Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1896)
- Date
- 1896-01-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 2. Seite 4 Gesterreichisch-׳ungarische Lantoren-AeitungZ der׳ Handle, welche vor lauter rewach umschmeißen, der Nadel- Held und der Pechdrahtkünstler und wie sie alle heißen mögen, die an Merkurs Herdfeuer ihren Brei nicht gar zu kochen vermögen — sie Alle wissen es, dass, wenn's Einem träumt, er könnte der Judenschaft was Vorsingen, er auch sein Nänzel schnüren könne, um dahin zu wallen, wo er der gastlichen Aufnähme sicher sei. Was nützt es, wenn die Gemeinden sich ge- Verden, als hätten sie statt einer Stelle von heute auf morgen eine Braut mit reicher Mitgift zu vergeben, was fruchtet es, wenn sie den Wunschzettel mit Superlativen, nach abgegebenem Necepte spicken? Den Strom Jener, die Alles versprechen und zu Parias herabsinken, können sie nimmer eindämmen. Irgendwo, ich glaube gar in diesen Blättern, habe ich einst daraus verwiesen, dass, wenn die altrabbinische Religions- Verfassung dem Grundsätze huldigt: der Veit habe vor dem Beitl nichts voraus, sie damit die Negation alles Priesterlichen aussprach. Und nichts hat sich im Judenthum so sehr eingelebt, als diese Grundlehre: die Sabbathschändung, die Umgehung der Speisegesetze, die Beschneidung der Synagogengebete, der Bruch mit altehrwürdigen Ceremonien, die Kenntnisarniut des Hebräischen und die begreifliche Scheu, den lieben Herrgott mehr als uothweudig zu belästigen — das Alles gehört zum bon ton und zum Haushalte des modernen Judenthums. Nur der Rabbiner, der Cantor, der Schochet, der Schames und der ״Lieberer", die dürfen und können nicht anders als zu Großmutters Zeiten sein, und trügen sie auch Kutte, Barett, Fünf- und Dreispitz — was auch wirklich vorzukommen pflegt — sie bleiben doch die Alten, sie werden der Laienmenge entnommen und wandern wieder dahin, wenn man ihrer nicht mehr bedarf. Darin können und werden die Rabbiner- und Cantorenschulen ftir Jetzt und Einst kaum Wandel schaffen. Noch wären andere Syllogismen ins Treffen zu führen, wenn es angienge, grundsätzliche Bestimmungen von Jahrtausend altern Brauche mit Vernnnstgründen zu widerlegen. Fast bedauern wir es, diesen Punkt berührt zu haben, der, von welchem Gesichtswinkel immer betrachtet, einen herben Bodensatz zurücklässt, ohne dem Uebel abznhelfeu. In Linz, wo der Mensch beim Domherrn beginnt, neigt man immer zu Reflexionen, und da wir heute Neujahr haben und des nasskalten Wetters halber ans Ausgehen nicht zu denken ist, so!vollen wir diesen Zeilen ein Schlußtableau anfügeu. Das geradeGegentheil zu derrusticalenAnschauung der Volks- Mehrheit, welche Gedeihen und Blüthe des Broterwerbes von der Unverrückbarkeit der Scholle und dem Gebundensein der Individuen an dieselbe abhängig macht, bildet der Cantor. Herumgewürfelt wie ein vom Schachte losgelöster Block, wandert er bald hierher, bald dorthin, sei es aus unsüllbarem Thäügkeitsdrange, verbunden mit dem Streben nach günsügeren Lebensbedingungen, sei es auch vermeintlichem oder wirklichem Pech's halber willenlos geschoben, bis er jenen Pol erreicht, von dem aus ein weiteres Vordringen Selbstvernichtung bedeutet. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir der rollenden Bewegung einer Eantorenlaufbahn und den eigenthümlichen Begleiterscheinungen, welche sie Zutage fördert, die kreuz und quer folgen. Jeder von uns, er sei wer immer und wo, immer, kennt sie aus eigenster Erfahrung, hat sie an sein eigen Ich in minder oder mehr herben Zügen durchkostet. Schon der Neuling, der im Kreisläufe des Cantorendaseins den ״Himmel voller Geigen" und ein,-Leben voller Wonne" sieht, erfährt es gar vald, dass man nicht,ungestraft in ״Sans und Braus" dahinlebt. Die'Ernüchterung - folgt in der Regel in dieser oder jener Gestalt auf dem Füße, und je früher und vehementer sie eintritt, desto mehr ist sie ge- ' eignet, den Heißsporn abzukühlen und ihm eine Lehrmeisterin für die Folge zu werden. Freilich ist es dem jungen Cantor von Schneid und Chic leichter denn manchem Rösch ha-Kahal, seine Kehila gegen eine andere 'einzutauschen, aber dieser Reigen wird für die Datier denn doch zu' dumm, macht dem Cantorenthum auch wenig Ehre, muss aber gleich wohl, wie alle Kinderkrankheiten, überwunden werden. ' Und es ist gut so, wenn nur der Thunichtgut was dabei profitirt. , Aehnlich ergeht es vielen Menschenkindern. Der Handwerksbursche, welcher nicht die Welt durchwandert, macht einen ״ Stiefel, zimmert einen Schrank, hämmert eine Pumpenstange nicht besser und nicht schlechter, wie sein Vetter, der von den zünftigen Herren soeben zum Meister erhobene Schneidergeselle eine Bauernjoppe schneidert. Seine Berufsgenossen, der Schuhmacher, der Möbeltischler, der Maschinenschlosser und der Herrenschneider thun das Gleiche, aber sie thun es jeder nach seiner ureigenen Weise und in einer Art, die sich sehen lassen kann. Die Welt aber, welche seit Adam und Eva die ״Prellerei mit Gold" aufwiegt und das ״Flausenmachen" mit einem ״Katzenbuckel" lohnt, weiß ihnen Dank, klingenden Dank dafür, während sie den -schlichten Handwerker, der sich auf's ״Solide" verlegt, gleichfalls honorirt, aber diese Be- Zahlung gleicht einem Hungerlohne; ihm bleibt, das ist gewiss, das ewige Schinden und Rackern. Auch das ist gut. Denn wäre dem nicht so, so gäbe es nur Herren und keine Diener. Pflegt das nicht auch in! Standesleben dasselbe Bewandnis zu haben? Es ist schon gut, wenn der Cantor, in richtiger Erkenntnis seiner Leistungsfähigkeit sein Brot nicht immer in einem Ofen bäckt. Besser, ja bei weitem klüger ist es indes, wenn er die Flegeljahre, die Wänderzeit, die Zeit der Körper- und Geistesfrische dazu verwendet, aus der gesammelten Erfahrung Capital׳ zu schlagen und dem Kenntnisvorrathe, .der in dieser oder jener Gestalt zur Jndividualisirung sich abklärt, ein mehr anzufügen. Wir wollen darüber nicht zu Gerichte sitzen, wer Künstler ist und. wer ein Stümper, denn gieng es. mit richtigen Dingen zu, so müssten wir den Ausdruck ״Künstler" aus unserem Wörterbuche streichen, weil ihm etwas profanes, etwas bänkelsängerisches anhaftet. Es ist auch nicht bedingungslos und noch lange nicht ausgemacht, ob der ein Stümper sei, dem die Fama diesen Schimpf ins Gesicht schleudert. Wahr ist hingegen, dass es dem Stümper bei einiger Anstrengung leichter gelingen könne, sich zur Höhe seiner idealen Aufgabe empor zu schwingen, als dem mit dem epitheton ornans gekrönten Kunsthelden sich auf derselben zu erhalten. Im Daseinskamvfe ist das freilich anders. Der Eine singt, ohne recht zu wissen, warum, weil der Ruhm, der ihm voraneilt, ihm den Weg geebnet. .Der Andere kämpft und ringt, doch seine Waffen sind stumpf, und wenn er dennoch siegt und ein Widerpart im Sande liegt, so war es seine letzte Kraftanspannung, .die ihm den Pyrrhussieg gebracht. Im Uebrigen ist Vieles, was schön und erhaben, nur ,aus gewisser Ferne beachtenswürdig; das Grandiose und -Uebersinnliche dichtet ihm die schweifende Einbildungskraft hinzu. -Der verhätschelte. Sänger, der verhimmelte Tragöde, .der possierlichste Fratzenreißer, der tastenrumorende Spieler und der blitzartig hantirende Prestigiateür verblassen an Ruhm,: wenn man den-rboons poons ihrer Geheimschliche :sich des Näheren desiehtZ wenn man ihrem nsrvM rMllrn^Asrsnäaruin auf den ׳ Zahn fühlt? ז Mephisto:war ein Teufeksjungej er kanntesseinen