrages waren die Buddhisten und die Juden, und derselbe begann mit dem Tropp. Und die Nutzanwendung: Vortrag ohne Tropp wird leicht langweilig; und Vortrag mit Tropp? Entscheidet wie ihr wollt; nur gesammelt muß er in seiner Vielgestaltigkeit werden. Und das muß ich sagen: Der Tropp zu den Klageliedern hat für mich etwas wunderbar Rührendes, freilich hängt dabei viel oder alles vom Vortragenden ab. Zweitens das sogenannte C h a s o n u s, daran liegt mir am meisten. Aber sind unsere heutigen Vorsänger im Stande, '*) Vielleicht ist auch die gereimte Prosa der Araber als eine solche unvollkommene Ablösung der Prosa von der Poesie anzusehen.

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