Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-01-11 · Heft 2 (11.1.1896) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 2 (11.1.1896)
Date
1896-01-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453365-3453367--4445-3458907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 2. leh rer aufnehmen zu wollen, der auch autorisirter Rabbiner ist im Sinne des Gesetzes, wie manche Gemeinde dies in ihrem Concurse ausdrückt! Dies klingt etwa so, als wollte man einen Gesellen stir irgend ein Fach aufnehmen, der auch autorisierter Meister ist. Ein jeder Rabbiner muss unbedingt Religionslehrer sein. Was ist aber das für eine Person, die Religionslehrer und auch autorisirter Rabbiner ist? Und im Sinne des Gesetzes! Welchen Sinn will man dem Gesetze beilegen? Das Gesetz kennt nur den Rabbiner im wirklichen Sinne, nämlich als den Mann des jüdisch-religiösen Gesetzes, den wirklichen und wahren Kenner, Vertreter und Verfechter der Religion.. Jede andere Meinung von dem Gesetze ist falsch und irreleitend. Das alles stnd Kunstgriffe, um für geringen Gehalt, man könnte sagen, für einen Hungerlohn, ein billiges ״Werkzeug für Alles" zu bekommen. Dadurch werden gewisse anbrauchbare, den Stand, die Gemeinde und die Religion entwürdigende Subjecte in das Amt hineingezogen und der raböinische Proletarierstand großgezogen. Gemeinden und Männer in Israel, denen die Ehre und die Würde der Religion und das Wohl geistige Gedeihen eurer Jugend am Herzen liegt, meidet, solche Uebelstände heranzuziehen! Der Rabbiner muß gleich dem Seelsorger anderer Confessiouen als geistlicher Würdenträger dastehen, niemals aber als nebensächliches Werkzeug. Deshalb werde der Concurs statutenmäßig in dieser und in keiner andern Form abgefasst. Jeder andere Concurswortlaut, woruach der Rabbiner die Nebensache in der Gemeinde sein soll, bleibe unberücksichtigt. Dass geborene Oesterreicher, sowie Männer von anerkannten, fachmännischen Leistungen vorgezogen werden sollen, das ist natürlich und selbstverständlich. Jeder Staat sorgt in erster Reihe für die Existenz seiner eigenen Mitbürger und gekaufte Oestereicher sind niemals w a h r e Oesterreicher. Am allerwenigsten aber ist ein solcher, aus materiellen Motiven gewordener österreichischer Staatsbürger für den österreichischen Rabbinerstand geeignet, in der Gemeinde und der Jugend wahren Patriotismus einflößen zu können. Denn ein Patriotismus, der nicht von Natur eingeprägt und von Herzenswärme durchdrangen ist, ist nur ein Scheinpatriotismus, welcher der Gemeinde, der Jugend und dem Staate nicht den wahren Vortheil zu bringen vermag. Was nicht vom Herzen kommt, kann nicht zum Herzen gehen.*) Es wäre auch höchst unbillig, wenn man Männern mit hervorragenden Leistungen im Dienste des Judenthums (z. B. auf dem Gebiete der Litteratur, der Pädagogik u. dgl.) nicht so viel Anerkennung und Rücksicht für ihr gemeinnütziges Streben und Wirken angedeihen ließe, um sie vor Andern vorzuziehen, die nach dieser Richtung hin noch nichts geleistet haben. Es ist dies eine moralische Pflicht der Gemeinden, der sich keine entziehen sollte, weil sie dadurch der jüdischen Wissenschaft, wie dem Judenthum überhaupt einen großen Dienst *) Diesen engherzigen und höchst intoleranten Anschauungen müssen wir mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Den Patriotismus Jener, die die österreichische Staatsbugerschaft erworben und anqelobt haben, anzuzwüfeln, ist ein Standpunkt, der von der antisemitischen Frcmdlingstheorie nicht weit entfernt ist und der am wenigsten von einem ehrwürdigen Ver-- rreter des Wischen Gesetzes verfochten werden soll. Immerhin-achten wir die Wärme, mit welcher der geehrte Autor für den Rabbinerstand eintritt und wir hoffen. Lass er auch die Interessen des Cantorenstandes bei den, diesbezüglichen Bestimmungen der Statuten ebenso warm vertreten wird.! Die Nedäction. erweisen. Bei der Wahl des. Rabbiners soll aber auch ׳nur entsprechendes Fachwissen nnd richtige Standeswürde Berücksichtigung finden, wobei jeder Protectionsschwindel, jede Parteilichkeit, sowie jede materielle NebensäMiAkeit ausgeschlossen bleiben soll und muss. Jf^P^ Jede Gleichgiltigkeit und Lauigkeit,' die sich geltend machen sollte, die nur die Lücke in der Gerneinde auszufüllen anstrebt, wären Nägel zum Sarge für die erhabene Idee unserer Religion. Man erwäge und bedenke, welchen Schaden die Unwissenheit schon im Judenthum hervorgebracht, welches Unkraut. bereits im Garten des Herrn durch unwürdige itnb unwissende Gärtner und Pflanzer emporgeschossen, wie die zartesten Keime des .Judenthums, die edelsten Triebe der Religion durch sie verachtet bei Jung und alt zertreten worden, und wie die Religion dadurch herabgewürdigt und vor den Augen Andersgläubiger entwertet wird, indem man nur zu oft die Lücke auszufüllen sucht, auf Wissen, Würde, Standes-Charakter und Herzensneigung fürs Fach keine Rücksicht genommen wird. Solche traurige, beklagenswerthe Zustände müssen jetzt, wo die Gemeinden ihre volle Legalität erlangen werden, total vermieden und beseitigt werden, um nicht die Religion vor den Augen unserer Gegner bloßzustellen und ihnen nicht neue Handhaben zum Angriffe in die Hand zu geben. Verfasser dieses erfuhr beispielsweise ans glaubwürdiger Quelle, dass ein Cultusbeamter '— Rabbiner will ich ihn aus Hochachtung vor dem Stande nicht nennen — im Gasthause gemüthlich seinen Schinken genießt, am Samstag seine Pfeife raucht, worüber selbst nichtjüdische Mitgäste ungehalten sind und Protest dagegen erhoben. Ja, er. hat am Samstag, den 2. November sogar ein jüdisches Leichenbegängnis angeordnet und veranstaltet. Das ist geschehen in einer Gemeinde des Chrudimer Kreises. - Ich könnte noch Manches von da und dort anführen, aber ich glaube, dass das eine genügt, um die traurigen Zustände zu charakterisiren. Solche Verräther und Zertreter des Judenthums erziehen die Gemeinden selbst, indem sie jeden. Fachignoranten ins Amt einsetzen. Er kann vor Kurzem noch was immer für einen Lebensberuf gehabt und Lebenswandel geführt haben, und er braucht kein hebräisches Wort correct lesen, so wird er ausgenommen, wenn er für geringen Gehalt ein Werkzeug für Alles und für Jeden abgibt. Hier bewähren sich des Propheten Worte: ״Deine Leiter führen dich irre, deine Zerstörer und deine Vernichter werden au§ dir selbst hervorgehen." (Fortsetzung folgt.) F. Zeitbilder. Ernstes und Heiteres aus dem Leben der Standesgenoffenschaft. Von Cantor Isidor Schwarz in Linz.' Schon Mancher, dem nicht an der Wiege vorgesungen wurde: Du sollst Cantor werden und ein Religionsdiener in, Israel, hat in den saueren Apfel des cantoralen Lebensbaumes gebissen, ohne daran zu sterben. Jawohl, gestorben ist noch keiner daran, der seinen Brodkarren mit Lyra und Talär das Leben hindurch geschleppt. Viele aber lebten und leben davon mit Weib und Kind, und am besten Jene, die eine dicke Haut haben, um nicht zu fühlen, was sticht, und Ohren, um nicht zu hören, was des Hörens unwerth erscheint. Je gründlicher sich Einer des Hörens und Empfindens entschlägt, desto mehr, hat er es gelernt, den Zeiger der Weltuhr richtig zu deuten und Ränke gegen Arglist auszuspielen. So ist es Weltbrauch,, und darüber gibts wohl zu denken, aber nichts weiter zu reden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.