Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. SLr. 6, für diese Standeswürde geziemt. Strohmänner und Werkzeuge, wie sie die moderne Zeit leider aufzuweisen hat, kommen hier nicht in Betracht, und unwissende Männer sowie unwürdige Charaktere sollen in den Rabbinerstand in keiner Form und Weise mchr hineingezogen werden. Der letzte Absatz des §. 80 möge gestrichen werden, weil die Beibehaltung dieses Absatzes unbedingt ein Krebsschaden für die Religion wäre, der sein Zerstörungswerk an dein ohnehin sehr leidenden Organismus des Judenthums immer weiter fortsetzen würde. Mit welcher Kühnheit oder Verwegenheit find nicht schon Vorstände mit Hacke, Schaufel und Spaten in den ״Garten des Herrn" eingedrungen, um manche schöne, edle und nützliche Pflanze in demselben auszugraben und zu beseitigen. Angenommen, ein Cultusgemeindevorsteher wollte den Sabbat auf Sonntag verlegen, oder den Pessach und Jom-Kippur bis zur Unkenntlichkeit umgestalten, die rituelle Schlachtung oder die Beschneidung und so manches Andere aufheben. Zwischen dem Vorstande und dem Pflicht- und amtsgetreuen Rabbiner käme aber keine diesfällige Verständigung und Vereinbarung zustande; soll nun da gegen die Anschauung und den Willen des Rabbiners der ״verstärkte Cultusgemeindevorftand" entscheiden? Man könnte sich diese Carricatur und dieses elende Zerrbild eines solchen Zukunstsjudenthums heute schon vorstellen, wie es gar nicht lange auf sich warten lassen würde. Freilich giebt es leider jetzt auch Rabbiner, die eben so kühn und verwegen vorzugehen geneigt und geeignet sind. Von diesem Vorwurf können weder die, welche Doctoren sind, freigesprochen werden, noch diejenigen, welche nicht Doctoren sind. Aber diesen Vorschlägen gemäß sollten eben solche nicht zugelassen werden, Hüter und Wächter im ״Weinberge des Herrn" zu sein, wenn die Cultusgemeinde nicht zu einem kostspieligen Kinderspiele, zu einem bloßen Gaukel- und Schwindelwerke herabgewürdigt werden soll, wodurch die hohe Mission Israels entstellt und deren Realisirung nur vereitelt würde. Deshalb soll jetzt in den Gemeinden das weise Wort U h l a n d's bcherzigt werden: ״Worfeln soll man, beuteln, sieben, was der Krankheit Spuren trägt; tüchtig werd' es durch getrieben, abgeprobt und ausgefegt!" Mögen daher diese objektiven, in bester und edelster Absicht verfassten, wohlerwogenen und wohlgemeinten ״Vorschläge" bei Abfassung der Gemeindestatuten in Böhmen die verdiente Würdigung und Berücksichtigung stnden, und mögen sie beitrügen zur Kräftigung und Hebung des Gemeindewesens und zum Gedeihen und Aufblühen des Judenthums! Zum Schlüsse fei es mir noch gestattet, auf die falsche Auffassung, welche meine ״Vorschläge" von mancher Seite erhielten, mit einigen Worten zu reagiren. Es giebt nichts Gutes, Schönes, Edles und Gemeinnütziges, das nicht durch Mißverftändnis, Mangel an Sachkenntnis, durch subjecüve Anschauung oder Eigeninteresse verkannt, entstellt und entwerthet werden könnte. Einem ähnlichen Schicksale verfielen meine ״Vorschläge" sammt deren Motivirung, indem schon vor vollständiger Publication derselben (Stimmen laut wurden, die ihren Tadel auf das dem Guten und Schönen gesprochene Wort ausgossen, Mn die gute Wirkung desselben im Vorhinein aufzuheben oder doch wenigstens abzuschwächen. Möge sich daher ja Niemand von falschen Meimmgen und Anschauungen beirren lassen, vielmehr möge er dem Guten feine Hand, sein Wort und feinen Einfluß bieten zum Wohle der Gemeinde und der angestellten Cultusbeamten! ——- F. Was wollen wir mit den jüdischen Melodien? Von Prof. Dr. Steinthal. (Fortsetzung). Gelesen habe ich Folgendes. Bei David Cassel (Lehrbuch der jüd. Geschichte und Litteratur, S. 404): ״Israel Nagara ben Moses ben Lewi .... zuletzt Rabbiner , in Gaza. Seine Gedicht-Sammlung Semiroth Israel, nach türkischen und arabischen Melodiken." Eine ausführliche Charakteristik dieses Dichters (gest. 1587) aus Damaskus giebt G. Karpeles, Geschichte der jüd. Literatur S. 913: ״Er hat alle Gattungen der mittelalterlichen Poesie mit Erfolg angebaut, ist mit mehreren seiner^ Compositionen in verschiedenen Riten, mit einem sogar (dem Sabbath-Lied Jah Ribbon Alam), in allen Gemeinden Israels eingeführt worden. Seine Gedicht-Sammlung Semirotk Israel enthält zum Schluß auch weltliche Gedichte. Am höchsten jedoch stehen seine Hymnen ״Pismonim". (S. 914): Seine Eigenart bestand darin, dass er religiösen Liedern profane Melodieen unterlegte. Bei jedem einzelnen Gedicht ist das fremde Lied und dessen Melodie, nach welchen das hebräische komponirt ist, j genau angegeben, ein Vorgang, der auch in der christlichen; Hymnen-Litteratur nicht ohne Analogie ist." Hierin scheint nun aber doch Nagara ganz einzig gewesen zu sein, und wäre er es nicht gewesen, so.begriffe man auch nicht, wie man ihn so heftig anfeinden konnte: er sei ״all sein Leben lang betrunken gewesen" und ״sei nicht würdig, dass man mit ihm spreche." Wenn man also keine anderen Beweise für die Entlehnung der Melodieen hat, so kann man sich auf Nagara nur wenig stützen. Hat denn nun auch das eben genannte ,Jab ribbon Alam nur eine entlehnte Melodie? Ich kenne eine Melodie zu diesem Gedichte, welche aber einen ganz polnisch-jüdischen Charakter trägt, und zwar möchte ich sagen, einen populistischen. Denn kein anderer Gesang scheint mir so entschieden einen Lehr- oder Reflexions-Charakter zu tragen, wie in jenem Liede die Verse ״Nicht — lebt auch tausend Jahr ein Mann — giebt der Wunder Zahl er an." (Sachs.) Selbst Nagara's Gegner geben zu, dass seine Lieder an und für sich gut^ sind, und . er rühmt sich geradezu, dass er seine Muse nicht der weltlichen Poesie zugewandt, dass er sienicht ״durch die Feier irdischer Lust und sinnlichen Genusses" entweiht habe. Karpeles giebt Uns als Beispiel seiner dichterischen Kraft und Weise eines seiner Morgenlieder. Hier begegnet uns etwas Seltsames, eine Entlehnung, ja, aber' wundersamer Art! Unter den Liedern der Troubadours giebt es eine Gattung, Tagelieder genannt, in denen ״verbotener Liebesgenuß so reizend geschildert wird." Dieselben werden allemal einem Wächter in den Mund gelegt; für den in Wonne schwelgenden, doch von der Gefahr der Entdeckung bedrohten Freund zärtlich besorgt, -singt er unter dem Fenster der Liebenden, um sie zu wecken, der Morgen sei gekommen. Das Eigenthümliche dieser Lieder liegt darin, dass jede Strophe mit dem Worte alba endet (französisch aube Morgenröthe). Und nun giebt es eine Gattung jüdischer Gebete (namentlich Selickot), welche ebenfalls so gebaut sind, dass jede Strophe mit ״ בקרMorgen" beginnt und endet, z. B. die Akeda zum Morgen-Gottesdienst am Versöhnungstag und das Morgenlied des Nagara.