Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1896)
- Date
- 1896-01-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Seite L Freude am Rhythmus und am Klange als solchem, wie andere Menschen eine Freude an glänzenden Farben haben, ohne deshalb auch nur im Geringsten Begabung für das ״Malerische" zu besitzen. Billroth spricht in seiner Abhandlung auch von Personen, die sich durch ihren ״harmonischen -Nihilismus" Hervorthun, d. h. gegen alle Tonwahrnehmungen und Zusammenklänge vollkommen seelisch gleichgültig sind. So hatte der berühmte Chirurg einen Freund, der beim Anschlägen eines Dreiklangs keinen anderen Eindruck empfing als beim Zusammenklingen fünf nebeneinander liegender Töne. Gleichwohl erkannte er die Melodie: ״Wir winden dir den Jungfernkranz" nach dem Rhythmus. Billroth spielte die Melodie in Fis-dur und die Begleitung im Baß in F־dur, dann bei derselben Begleitung in F-dur die Melodie in Gr-dur. ״Bemerken Sie keinen Unterschied?" fragte Billroth. Der Gefragte besann sich und erklärte: ״Ich glaube, das erste Mal hat es mir besser gefallen." Der war sicher nicht musikalisch und auf seiner Stufe stehen, meint Billroth. die meisten Zuhörer in einem großen Concertsaal; für sie gebe es überhaupt kein unreines Spielen und Singen. Das sei wohl ein schauerliches Gefühl für Künstler, ״verlorene Liebesmüh". Auch gebe es Klavierspieler, denen das musikalische Gedächtnis ganz fehle. Billroth spricht von einem jungen Mädchen, das schon zwei Jahre lang Klavierstunden gehabt, seit drei Wochen ein Stück von Mozart geübt und es so weit erlernt hatte, dass sie es nun dem Lehrer Vorspielen sollte. Sie kam etwas spät zur Stunde und fand den Lehrer am Klavier sitzend und spielend. Er ließ sich nicht stören und die Pianistin fragte: ״Was spielen Sie denn da?" Der Lehrer wandte sich verwundert um und sagte: ״Das ist ja das Stück, welches Sie mir heute Vorspielen sollen." ״So, so!" Sie spielte nun das Stück ohne Fehler vor und die Stunden wurden fortgesetzt. Die Dame mit dem schlechten Tongedächtnis heirathete einen ganz musikalischen Mann und gab zwei absolut unmusikalischen und einem hervorragend musikalisch begabten Sohne das Leben. Rückfall stärker vertreten. Diese Erscheinung lässt selbstverständlich nicht auf eine größere verbrecherische Anlage der Sachsen schließen, sondern erklärt sich daher, dass dieselben der kaufmännischen und gewerblichen Thätigkeit in höherem Maße als Andere obliegen. Herr Dr. Nathan nimmt, um die Beweiskette vollkommen schlüssig zu machen, auch noch die österreichische Statistik zu Hilfe und er gelangt auch dabei zu den gleichen Ergebnißen. Die letzte Zuflucht des in die Enge getriebenen Antisemiten pflegt die zu sein, dass er sagt, die Juden lögen sich öfter als Andere heraus und erzielten dadurch häufigere Freisprechungen. Aber die Statistik ist unerbittlich; sie zerstört auch diese letzte antisemitische Phrase. Herr Doktor Nathan stellt fest, dass sowohl die Selbstständigen in der Landwirthschaft, wie die Selbstständigen in Handel und Gewerbe, wie die Juden, und zwar jeden für sich in weit höherem Maße an den Freisprechungen betheiligt sind, als es gegenüber der Gesammtheit der erzielten Freisprechungen hätte sein dürfen. Will man nicht annehmen, dass alle , diese Kategorien eine besondere Veranlagung dazu besitzen, sich durch Winkelzüge der Verurtheilung zu entziehen, so bleiben nur andere Erklärungsgriinde übrig, und diese finden sich zur Genüge in der socialen Stellung der Betheiligten, die zu falschen Denunciationen einen besonderen Anreiz bietet. Die erwähnte Schrift ist bestimmt, Vorurtheile zu zerstreuen. Doch sie soll, wie ihr Verfasser am Schluss hervorhebt, zugleich die Anregung breten, dort mit aller Energie durch Erziehung und socialen Einfluss einzugreifen, wo Schäden in den eigenen Reihen zu beseitigen bleiben. Es gebe ״angeborene Rhythmus- und Tonintervall-Defekte" meint Billroth, aber auch wenig musikalische Leute, welche kein Gedächtnis für Musik oder keine Freude daran haben, Tonfolgen Aufmerksamkeit zu schenken. Dass man sich beim Beurtheilen der musikalischen Befähigung auch irren könne, beweist folgender von Billroth erzählter Vorfall. Ein recht musikalisches Ehepaar hatte einen Jungen, der sich als kleines Kind nicht viel aus Musik zu machen schien. Die Mutter sang ihm, als er acht Jahre alt war, Melodien vor, die er aber nicht nachzusingen vermochte; er konnte auch einen ihm auf dem Klavier angegebenen Ton nicht treffen. Die Mutter hielt ihren Sohn deshalb für ganz unmusikasisch. Zwölf Jahre alt geworden, kam er, wenn die Mutter Klavier spielte, zuweilen und sagte: ״Das ist schön, Mama". Dann sang er auch ganz richtig Melodien nach, und wünschte das Geigenspiel zu lernen. Bei diesem Jungen fiihrte dessen geringe Aufmerksamkeit bei Toneindrücken in früher Kindheit, sowie dessen Ungeschicklichkeit, mit den Kehlkopfmuskeln den gehörten -Ton nachzubilden, zu einem unrichtigen Urtheil über dessen musikalische Befähigung. Beachtenswerth ist die Bemerkung Billroths, dass wir beim gewöhnlichen Sprechen etwa innerhalb einer Quinte bleiben; beim erregten Sprechen benützen wir wohl eine Octave. Von einem pathetischen Sprechen, dessen Wirkungen Priester, Seher, Propheten, Redner genau kannten, zum halb singenden Recitiren ist ein leicht gethaner Schritt, schließlich ein kaum wahrnehmbarer Uebergang. Bald wurde fast nur noch im Singion von den Priestern gebetet. Dieser Gebrauch ging von den Griechen und Juden in die christliche Kirche über und wurde dort mannigfach ausgebildet. Sehr interessant ist das von Billroth über den Unterschied von Dur- und Moll-Tonarten Gesagte. Er weist darauf hin, dass die älteren Tanz- und Liebeslieder der Franzosen sowie die Volkslieder der slavischen und finnischen Volksstämme meist in Moll ständen. Man habe dies so gedeutet, dass nnkultivirte Nationen einen ״vorwiegend melancholischen Charakter haben"; das ״Natürliche" sei die Dur-Tonart, theils wegen der unbewusst gehörten Obertöne, welche den Dur-Accord geben. Billroth hält diese Erklärung für unrichtig und erklärt die Vorliebe fiir Molltonarten also: Es sei bequemer und koste weniger Anstrengung der Kehlkopfmuskeln, die kleine als die große Terz und Text zu singen; das werde jeder, selbst der geübte Sänger, zugeben. Die meisten Menschen sprechen in Moll, tragen vor oder schreien in Dur. Bei allen Sprachen (mit Ausnahme der einsilbigen) fällt die letzte Silbe meist in die kleine Terz zurück. Wenn das Volk anfängt zu singen, weiß es natürlich nichts von einer Tonleiter und Tonart. Doch die Tonfolgen der vorhandeneu Gesangsrecitationen mussten bei Aufstellung von Ton- > leitern hauptsächlich auf Moll führen. Die Einberußmg eines jüdischen Congrrstrs in Ungarn. Denkschrift an den k. ung. Cnltnsministcr, vereinbart in der am 5. Jänner l. I. abgehaltenen Versammlung der isr. Districtspräsidenten. Ew. Excellenz! Seitdem das Gesetz der israelitischen Landesbewohner mit den christlichen Einwohnern hinsichtlich der Ausübung aller bürgerlichen und politischen Rechte für gleichberechtigt erklärt hat, hat es ein eifriges Streben der vaterländischen Judenschast