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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-01-11 · Heft 2 (11.1.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 2 (11.1.1896)
Date
1896-01-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2. 0esterreichisch-ungarische £antoren־geitttng; Seite 3. Etwas anderes ist es mit dem Cantorenthum selbst und mit dem Ansehen desselben in Stadt und Landaber Jung und Alt in. Israel. Dagegen ließe sich der Wenn und Aber die Menge einwenden, darüber auch ein Buch schreiben voll packenden Interesses, so eine Art Gedenkblatt, woraus der Nachwelt Bescheid wird, wie die lebende Generation ihr Cantorenwesen auffasste, und was sonst an ihm drum und dran ist. Doch lassen wir das Bücherschreiben Jenen, die ein fühlend Herz für die leidende Menschheit und eine offene Hand für den Verleger haben, indess wir uns damit begnügen, den Standesgenossen mit Bildern en miniatur ein Stündchen Kurzweil zu bereiten. Fragt man Einen aus der Kehila: ״Wie geht es Ihrem Cantor?" so ist Hundert gegen Eins zu wetten, dass er antwortet: ״Er lebt wie Gott in Frankreich." Fragt man hingegen einen halbwegs begüterten dal b063: ״Hätten Sie Lust, Cantor zu sein?" so wird er ohne viel Besinnen sagen: ״Lieber schnorren!" Dieser schreiende Gegensatz könnte als Nonsens gelten, wenn er nicht wie eine blutige Satire aufzufassen wäre. Er ist umso widerspruchsvoller, wenn man bedenkt, dass jeder zweite ben ibri, wess Schlages er auch sein möge, ein ״woiler Chasen" sein zu können vorgibt. Schon darin allein liegt ein Stück des Jammers über einen Stand, dessen Beruf unzweifel- Haft zu jenen zählt, die, wie eine lebendige Tradition, die Gottesidee Hochhallen und die — was noch bislang mit unverminderteM Eifer geschieht — in Gesang und Wort zur Weckung der frommen Andacht ihr Bestes leisten. Aus Schicklichkeitsrücksichten )vollen wir es vermeiden, jene Sarkasmenfülle, die über Cantor und Cantorenthum sich allmählig herausgebildet, wortwörtlich anzuführen, um daraus Couclusionen zu schmieden; und thäten wir es dennoch, so wäre das ein Zuviel, das nichts beweist, und eben darum langweilig. Statt dessen ist es besser, )vir suchen andere Gesichtspunkte auf, um in Tönen zu reden, deren Widerhall im Herzen Aller nachzittert. Wer von )ins Cantoren hat nicht das Gefühl, ein ״verkanntes Genie" zu sein, ein Vergissmeinnicht, im Verborgenen blühend? Und wenn Einer, des Glückes bar, seine Jugend in Wölkersdorf, Jritz, Skotschau, Dürrmaul, Chndez oder Czejta verträumt, die Vollkraft des Mannesalters um ein Linsengericht oersplittert, ist es etwa seine Schuld, ist er darum weniger ein Chase)) ״für Gott und die Welt"? Wer das zu behaupten wagt, der weiß es vermuthlich nicht, dass man oft von den bescheidensten Anfängen den Sprung ins Große vorbereitet. Der Zufall nur, dieser heimtückische Geselle, hat ihm die Wacht in stiller Weltflucht angewiesen, in einer Gemeinde, 1200 Kronen schwer. Dort harrt er Jahr um Jahr der Erlösung, des glückverheißenden Momentes ab, wo ihm der Ruf in eine andere Gemeinde geworden, in einer Gemeinde, die um 200 Kronen schwerer wiegt, als die erste, die uieberfte Stufe. Auch das ist ein Fortschritt, we)ln er auch um den Preis neuer Mühen itnd neuer Plagen erkauft wird. Ist er es wirklich, bedeutet er nicht zuweilen einen Wechsel von geringfügigem Unterschiede, bei dem nichts so sehr hervorsticht, als der Umstand, dass man vor einer völlig ungeklärten Lage sich befindet? Die Jakobsleiter, auf der die Englein ans- und niedersteigen, hat auch für uns Beamtenmenschen sinnvolle Bedeutung. Der Eine bleibt sein Lebläng dort stehen, wo er einst angefangen, der Andere keucht mit Ach und Krach eine Sprosse oder zwei die Höhe hinan, )vährend ein Dritter mit einem Satze gleich mehrere überspringt, ohne sich zu überschlagen. In diesem Chaos des ewigen Stehenbleibens, des maligen Vorwärtskommens mid des schwindelnden Aufstieges liegt Methode, eine Methode, die gleichwie das Ca))torenthum selbst, emsig studirt sein will. Ja, das Studiren ist eine verdammte Geschichte. Wer sein 60, re, mi mit Anstand leiert, ein fa major und ein 301 minor mit herzhaftem Anlauf erreicht : wer da singt zum Steinerweichen, dass die Augen thränend glänzen und das Herz ittt Leibe lacht; wer das Dawenen und Leienen, das Schächte)) und Badkenen, das Fibel)) ))nd Bibeln, das Schulmeistern und Protokollschreiben zur Befriedigung Aller practtcirt und wer sich noch des Ueberflusses rühmt, Schofor zu blasen und Judenmännchen zu ״malenen" — wer dies Alles in sich vereinigt, den Frommen ein Heiliger, den Modernen em Confervativer nnd Allen gegenüber ein leuchtend Bild der Tugend und Einfalt zu sein: ist der ein Cantor von idealer Vollkommenheit? Höre, o Bruder, höret Genossen, höret, wenn ich sage: Ja und ))ein! Ja und nein! was ist das? Merke: Wer des Gute)) zuviel thut, ist ein Ronö und wer sein Hirn mit einem Krimskrams paradoxester Richtung vollladet, ohne das Gelernte in) Kerne zu erfassen, ist ein Hälbproletarier. Was ein echtes Proletarierkind ist, ist eine Frucht des Neunzehner-Iahrhunderts, ist eine Modenarretei albernster Sorte, ist ein Flunkern mit de)» Bielwissen, das an Halb- und Nichtwissen grenzt. Mit Berlaub, Herr Collega, das gilt nicht dir, ist blos ein Stigma für Zeit m)d Verhältnisse, denen du und wir insgesam)nt Sclavendienst leisten. Allein, was ist zu thun? Die Welt will es. die Nothwendigkeit heischt es, und ihne)) ist lediglich mit ״Universalgenies" gedient. Reden wir von was Andere»). Wer hat jemals darüber nachgedacht, woher es kommt, dass die Leute sagen: Nur Müßiggänger, Schiffbrüchige und solche, die nichts zu verlieren und Alles zu gewinnen hoffen, schlagen die Cantorenlaufbah)) ei)). We))n wir uns auch darüber hinwegsetzen, wie tief der Stachel eindringt, der scharf ))nd spitz in ähnlichen Merksprüchen gedacht, so können wir es gleichwohl nicht unterlassen, ihm auf den Grund zu gehen. Ei)) Müßiggänger ist nach mercantilem Denkvermögen derjenige, welcher den Wollsack verpönt, der Industrie den Rücken kehrt, dem Krämerleben, de)n Handelsfleiße und dem handwerksmäßigen Gettiebe fernbleibt und überhaupt so th))t, als wäre er im Zuge, der Conten)- platton und dem contemplativen Nichtsth)m sich mit Haut und Haaren zu verschreiben. Was ein Schiffbrüchiger ist, bedarf unseres Commentares nicht, obwohl es auch solche gibt, die thatsächlich Schiffbruch erleiden, bankerott werden oder sonst eine lebendige Ruine. Das Alles ist schon dagewesen. Aber dass es einem Kaufherrnsohne beifiele, mir nichts, dir nichts Cantor zu werden — das ist auch schon dagewesen, aber nur, wenn der Teufel mit im Spiele war. Dem gegenüber müsste es als Wunder erscheinen, wenn die Leute, welche auf jede Vacanz, fett oder mager, sich in Scharen mit Heißhunger werfen, nicht als Müßiggänger angesehen würden. Aber nur gemach. Wer sind die Herren, die in Liebeswerben sich verzehren, wo es eine Cantorstelle zu besetzen gibt? Sind es durchwegs Berufscantoren? Nicht Jeder, dem der Leumund einen ״weiten Hals und guten Einschütt" nachrühmt, ist zum Cantor prädestinirt. Dass der in steigender Linie stets zunehmende Cantorennachwuchs de)) Stellenmarkt überschwemmt, ist ein Erbübel der Gemeinden, die an Jndulgenz das Größtmögliche. Leisten. Der Commis, welcher die Elle und die Düte stiebt, der Greisler, welcher des Mehlsackes, des Krautfaffes und der Oelkanne überdrüssig geworden, der Marktsterant und

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