Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1896)
- Date
- 1896-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 3. wies wohl diese Art Petenten ab, aber jetzt begann ein Rennen von Advokat zu Advokat, Protection wuxde gesucht und gefunden, an das Miuisterium rekurrirt, Mitunter hie und da Gvas verschwiegen, was zu Ungunsten des Candidaten sprach, Einige machten Privatprüfungen aus der 3. Bürgerschulklasse, um nur ein Zeugnis einer öffentlichen Lehranstalt zu besitzen, und mit Unterstützung der Cultusgemeinden und einflußreicher Personen erlangten solche Individuen die Befähigung, als Rabbiner in Böhmen angestellt zu werden. Wen trifft da die Schuld? Trotzdem kam der Rabbinerverband, schüttete Feuer und Flammen auf alle Dispensrabbiner ohne Ausnahme und gründete eine Zeitschrift, in welcher weidlich geschimpft wurde zum Gaudium der Leser aller Bekenntniße. Ist das jüdisch? Auch jetzt noch erscheint nicht eine einzige Nummer der ״jüdischen Chronik" ohne Ausfall auf die Dispensrabbiner. Die Cultusgemeinden, die nur vor der Behörde gedeckt sein wollen, suchen und finden für 400, 500 und 600 fl. solche arme unglückliche Dispensrabbiner, die Lehrer, Cantor, Kore, und Schochet sein müssen, aber alles eher sind wie Rabbiner. Diese Gemeinden brauchen ja keine Rabbiner, sie essen trefo, rauchen, schneiden, reißen, thun überhaupt Alles am Sabbat und Feiertagen, ins Gotteshaus kommen sie höchstens am Sabbat. Sie machen keine schaaloth, den Cultus regeln die Herren Vorsteher selber nach PascheleS' Kalender und dem Sidur, wozu also einen Rabbiner? Sabbat wird im Gotteshause Licht angezündet, und wenn der Rabbiner dies als unstatthaft erklärt, sagt ein Mitglied: mir haben 10 Rabbiner nichts zu befehlen! Wer ist also Schuld an dieser Irreligiosität?? Die Dispensrabbiner!? Wagt es so ein Dispensrabbiner, in einer Predigt gegen diese Handlungen zu sprechen, dann ist es mit seiner Herrlichkeit aus: Feinde von allen Seiten, denn man will ja nicht belehrt, unterwiesen, ermahnt werden, eine Predigt mit nichtssagendem Inhalte und mit vielen unverständlichen Floskeln — das darf und kann sein. Und dann sind die Dispensrabbincr an allen: Schuld! Es ist leicht verdächtigt, überhaupt dort, wo der Grund ganz anderswo liegt. Ich hätte wohl noch Vieles zu sagen, doch will ich mir das für spätersparen und heute nur noch auf die letzten 2 Absätze des Artikels reagieren. Ich will an der Ehrenhaftigkeit und Wahrheitsliebe des Herrn F. nicht zweifeln, wenn er von einem Rabbiner (??) einer׳ Cultusgemeinde im Chrudimer Kreise erzählt, derselbe esse öffentlich Schinken, rauche am Sabbat u. s. w., und als Schluß- Pointe, er halte am Sabbat eine Beerdigung ab. Was ist das für eine Cultusgemeinde, der man so etwas bieten darf?? Sind die Mitglieder Juden? Ich bezweifle es sehr, Unseres Wissens sind im Chrudimer Kreise etwa 8—9 Cultus^ gemeinden, deren Rabbiner auch Doctordiplome besitzen, z. B. Hekmanmestec, Leitomischl. Polna, aber auch die anderen Herren Mchtdoctoren sind mir bekannt und ich halte sie alle einer solchen Handlung nicht fähig. Ich könnte aber Beispiele erzählen, dass es diplomirte Rabbiner und Doctoren mit den: Speisegesetze nicht sehr genau nahmen, z. B. zu Mittag Suppe, Fleisch und Quarkstrudel, oder im Restaurant einen Braten speisten, andere, die Sabbat ihr Pfeifchen friedlich zu Hause. geraucht, und das waren keine Dispensrabbiner! Damit soll nicht etwa die Handlungsweise eines gewissenlosen Functionärs entschuldigt werden, so etwas ist gar nicht denkbar. Ein solcher Mensch ist nicht würdig, das kleinste Amt eines .Synagogendieners in einer Israel. Cultusgemeinde zu v ersehen, geschweige denn ein höheres. ___ DasMärchen von der christlichen Liebe von Dr. Kahan, Leipzig. Einem jeden Kunstwerk, und mag es für sich betrachtet noch so schön sein, kann kein schwererer Vorwurf gemacht werden, als dass es nicht originell sei, und dasselbe sollte auch bei den ethischen, weltbeherrschenden Principien gelten — vorausgesetzt, dass nicht Unwissenheit und böswillige Vertuschungskunst das große Wort führen. Jeder auch nur oberflächliche Kenner der heiligen jüdischen Schriften weiß, dass Moses nicht nur den Nächsten, sondern auch den Fremdling wie sich selbst zu lieben gebot, ja dass die ganze mosaische Gesetzgebung von dem höchsten Humauitätsprinzip getragen wird. Andererseits aber weiß ein jeder christlicher Theologe lvenigstens, dass Christus zu schimpfen und zu fluchen verstand trotz einem — und doch, spricht man von Nächstenliebe, so ist es natürlich die christliche Liebe. Mit welchem Rechte aber? Hat denn das Christenthum den Begriff der Nächstenliebe etwa verinnerlicht und gesteigert? Wie können die klaren und erhabenen Worte: ״Und du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst" eine Steigerung erfahren? Man müsste denn die Worte des neuen Testaments unterschreiben: ״Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem reiche auch die andere hin" (Mathäus 5, 39) — ein Gebot, welches bekanntlich die Christen am allerwenigsten ernst nahmen. Oder hat etwa das Christenthum durch die Praxis den Begriff der Nächstenliebe zu einem historischen gemacht? Gerade das Gegentheil ist der Fall! Denn nie ist soviel Grausamkeit verübt, so viel Hass gepredigt worden als im Namen des Christenthums, man braucht nur an die Krenzzüge, die Bartholomäusnacht, den dreißigjährigen Krieg, die Inquisition und — die edlen Antisemiten zu erinnern. Es ist geradezu unbegreiflich, wie sich das Märchen von der christlichen Liebe trotz seiner Unhaltbarkeit bis auf den heutigen Tag nicht nur bei dem unwissenden Volke, sondern auch bei den hervorragendsten christlichen Theologen erhalten konnte. Hat doch erst im vorigen Jahre Herr Prof. Dr. Badt in Breslau den Prof. Schürer deswegen zurechtweisen müssen! Der gründliche Kenner der gesummten jüdischen und christlichen Theologie, Franz Delitzsch, war ehrlich genug, folgendes Zu schreiben: Uebrigens geben wir gerne zu, dass das ganze Christenthum sich leicht aus dem Talmud zusammenstoppeln ließe, wenn es in nichts weiter als solchen Moralien, wie die Ermahnung zum Gottvertrauen und zu rechtschaffener Handlungs- Weise bestände, aber — was brauchte die himmlische Weisheit Mensch zu werden, um triviale Dinge zu sagen? (Jüdische Handwerkerleben zur Zeit Jesu.) Hier ist der Schwerpunkt des Christenthums in den mythischen Glauben von der Fleischwerdung des Logos verlegt, und den Streit um die Originalität dieses Gedankens können wir billig den Neuplatonikern überlassen. Aber was das Judenthum mit gutem Recht für sich reclamiren kann und soll, ist die Idee der Nächstenliebe! Mögen immerhin die Edlen unter den Christen in der Ausübung des edlen Gebotes mit uns wetteifern und sogar uns zu überbieten suchen, aber das Gebot, das sie ausüben werden, ist ein jüdisches Gebot. Für Herrn Dr. Arthur Kahn in New-Iork sei Folgendes bemerkt: Christus kann mit besserem Recht, eine Dich t ung als ein Dichter genannt werden. Ein Dichter war 'er nicht, da sämmtliche schöne Worte, welche ihm in den Mund gelegt