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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-02-21 · Heft 6 (21.2.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 6 (21.2.1896)
Date
1896-02-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Der Troubadour Guiraut von Borneil lässt den Wächter singen. ״Geliebter Freund, wachst, oder schläfst du noch? Schlaf jetzt nicht mehr, der Morgen stört Dich doch; Ich seh' den Stern schon groß im Osten stehen. Der uns den Tag bringt, klar ist er zu sehen, Und gleich erscheint der Morgen." ״Geliebter Freund, ich warne mit Gesang: Schlaf jetzt nicht mehr, das Vöglein singt schon lang. Das im Gebüsch sich sehnt nach Tageshelle: Der Eifersücht'ge, furcht' ich, kommt zur Stelle, Und gleich erscheint der Morgen." Doch der Freund antwortet in der Schluß-Strophe: ״Lieb süßer Freund, so selig ruh' ich traun — Ich möchte Tag und Morgen nimmer schau'n — Im Arm der Schönsten, die ein Weib geboren; Drum sollen mich die eifersüchtigen Thoren Nicht kümmern, noch der Morgen." Nagara aber beginnt sein Lied: ״Dem, der es kennt, was in mir ist verborgen. Sing' ich mein Lied am frühen Morgen. An jedem Tag klopf' ich an seine Pforte, Wallfahre ich zu Seinem heil'gen Orte, Und fasse seine Wunderwerk' in Worte, Vsrkündend sie am Morgen." Und schließt: ״Steh auf, o Mensch, der träge du und schwach Auf deinem Lager ruhest, weich, gemach; Wenn es noch finster ist, auf, auf! erwach' Und fei bereit am frühen Morgen." ״Ein Lied, das sich aus deiner Seele ringt, Ein Lied, das vor den Herrn und Meister dringt. Wenn jeder Stern im Chor sein Lied Ihm bringt. Stimm an von Ihm an frühen Morgen." ״Wenn Nachts dein Sinn empor zu Ihm sich wendet, Dann Er am Tage dir sein Heil entsendet, Von seiner Huld und Macht Er dir denn spendet Drum eil' und fleuch' zu Ihm am Morgen!" Und der Sänger der Akeda, deren Erzählung das erste Buch Mose mit den Worten beginnt: ״Und Abraham stand aus am frühen Morgen", er singt: ״Am frühen Morgen bete ich dich an, großer König, zu dir stehe ich am Morgen." Das Andenken Jsaak's bleibe euch als Gottesdienst bis zum Menschheits-Morgen." ״Am Morgen wende dich uns zu, lass dein Erbarmen über uns erglühen."*) Da habt ihr den Troubadour und den Juden voll und ganz und es bedarf weiter keines Wortes! Wissen möchte ich, was es damit auf sich hat, wenn der Maharil als Urheber unserer Melodien genannt wird. Das kann doch nur in beschränktem Sinne richtig sein. Er ist um mehr als ein Jahrhundert älter als der genannte Nagara. Fraglich ist: was ist eine echt jüdische Melodie? Es schiene mir Unrecht, wollten wir heute schon bestimmte Merkmale angeben, woran dieselbe erkennbar sei. Das wollen wir vielmehr erst durch die Sammlung lernen. Als man zumersten Male deutsche Volkslieder sammelte, wusste man auch noch nicht so gut wie heute, was ein Volkslied ist. Solche *) Von dieser Akeda besitze ich keine metrische Nebersetzung. Ich gebe nur drei Stellen daraus in Prosa. Inder mittleren Stelle לכם למשמרת עד הנסר habe ich הבקר mit dem Artikel noch Fürstenthal als ד2ו על הגאולה genommen. Fragen, wie z. B. auch die, wie weit die Uebereinstimmung der Juden in den synagogäten Melodien reiche, sollen eben erst ermittelt werden, was doch ohne Sammlung nicht möglich ist. Ich würde mich also nicht wundern, wenn man mir, vielleicht ohne langes Suchen, Nachweisen sollte, dass Alles, was ich zur Charakteristik jüdischer Melodien bemerkt habe, nur von den polnisch-jüdischen Gesängen Geltung habe; denn ich habe nur polnische Vorsänger gehört. Das höhere oder geringere Alter einer Melodie kann keineswegs als Kennzeichen ihres jüdischen Wesens gelten. Ganz junge Arien können sehr echt sein. Ich erinnere an das ושמרו von Lichtenstein. Ich habe nie gezweiselt, dass es von ihm komponirt sei, weil ich meine, dass es nirgends und niemals von irgend seinem anderen Chasan außer ihm und in Berlin gesungen sei; aber echt jüdisch ist es — etwa die Töne zu את השמים דאת הארץ ausgenommen, welche gar nicht in die Melodie paffen. Dagegen Lewandowski^s לכה דודי, so schön er auch ist, und obwohl er gewiss alle die Liedchen, die von Alten und Neuen zu jener Poesie erfunden sind, übertrifft, ist nicht jüdisch, sondern allgemein menschlich. Diese Melodie werden wir uns nicht nehmen lassen, nur gehört sie in eine andere Sammlung, als die hier ins Auge gefasste. (Schluss folgt.) Jugend-Gottrsdienst. In den meisten Fortschrittsgemeinden ist ein Jugend- Gottesdienst an den Sabbaten für Schüler und Schülerinnen aus den Volksschulen und Mittelschulen eingeführt, und wird derselbe von den Herrn Lehrern streng überwacht. Diese schöne und nützliche Errungenschaft der Neuzeit hat einen dreifachen Zweck. Erstens wird die Jugend schon sriihzeitig daran gewöhnt, andächtig und würdevoll zu beten. Leider giebt es noch viele Gemeinden — selbst dort, wo beim Gottesdienst Chor und Orgel eingesührt ist — in denen keine ehrfurchtsgebietende Ruhe und Weihe herrscht, das Gotteshaus war und ist noch immer ein beliebtes Rendezvous zu einer gemüthlichen oder schreienden Conversation, welche nur zu oft von schädlicher und schändlicher Wirkung ist. Volle Weihe und erbauende Andacht wird nicht allein dadurch hergestellt, dass man einen geschulten Chor mit einfachen Gesangsweisen und dergleichen einftihrt, sondern man muß hauptsächlich dafür Sorge tragen, dass den Gotteshäusern Würde, dem Gebete Weihe und den Betenden Andacht gegeben werde, und das kann nur dann erreicht werden, wenn Ruhe, Anstand, Gemessenheit während des Gottesdienstes herrscht. Die Lehre in dem Schulchan Aruch über das Beten, dass volle Andacht und weihevolle Ehrfurcht das Gebet begleiten müsse, ist noch immer der Aufmerksamkeit warm zu empfehlen. Der Gottesdienst muß in unserer Zeit das Spiegelbild der Bildung sein. Selbst im Gotteshause sollen wir durch unsere Bewegungen und Geberden zeigen, dass wir Kinder unserer Zeit sind, unsere Sttmme soll weder heftig, noch abgebrochen, weder laut, noch zu leise klingen, auch da müssen wir zeigen, dass wir Sinn für Anstand und angemessene Ruhe haben; denn die Verletzung des guten Geschmackes trägt viel dazu bei, der Verspottung und der Karrikatur als Zielscheibe zu dienen. Zweitens wird die Jugend frühzeitig in den Ehoralgesängen eingeübt, so dass später die ganze Gemeinde im Chore mitsingen kann. Der verewigte Dr. Jellinek sagt (Dr. Jellineks Reden

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