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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-01-01 · Heft 1 (1.1.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 1 (1.1.1896)
Date
1896-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr, 1. Gest erreichisch-ungarische Lantoren-Aeitmig. Strebens sowie die Beamten der Großlogen, der Libanon und Hebron Logen, welche eine vereinigte Sitzung bildeten, einen offiiciellen Besuch ab; der Großpräsident Joschua Kantrowitz führte den Vorsitz. Begeisternde Reden wurden von dem Vorsitzenden und den Brüdern Dr. S. B. Wolf, Morris Goodhart, Moritz Ellinger, S. D. Sewards und Abraham Emanuel gehalten und am Schluß der Loge vereinigte die ganze Gesellschaft sich beim leckeren Mahle. Das mit vieler Spannung erwartete Werk ״Der amerikanische Jude als Patriot, Soldat und Bürger", welches den bekannten und beliebten Simon Wolf von Washington zum Verfasser hat, ist nun dem Verkauf übergeben worden. Er widerlegt in unanfechtbarer Weise den von antisemitischer Seite erhobenen Vorwurf, dass der Jude sich nicht als Soldat an dem Kampf zwischen Nord und Süd betheiligt hätte. Er liefert den Beweis, dass der. Vorwurf mehr als ungerecht, dass er vollständig erfunden war. Seine Angaben sind alle den Archiven in Washington entnommen und liefern daher auch einen werthvollen.Beitrag zur Geschichte Amerika's. Die Congregation ״Tempel B'nai Israel", 79. Str., zwischen 2. und 3. Ave. macht recht hübsche Fortschritte, seit der neue Rabbiner und Cantor Rev. Osias Hochglück im Amte ist. Rabbi Hochglück zieht durch seine wunderschöne, geschulte Tenorstimme und künstlerischen sowie dramatischen Vortrag immer mehr Besucher heran. Am letzten und vorletzten Freitag Abend war das Gotteshaus von einem gewählten Publikum geradezu überfüllt. Es gab da viele Momente, in denen der Liebreiz seiner Stimme und die Gefühlswärme, die seinem Gesang entströmte, einen wohl an Herz und Seele packen konnten. Am Schlüsse des Gottesdienstes war das anwesende Publikum derartig begeistert, dass sich alles an die Kanzel herandrängte, um dem Cantor Rev. Osias Hochglück für den gebotenen Kunstgenuss persönlich zu danken. I Hinüber—Herüber. Von Leo Herzberg-Fränkel. Der Schnee wirbelt in schweren Flocken und der eisige Nordwind fegt ihn zu Haufen zusammen. Jede Spur einer Straße ist verschwunden, die Gräben sind nivellirt, und wenn ein Schlitten durch das Unwetter gleitet, ist die hinterlassene Furche bald verweht und das nächste Fuhrwerk zeichnet eine neue, ebenso rasch verwischte Linie. Was ihnen als Richtung dient, ist auf der einen Seite die Häuser und Kirchthürme der Stadt Brodh, auf der anderen der Kieferwald, der die russische Grenze umgürtet. In der Richtung gegen diesen schneestarrenden Grenzwald bewegt sich eil! sonderbarer Zug. Auf einem breiten, roh gezimmerten Schlitten, von zwei kleinen, müden, schwerkeuchenden Pferden gezogen, sitzen nebst dem bäuerlichen Kutscher, der einen groben Leinwandsack als Kaputze trägt und seine armen Thiere durch Geschrei und Stockschläge fortwährend aneifert, zwei Frauen und drei kleine Kinder, in Tücher und Decken gehüllt, von einer dichten Schneelage bedeckt, die Köpfe aneinander gebeugt, um sich gegenseitig zu schützen und zu wärmen. Zwei bärtige Männer und ein Jüngling,״ dürftig gekleidet und vom Schnee wie von einer weißen Mörtellage vollständig überkrustet, umgeben den Schlitten, den sie zuweilen, im tiefen Schnee, wo die Kraft der geplagten Pferde versagt, nachschieben. Hinter diesem Zuge folgt, das Gewehr unterm Arm, den Czako mittelst Sturmbandes unterm Kinn befestigt, das Gesicht halb im aufgestülpten Mantelkragen vergraben, die Hände in weißen Ballhandschuhen versteckt, ein Gendarm, dessen Schnurbart, wie zwei Eiszapfen, vom windgerötheten Gesichte herabhängt. Keiner spricht; der Sturm peitscht ihnen ins Gesicht. In der jüdischen Frauenwelt Amerikas regt es sich ganz gewaltig. Das jüdische Weib scheint nun fest entschlossen zu sein, einen thätigen Antheil an der Gestaltung des religiösere Lebens nehmen zu wollen, wie sie überhaupt in allen Sphären gesellschaftlichen Waltens schon längst sich Geltung zu verschaffen wusste. Eine gesunde Anregung wurde seiner Zeit von den Frauen, welche dem Congresse in Chicago zur Zeit der Weltausstellung beiwohnten, gegeben, und der damals gegründete nationale Verein jüdischer Frauen entfaltet eine segensreiche Thätigkeit. ״Die Frau schweigt in der Kirche" gilt bei den jüdischen Frauen Amerikas nicht mehr, und es Lässt sich da nur Ersprießliches erwarten. Das von einer jungen Israelitin jüngst veröffentlichte Buch: ״The Spirit of Judaism", von Josephine Lazarus macht ganz gewaltiges Aufsehen. Sie fühlt das tiefe Weh, das den unglücklichen Opfern des Rassen und Religionshasses zugefiigt wurde und möchte gerne das Problem lösen, den Judenhass aus der Welt zu schaffen. Sie ist aber auch höchst unzufrieden mit der Art und Weise, wie das moderne Judenthum sich mit der Jetztzeit, mit der Cultur, mit dem modernen Religionsgedanken zurecht zu finden sucht, und möchte gerne alle äußere Form abgeschafft wissen, damit der Religionsgedanke mehr verinnerlicht werde. Und da will sie Alles durch die Liebe, den welterfüllenden Gottesstrahl, in eine mit Gott vereinte, zu Gott aufstrebende Gesellschaft verwandeln, und dann wäre das wahre, das höchste Ziel des Judenthums erreicht. Ja, das wollte auch Christus und er Predigte die Liebe, und die moderne Heilsarmee lallt und fingt es ihm nach und trotz der beinahe zwei tausend jährigen Predigt hat man im Namen der Liebe die Menschen hingeschlachtet, streut man heute noch die giftige Schlangenfaat des Bruderhasses in die Herzen der Menschen, füllt die Erde mit einer Thränenfluth, damit angeblich die Menschen mit Gott vereint werden. Es werden wohl noch zwanzig Jahrhunderte vergehen, ehe die göttliche Liebe in die Menschenherzen eingezogen sein und da Nur mühsam nähert sich der sonderbare Zug dem glitzernden Walde, an dessen Saum eine strohgedeckte Hütte steht, die verlassene Wohnung eines Hegers mit offener Thüre und zerbrochenen Fenstern. Immerhin aber eine Zufluchtsstätte gegen den schneidenden Wind, der wie mit Nadelspitzen in das Gesicht fährt. So fest gefroren ist der Schnee an den Gewändern, daß alles Schütteln erfolglos ist und die Mäntel steif wie Bretter sind. Auf einem Haufen Stroh, der trotz des Frostes mephitsiche Gerüche aushaucht, ruhet die unglückliche Karawanne aus: die Kinder wimmern, die Erwachsenen stärken sich an einen! Schluck Branntwein, der wie Feuer durch das Blut züngelt. Auf der halb verfallenen Küche liegen einige verkohlte Scheiter, die die erstarrten Männer mittels Stroh in Brand stecken, obschon Fenster und Thüren der Kälte freien Einlass gewähren. ״Haben wir noch weit? fragt einer der Männer den sie begleitenden Gendarm. ״Bei diesem Weg und diesem Wetter wohl noch eine Stunde bis zum Ziele." ״Was geschieht dort?" fragt Jener resignirt. ״Wir langen an der Grenzmarke an, ich feuere einen Signalschuß ab, um die Kosaken von der Ankunft von Gefangenen zu verständigen, und fahre sofort im Schlitten zurück, Euch auf dem neutralen Grenzstrich zurücklassend, ich habe mich darum nicht zu kümmern, ob Euch die Kosaken holen oder nicht." ״Wir müssten ewig auf dieser schmalen Grenzlinie leben — sagt der Jude mit bitterer Ironie — die Kosaken sperren uns dort und Ihr hier den Weg. Hier weist man uns die Thür, dort verrammelt man den Eingang. Ein ewiges Hin-

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