Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1896)
- Date
- 1896-01-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453365-3453367--4448-3458910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 Oesterreichisch-üngarische Lantoren-ZeiLung Seite b. - Faust; und wenn erseiner Seele nicht habhaft wurde, so.! wusste er sich anderweitig zu entschädigen: Er nahm die Wahrheit ' zur Kebsbraut, schwätzte ihr das Blaue vom Himmel vor, lockten sie fünfhundert Meilen ins Erdinnere, bettete ihr einen Pfühls ,weich und warm und lässt sie daselbst bis auf weiteres zappeln. Wer sie endeckt, hat den Stein der Weisen gefunden. Den Stein der-Weisen? O Jemine, dieser ist ein Transvaal! Und was die Nimmersatten Söhne Albions pustend und keuchend mit einem Trosse von Jankees und flachsblonden Teutonen in /glitzernd Gold und Edelsteinen gefunden, haben die Minentitres um das Tausendfache dessen wieder -verloren. Ist das nicht ein Werk Mephistos, Mephisto, der das Böse gewollt und das Gute gesäet? ' Ein Kirchenstaat war einst Judäa, Priester und Leviten chatten die Oberhand. Die Herrschaft gieng zu Ende, ein Streit Aller gegen Alle hat ihr das Lebenslicht ausgeblasen. Der Priesterstand verschwand und der Opfercultus mit ihm. Statt der Opfer kam das Gebet, und die Vorbeter sind wir. Was wir beten, ist etwas Feststehendes, so fest und eisern, wie der ^Bestand des orthodoxen Judenthums. Aber die Orthodoxen häuten sich und werden stügge, und wenn sie einmal den Adlerflug des Jungfortschrittes erreicht, so erkennen sie sich nicht wieder. Chor und Orgel, Gemeindegesang und Accordenklang durchhallen den Tempel; und was sie beten, ist wenig, und warum sie das Gotteshaus, die Predigt, den Vortrag des Cantors und das Aufgerufenwerden meiden, ist ein Geheimnis, ungelüftet wie die Vision Hiskias. Nur das eine steht fest: Veit und Veitl werden mmer fragen, wozu der Cantor gut sei, wenn ihn jeder Einzelne .der Minjanzehne eben so gut ersetzen könne? Das Heine-Denkmal in New-Hork. Bon Dr. Arthur Kahn, New-Uork. Y. (Schluss.) Der Stadtrath von Mainz und Düsseldorf und die deutschen Poeten in Deutschland haben würdige Gesellschaft Auch diese neue Genossenschaft gehört zur höheren Verständnissippschaft, die dem natürlichen, von euerem hochtrabenden Kunst- Verständnis noch nicht verdorbenen Geschmack und Gefühl vordictiren, was schön oder hässlich ist, genau so wie ihr Millionen Deutchen erclärt habt: die Lieder von Heine, die ihr lest und liebt, sind nichts werth, und dabei umgeschrieben .hinzusetzt: unsere Gedichte müßt ihr lesen, die sind schöner und besser. Das Denkmal von Herter ist kunstwidrig, haben ein paar sehr unberühmte amerikanische Künstler geäußert, wir können's nicht dem kunstsinnigen Publikum unter die Augen stellen. .. Merkt ihr was, ihr lieben Landsleute? Doch Mir thut es in der Seele weh. Dass ich euch in der Gesellschaft seh'. VI. New Jork ist im Festgewande! Heute wird das Heine- Denkmal enthüllt. Heiter wie die Maiensonne und das Grün im Park sind die feiertägig gekleideten Menschen. Alles strömt demselben Ziele zu, weißgekleidete Mädchen, groß und klein mit Kränzen und Blumensträußen wallen in Begleitung ihrer Ellern dem Park zu. Tausende von Menschen drängen dem noch ver-; hüllten Denkmal zu, um Zeuge des großen Augenblickes zu fein, wenn der Loreleibrunnen enthüllt wird. Musikcapellen spielen abwechselnd die Lieder Heines, welche die größten deutschen Tondichter zu unvergänglichen Schöpfungen gedichtet haben. Und wenn der Tag sinkt, und der letzte Sonnenstrahl das Denkmal zum ersten male in rothes Gold badet, wenn allmählig die Nacht sich herniederfenkt und das Mondeslicht zum erstenmal den weißen Marmorleib der Loreley küssen wird wenn die Nachtigalen von den nahen Bäumen, ihr Lied singend, das Herz des lauschenden Spaziergängers mit süßer Wehmuth erfüllen, Wenn große Blumen schmachten, Im gold'ncn Abendlicht, Und zärtlich sich betrachten Mit bräutlichem Gesicht: — Wo alle Bäume sprechen Und singen wie ein Chor, Und laute Quellen brechen Wie Tanzmusik hervor; Und Liebesweisen tönen. Wie du sie nie gehört. Bis wundersüßes Sehnen Dich wundersüß bethört! dann werden Jünglinge zu Füßen des Brrmnens sitzen und Heine's Lieder gedenken, süße, lichte Mädchengestalten werden sich dem Denkmal nahen und des Dichters Haupt mit Blumenbekränzen. Aus nahen Häusern tönt Gesang, Lieder der Sehn-' sucht, Lieder der Hoffnung, alles, was Schönes die Menschenbrust durchlebt, klingt und singt uns entgegen. Und wenn der Brunnen im bleichen Mondesschimmer der Mitternacht rauschen wird, wenn der Gesang verstummt, die Töne verklungen sind, dann steigt der Genius der Poesie herauf, schreitet dem rauschenden Brunen zu und die weißen Marmorgestalten neigen ihr schneeiges Haupt dem Genius zu und mit den weißen Lilienarmen winken sie grüßend entgegen. Ein Cultus des Schönen wird in der großen Stadt am Hudson aufgehen; mit dem Loreleybrunnen wird der Geist Heine's einziehen, und das Leben der Pflichten verschönern, den Kampf um's Dasein veredeln, Prosa und Poesie werden keine Gegensätze mehr bilden, sondern sich verschwistern. Weine Chronik CropMU. In der letzten Nummer dieser geschätzten Zeitung ist bereits berichtet worden, dass hier ein ״Jüd. litterarischer Verein" gegründet werden soll, u. z. geht diese Idee von den hiesigen jüdischen Hochschülern aus, die gegenwärtig zu den Ferien hier weilen. Besondere Verdienste um das Zustandekommen dieses edlen Unternehmens hat sich der Jurist Herr E i b u s ch i tz erworben. Es ist eine wahre Freude anzuhören, mit welchem Eifer, mit welcher Begeisterung diese jungen Leute sich nun für die Sache des Judenthums einsetzen und noch erfreulicher ist es zu sehen, welch' warmen Anklang ihre begeisternden Ideen unter den Gemeinde-Mitgliedern finden! Vorige Woche veranstalteten diese Hochschüler hier einen ״Festcommers" zu welchem die beiden Herren Vorsteher Dr. Sonne ns cheinu. Spitzer, sowie der Herr Rabbiner Dr. Blüh, Herr Obercantor Singermann, die Herren Dr. Eibuschitz, Eisler, Buchbinder. Schwarz und viele andere angesehene Mitglieder unserer Gemeinde erschienen waren. Die Vertreter der verschiedenen jüdischen Verbindungen in Wien: Zion, Jvria, Kadima und Lesehalle setzten die Zwecke ihrer Universitäts- Verbindungen in warmen und begeisternden Reden auseinander, und alle diese schönen Reden klangen in dem einen erfreulichen Motiv aus, dass sie alle die Sache des Judenthums zu. der ihrigen gemacht haben. Namentlich haben die Vertreter der Lesehalle, Herr Hirsch, und der Vertreter der Kadima, Herr Marburg, mit ihren herrlichen Reden großen Beifall gefunden.