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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-01-01 · Heft 1 (1.1.1896) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 1 (1.1.1896)
Date
1896-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. l. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-IeiLunz Seite S. unbestimmter Zeit". Brüll. Jahrbücher für Jüdische Geschichte imd Litteratür V. und VI. S. 104, meint, das Gedicht scheine auf deutschem Boden etwa in der Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden zu sein. Interessant ist es, dass Anfang des 15. Jahrhunderts ein Rabbiner in Halle, Abraham Kohen, den jungen Leuten verbot, das Lied zu singen, weil der Verfasser kein Gelehrter gewesen sein könne, indem er das Chanuka-Mahl als religiöse Pflicht ,סעודת מצוד hingestellt habe, was nach Meir von Rotenburg nicht der Fall sei! Wie sollte man auch in jener Zeit bei einem nichtreligiösen Mahl fröhlich sein können! Aber der fromme Rabbiner hat übersehen, dass doch mindestens das Sabbat-Mahl ,סעודת מצוד ist! Sonderbar genug wurde selbst in der nachmendelsohn'schen Zeit das Lied wegen seines fröhlichen Zechertons in Acht und Bann gethan. So der Arzt Mordechai Levison in Upsala und Ahron Worms, welche letzterer sogar empfiehlt, den Herausgebern das Abdrucken dieses Liedes zu verbieten. Thatsächlich ist es aus den Siddurim verschwunden. Aber nachdem das Judenthum zur erfreulichen Erkenntnis gekommen ist, dass eine fröhliche, selbst weltliche Feier unserer ruhmreichen Vergangenheit keineswegs im Wege steht, darf ich Wohl auch von den frömmsten Rabbinern keinen Tadel für die Veröffentlichung des weltlichen Zecherliedes befürchten. Frauen als Aer;te. Im Hinblicke auf die lebhafte Agitationsbewegung, welche sich in den letzten Jahren unter den Frauen geltend macht und die selbst in unserem, nach dieser Richtung sehr conservativen Vaterlande ziemlich große Kreise erfasst hat, dürfte es von besonderem Interesse sein, zu׳ erfahren, dass schon in früheren Jahrhunderten nicht selten Frauen sich einen Beruf wählten, der allgemein nur als ein männlicher galt. So ist z. B. durch zahlreiche Nachrichten erwiesen, dass im Mittelalter Frauen, wir wimmernd und zitternd das Land unserer Hoffnung, wo uns die endliche Erlösung winkte — da wurden wir abermals gepackt und aus dem schwer erreichten Asyl in das alte Gesängnis zurückgewissen. Hier stehen wir wieder auf der Grenzscheide der beiden Reiche, zwischen Freiheit und Verfolgung, zwischen Hoffnung und Verzweiflung. ״Lassen Sie uns zurück, Herr Gendarm, nach Oesterreich, Sie retten so viele Menschenleben". ״Ich darf Euch weder zurücklassen," erwiderte mitleidig der bewaffnete Begleiter, ״noch der russischen Grenzwache übergeben, sondern blos auf die neutrale Linie beider Staaten, bis zum Grenzgraben bringen und dann rückkehren, Euch Eurem Schicksale überlassend. Thut dann, was Ihr könnt, und der Himmel helfe Euch. Nun müssen wir aber weiter, die Nacht rückt vor — die Eure abermalige Rückkehr begünstigen könnte", fügte er leise zu. Draußen heulte der Sturm, krachten die dürren Aeste der Bäume, wirbelte der Schnee und langsam setzte sich der Zug der schwer geprüften Menschen in Bewegung — kein Stern leuchtete diesem Elend, das schwere, schwarze Wolken dem Auge Gottes verhüllten. Endlich, endlich ragten die Grenzzeichen ans der Schneefläche auf. Hier ist das Ziel. Alles stieg aus dem Schlitten, in den der Gendarm einstieg, um die beschwerliche Heimfahrt anzutreten. ״Arme Leute." sagte er, ״der Himmel, habe Erbarmen mit Euch und diesen kleinen Geschöpfen!" Im freien Felde, mitten in der Schneewüste und später , Nachtstunde blieben die Unglücklichen zurück. Aus der Ferne blitzte zuweilen durch den Schneewirbel das Licht einer Wächterhütte, aber keine Patrouille zeigt sich.. Das harte Wetter, das sie misshandelte, 'י chützte zugleich die Märtyrer einer mittelalterlichen Barbarei. die die Heilung Kranker zu ihrem Berufe gemacht hatten, gar nichts Seltenes war. Wenn in dem ״Tristall" Gottfrieds von Straßburg erzählt wird, wie eine adelige Jungfrau sich in ärmliche Kleider hüllt, um sich durch ihre Hosmeisterin zu ihrem auf den Tod verwundeten Geliebten führen zu Lassen, und wenn die Hofnleisterin ihre Begleiterin für eine Aerztin ausgiebt, so muß man hier wohl an eine Berussärztin denken. Solche werden auch in mittelalterlichen Urkunden, namentlich in Steuer- Lüchern, mehrfach aufgeführt, zuweilen sogar mit Namen. Die erste Aerztin (medica) wird 1288 in Mainz erwähnt. Auffallend ist, dass unter den mittelalterlichen Aerztinen außergewöhnlich viel Augenärztinen sind. Eine Augenärztin in München wird erwähnt im Jahre 1351. In Steuerbüchern und anderen Urkunden des Archivs zu Frankfurt a. M. begegnen wir in den Jahren 1389 bis 1497 nicht weniger als 15 Aerztinen, darunter 3 Augenärztinen. Auch jüdische Aerztinen werden oft erwähnt, wie denn im Mittelalter überhaupt die Heilkunde oft von Juden ausgeübt wurde und jüdische Aerzte oft in hohem Ruhm und Ansehen standen. In einem Frankfurter Steuerbuch vom Jahre 1428 begegnet die Eintragung: ״Die Jüdin Serlin, Augenärztin". 1431 wird ״der Juden Augenärztin verboten, Geld auf Zinsen auszuleihen." In dem Bürgermeisterbuche von 1436 findet sich eingetragen, dass ״die Juden Augenärztin" (vielleicht dieselbe, der das Geldausleihen verboten worden war) die Stadt verlassen soll. In Eintragungen aus den Jahren 1492 bis 1497 begegnet mehrfach eine ״Juddenartztin". Sie war in Frankfurt fremd, muß aber geschickt und beliebt gewesen sein (und ihre Praxis hatte sie sicher auch in christlichen Familien), denn man ermäßigte ihr, ״damit sie hir blieben möge", ihr ״Schlafgeld", d. i. die von fremden Juden täglich zu zahlende Abgabe; ihr Gesuch aber, außerhalb der Judengasse wohnen zu dürfen, ward ihr abgeschlagen. Im Jahre 1446 wurde auch So verrann eine lange, bange Sttlnde. ״Die Kinder auf den Rücken," sagte nun der ältere Mann, ״und abermals den Weg angetteten, den wir gekommen; vielleicht schlupfen wir diesmal durch, wenn das Maß unserer Leiden voll ist. Schlechter kann es so nicht mehr werden!" Und unter Thränen und Gebeten begann die mühselige Wanderung gegen Westen. Draußen wirbelte der Schnee, blies ein eisiger Wind, die Kälte stach wie mit spitzen Ruthen in die Glieder. Der Bahnhof war fast leer, als das erste Läuten in — den grauenden Morgen hinaustönte — blos ein Häuflein armer, schneebedeckter, starrgefrorener Menschen schlich sich scheuen Blickes in den Zug und drückte sich zähneklappernd in die dunklen Winkel des weiten Waggons — endlich unter schützender Decke, endlich auf dem schwer erkämpften Ziele! Die Minuten vergehen langsam und bleiern, jeder Laut aus dem Perron verbreitet Schrecken drinn' im ambulanten Asyl— eine Ewigkeit bangen lautlosen Wartens. Nun das zweite Läuten. Der Conducteur erscheint und coupirt die Karten, hinter ihm ein Gendarm, der die Coups inspicirt — starrer Schreck lähmt die Unglücklichen im dämmerigen Waggon — einen Moment blicken sie sich gegenseitig an — die Einen hangend und bangend zwischen Tod und Leben, der Andere zaudernd und unentschlossen — es ist derselbe humane Mann, der die Armen zur russischen Grenze escortirte — dann aber wendet er sich rasch ab, die Thüre fällt heftig ins Schloß, das dritte Läuten ertönt, ein schriller Pfiff der Maschine erschüttert die Lust, der Zug beginnt langsam seine Bewegung, und das Leben kehrt in die armen Wanderer zurück, die so viel gelitten und nun einer ungewissen dunklen Zukunft entgegengehen.

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