Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 5 (11.2.1896)
- Date
- 1896-02-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Zir. T. MesterreichischEgärifche Lantoren-Zeitung.) Seite T. er will, ׳Schreiber dieses spricht . aus Erfahrung und vollkommener Sachkenntnis. Aber ebenso unschicklich wäre es, ja auch undelicat und zuweilen sanitätswidrig, diese wichtige religiöse Function dem Schames (Gemeinde- und Chewradiener) zu übextragen. Vielmehr muß dazu eine specielle, religiös und moralisch geeignete Person qualificirt werden. Zu ß 41. Es wäre sehr hart und inhuman, wollte man einen Religionsdiener nach sechsmonatlicher Kündigung vor. die Thüre setzen, wenn er sich im Dienste der Religion und der Gemeinde ein leibliches oder geistiges Gebrechen zugezogen hätte. Ein solcher Vorgang verstieße gegen die Grundsätze unserer Religion, die nur Humanität und Menschenliebe athmet, die Mitgefi'chl und werkthätige Theilnahme selbst gegen das unter seiner Bürde gefallene Thier des Gegners gebietet und jede Härte gegen jedes vernunftlöse Wesen strengstens untersagt. Was sollten solche Unglückliche mit sich und ihren Familien beginnen? Und — möge Gott jeden erhalten und beschützen! was sollten ihre etwa zurückgebliebenen Familien anfangen?'Die neueste Zeit hat es hinreichend gelehrt. Sie werden zu Bettlern und sind auf die bewährte Humanität der Mitmenschen angewiesen. Welche ein trübes Bewusstsein, und welch' ein trauriges Los ist das? Nein, Israeliten! israelitische Gemeinden! eine solche Härte und Grausamkeit darf euer Statut nicht durchdringen! Cultus ist Gottesverehrung, und die höchste und würdigste Gottesverehrung giebt sich kund in wahrer und thatkräftiger Menschenliebe; die edelste, würdigste, zweckmäßigstes heilsamste, mithin gottgefälligste Menschenliebe ist aber diejenige, welche dahin zielt, dem Menschen zu einer menschenwürdigen Lebensexistenz zu verhelfen und ihn vor Bettel oder sonstigen Unterstützungsbedürfnißen zu bewahren. (Schluss folgt.) F. Was wollen wir mit den Mischen Melodien? Von Prof. Dr. S t e i n t h a I. Unter diesem Titel veröffentlicht Herr Professor Dr. Steinthal in der ״A, Z. d. I." ein in unserem Blatte schon vielfach behandeltes Thema. Zur Anknüpfung weiterer Erörterungen )vollen wir die höchst interessanten Ausführungen im Nachfolgenden wiedergeben. Was wir mit den jüdischen Melodien wollen? Was sie uns sollen? — Gar nichts! ist hierauf meine nächste Antwort. Wir wollen sie haben, wir müssen sie sammeln — gerade so, wie wir die Volkslieder der Deutschen, Serben, Klein- und Groß-Russen u. s. w. gesammelt haben, in rein wissenschaftlichem, in rein humanem Interesse. Dies betone ich vor Allem, weil bisher, soviel ich weiß, dieselben immer nur von jüdischen Chor- Dirigenten für Vorsänger und Chöre der Synagogen bearbeitet worden find. Ich stelle also das Interesse für die Geschichte des Gesanges obenan; und wenn ich auch das praktische, jüdisch-religiöse Interesse nicht völlig leugne, so ist mir doch zweifelhaft, wie weit dasselbe reichen wird. Ich wünsche die möglichst reichste Sammlung der Lieder und ihrer Varianten in der möglichst vollsten Treue. Die bisherigen Sammlungen sollten nur das Bedürfnis des Gottesdienstes befriedigen. Für letzten Zweck aber sind der jüdischen Gesänge Heils viel zu viele, Heils sind sie aber ganz unbrauchbar. Denn es sind -erstlich nicht blös synagogale Melodien, sondern auch, obwohl religiöse, doch fürs Haus bestimmte (so würde ich z. B. zum Sabbäthliede von Abrahantzibn Esra ביי אשמרח.-שבת und andere Tischlieder ungern entbehren);, zweitens sind vielfach die Texte (die betreffenden. Gebete) außer Gebrauch gesetzt, und endlich passt der Charakter vieler und der meisten dieser Melodien, wenn sie nicht stark umgearbeitet werden, gar nicht zu unserem modernen synagogalen Gesang und nicht zu unseren überarbeiteten Gebetbüchern. Tänschen wir uns doch nicht! Die echtesten jüdischen Melodien (diejenigen, ich gestehe es, welche mir am tieWen ins Herz gewachsen sinddie ich der Menschheit am liebsten aufbewahrt wünsche) klingen wie Liebeslieder, zu singen von der verlassenen Geliebten, dieihre Schuld bekennenddoch die Verzeihung und die Rückkehr des Geliebten wünscht; Israeldie Braut Gottes, bittet um Aussöhunng. Der tiefe Schmerz eine Melodie zu dem Tischliede צור משלו אבלבו zu dem der Gott-Verlassenheit und in Folge derselben die unsägliche Trauer über unausdenkbares Leiden — aus jenen Melodien habe ich׳ sie kennen gelerntlängst, bevor ich von der nachbiblischen Geschichte etwas wusste.. * Sagt, Ihr Chor-Dirigenten, könnt Ihr sie brauchen — diesen Schmerzensschrei aus tausendjährigem Druck? Jemand hat gesagt, der Sinn der jüdischen Geschicke sei: ״Gedenke dessen, was Dir Amalek gethan hat." Das ist nicht wahr; das könnte ja doch Nur zum Aufruhr oder zur Rache, mindestens zum Nachtragen führen, was uns Alles durch Bibel und Talmud verboten ist. Sollen wir also vergessen? Wollen wir unfern Religionslehrern sagen, sie sollen von den Gräueln des Mittelalters unsern Kindern nichts erzählen? Das wäre wohl unmöglich. Man kann auch in anderer Weise gedenken, in Demuth: Verzeihung den Feinden und Dankbarkeit gegen Gott! So sollt ihr unsere Kinder lehren, ihr Lehrer! Lasst sie den reinen Schmerz kennen lernen, ohne alle diabolische Zuthat. Das wäre leicht, scheint mir, wenn unsere Kinder den Schmerz durch unsere Gesänge kennen lernten. Da lernten sie das Böse kennen, ohne den Bösen. Wenn unsere Knaben es hörten, wie gerufen wird: ובבל זאת שמך לא שבחנו בא »!ל ״ תשכחנוbei all dem haben wir dich nicht, vergessen, o, vergiss unser nicht!" Ihr könnt in den musikalischen Auf- Zeichnungen lange suchen, ehe ihr ein solches בא wieder findet. Aber könnt ihr es gebrauchen, ihr Chor-Dirigenten? Ich kenne auch ein anderes בא oder אבא aus den Melodien der Feiertage. Aber nicht nur in dem Gebetbuch unserer Neuen - Synagoge fehlte es, sondern sogar der konservative Rabbiner Joel in Breslau hat sowohl dieses wie das vorher erwähnte gestrichen. Ich meine das kurze Gebet an den Feiertagen vor dem Segen der Priester. Ich habe es als Knabe singen hören, und ich werde diesen Gesang nie vergessen. Langsam schwillt die Sehnsucht nach dem uralten Gottesdienst und der alten Heimat an, und wenn man meint, sie habe sich erschöpft, fetzt sie mit ותחזיבה noch gesteigert von Neuem ein, um mit dem schließlichen Segensspruche in demuthsvoller Ergebenheit auszutönen. So etwas, wie das mittlere אנא דחום hört man nur in der Krankenstube des sich im Fieber umherwälzenden Kindes, indem es flehend ״Mutter" ruft. Aber noch einmal: können wir das in unsern Synagogen singen? wo alle Gebete, welche mehr als bloße Erinnerung an Jerusalem und Thieropser, welche Sehnsucht danach aussprechen, weggelassen oder umgestaltet find?