Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GHerreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 1. ihr Helligthum aufgeschlagen haben wird, und noch vierzig Jahrhunderte, bis die einfachen zehn Gebote, die eben nur die Gruudgebote menschlichen Handelns mit göttlicher Lapidarschrift verkünden, zur allgemeinen Norm der Gesellschaft geworden sind. Und doch Wunen solche Schriften, wie die von Josephine Lazarus viel Gutes wirken, viele Herzen mit Liebe erfüllen, in vielen Geistern ein höheres Ideal ansüchen, wenn sie eine größere Verbreitung finden. Nun wollen auch die Führer des Ordens B'nai B'rith sich der Frauenbewegung bemächügen und sie der Verbreitung ihres idealen Sttebens dienstbar machen. In einem Artikel in der November-Nummer der ״Menorah", Betitelt ״Die Töchter Juda's", schildert der Redacteur Bioritz Ellinger in gedrängten Zügen den Fortschritt, den die jüdische Frau in der modernen Culturwelt gemacht hat, und die Wohlthaten, welche von ihrem prakttschen Eingreifen in allen Fragen, welche die Entwicklung der modernen Gesellschaft zum Austtag hat, zu erwarten sind. Herr Ellmger wird auch nächste Woche vor der Washington Loge des Ordens B'nai B'rith einen Vorttag über ״Die neue Frau" halten und wird jedenfalls dort der Grund gelegt werden, die erste Loge der ״Töchter Juda's" ins Leben zu rufen. Die Versammlung, welche im Terrace Garten stattfindet, ist dem allgemeinen Publikum zugänglich. Ueberhaupt beginnt die Großlöge des Ordens die Saison mit lobenswerther Thätigkeit und Energie. Gestern Abend war im Terrace Garten eine vereinte Versammlung der Zion und New Jork Loge und das General- Comite des Distrikts, mit Joschua Kanttowitz dem Präsidenten an der Spitze, stattete denselben einen offiziellen Besuch ab. Die Die Versammlung war sehr gut besucht und es wurden mehrere gediegene Ansprachen gehalten. Auch war ein ungewöhnlicher Gast zugegen. Es dies Herr Louis Grünberg aus Cairo, Egypten, einer der Gründer und thäügsten Arbeiter in den B'nai B'rith Logen, welche in Cairo, Alexandrien und Tanta j und Herzerren. Wir lebten ruhig in einem Dorfe bei Mosco, feit ich und mein Schwager nach langem Militärdienste rückkehrten, zwei Schwestern heirateten und uns dem Feldbau widmeten, Die übrigen Dorfbewohner lebten mit uns in Frieden und Eintracht, wir arbeiteten Alle schwer auf dem Stück Erde, das wir erworben. Wir pflügten, säeten und ernteten im Schweiße unseres Angesichtes, wie es in der Bibel heißt. Wir halfen uns gegenfeiüg im Dorfe, wie Söhne eines Vaters. Da kam eines Tages aus der Kreisstadt ein Tfchinownik und ftug uns nach unseren Papieren. Wir wiesen ihm unsere Abschiede vom AMtar nach belobtem Dienste vor. Dies genügte ihm nicht und er verfügte unsere Ausweisung binnen vierzehn Tagen, bei gewaltfamer Wegführung nach Verlauf dieser Frist. Wie ein Blitz traf uns dieser harte Befehl. Die Dorfbewohnerstanden da, mit Thränen in den Augen und Mitleid in den Mienen. Unsere Ernte stand noch in den Halmen, das Heu lag in Tristen, das Obst hieng an den Bäumen, unsere Hütten glänzten frisch getüncht und schönes Vieh wieherte und blockte in den Ställen — wir sollten fort! Wir fuhren in die Kreisstadt, wir suchten Hilfe, ohne sie zu finden. Wir fuhren nach Mosco, küssten dem General-Gouverneur die Stiefel, denn es galt unsere Existenz, die Zukunft unserer Kinder — umsonst. Die Zeit war kurz, die Dorfbewohner hatten kein Geld, wir mussten unsern langsam und mühselig erworbenen Besitz einem Großrussen unter der Hälfte des Werthes verkaufen und giengen auf Nimmersehen fort, mit uns Weib und Kind, die Trümmer unserer Habe, die Reste des vernichteten Wohlstandes. — Wohin? Für uns waren alle Wege gleich; Alle führten sie in eine ungewisse, ttübe Zukunft, entfernen uns von der gewohnten und, emsig bebauten Schölle, die uns vor wenigen Tagen noch eigen existiren. Er ist ein hoch gebildeter Mann und hat die weite Reise nach hier unternommen, um das Wesen des Ordens an seiner Geburtsstätte kennen zu lernen. / Der B'nai B'rith genießt eine steigende Popularität, die Damen-Empfangs-Abende sind sehr gut besucht und geht es da sehr gemächlich zu. Natürlich sind Spiele oder gar Tanz verpönt, und gerade die ruhige Unterhaltung scheint einen größeren Reiz zu bieten. Die verschiedenen größeren Comitss, wie z. B. die Vereinigung von Logen-Präsidenten, die Direktoren des Alten- Heims etc. halten da ihre Sitzungen und Bankette ab, und so ist es erklärlich, dass schon am nächsten Donnerstag Abend eine Special-Versammlung des General-Comitss stattfindet, um Schritte zu berathen für die Errichtung eines allen Zwecken entsprechenden großen B'nai B'rith Heims, da ein solches Gebäude sich gewiss vorzüglich rentieren und auch zur kräftigen Entwicklung und Stärkung des Ordens in hiesiger Stadt viel beitragen würde. _ Zum Ehsnukalied. ■ 1 Von Dr. Kahan, Leipzig. Es ist mir sehr lieb, dass das Chanuka-Lied im Herzen unserer Herren Collegen ein freudiges Echo erweckt hat. Herrn Cantor Goldmann bin ich für die Mittheilung der im Siddür von Jakob Emden fehlenden Strophe sehr dankbar, und uin seinen Wunsch zu erfüllen, sei hier über den Verfasser des Liedes Folgendes mitgetheilt: , Bei Emden wird es dem Jbn Esra zugeschrieben, aber dies ist nur eine Bermuthung, welche von den Gelehrten nicht einmal als solche ausgesprochen wird. So nennt Luzzatto im Ozar Tob von Berliner S. 5 den Verfasser schlechtweg Abraham und fügt nur hinzu, die deutsche Fassung sei ohne Zweifel älter als die sephardische. Zunz, Litteraturgeschichte der synägogalen Poesie S. 539, erwähnt das Lied im Capitel für ״Dichter war. Wir kamen nach Moskau und legten müde das Haupt auf die fremde Pritsche. Hinter uns war die Polizei und das Ausweisungspatent — Vorwärts! Eine Frau erkrankte, ein Kind starb, die Kräfte und die Mittel schwanden — wie dem ewigen Juden war uns keine Rast gegönnt — nirgends öffnete sich uns eine gastliche Thür, überall der Fußtritt der Polizei, der uns weiterstieß. In Berdyczew, in Pinsk und in Minsk, wo wir bleiben durften, konnten wir uns nicht erhalten. Tausende Schicksalsgenossen haben ihr Elend hergeschleppt uub bekämpfen einander im Lebensunterhalt; die Arbeit war billig und das Brod theuer. Einer drängte den Andern, Einer trat dem Andern auf die Füße. Die Siechen blieben, die Gesunden zogen weiter. Wir kamen im weiten Bogen nach Eydkunen, um deutsches Gebiet zu betreten. Die Russen ließen uns hinüber, die Preußen stteßen uns herüber. Wieder standen wir im russischen Bereiche und sahen selten dort die Sonne untergehen, wo wir sie aufgehen sahen. Unsere Mittel, unsere Kräfte, unser Muth nahm ab. Wir zogen weiter. Bei Graniza betraten wir die öfterreichische Grenze. Kaum jedoch hatten wir den Fuß auf den fremden Boden gesetzt, als wir ergriffen und nächtlicher Weile zurückgestoßen wurden, in das Land, das uns ausstieß. Die Frauen weinten, die Kinder jammerten, wir stuchten unserem Geschicke und waren rath- und trostloser denn je. Wir lebten unter der Wucht der Polizei, das Leben des Wurmes unterm Fußtritte. Hin- und hergezerrt, konnten wir keinen Erwerb ausüben, kein Ruheplätzchen finden, keinen Plan-fassen und nicht die ausländische Erde betreten, auf der uns Erlösung winkte. Nach rechts und links, vor- und rückwärts geschoben, wanderten wir östlich und suchten abermals einen Durchbruch nach Oesterreich. Endlich.bei Sturm und Schneegestöber, einer Kälte, die das Blut in den Adern gefrieren machte, betraten