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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-12-11 · Heft 29 (11.12.1895) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 29 (11.12.1895)
Date
1895-12-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Nr. 29. höhte Last gern, weil ja nur der wissenschaftliche Beruf und die mit ihm verbundene academische Würde sie über das gesellschaMche Glend ihrer Glaubensgenossen zu erheben vermochte. Da beschloß man auf dem Basler Concil 1431—34, dass die Juden fortan von der Erlangung akademischer Grade und Würden ausgeschlossen werden sollten: vor Allem sollten sie auch aus dein ärztlichen Berufe verdrängt werden. Mcht lange darauf fassten die Dominikaner in Köln den Plan, den Juden auch Me iMrmdisch'ett ׳Schnften ZÄhalisarn zu. entreißen und die ganze rabbinische LitteratUr den Flammen zu' überliefern. Sie erhoben bei Kaiser Maximilian Klage, dasß der Talmud nichts als Schmähungen gegen den christlichen Glauben enthalte und dass er der Ausbreitung des Christenthums unter den Juden hinderlich sei. Sie bedienten sich dabei eines getauften Juden als Ankläger, des berücksichtigten Pfefferkorn, der in zahlreichen Schriften seine ehemaligen. Glaubensgenossen aller möglichen Verbrechen anklagte und das Heil des Christenthumes von der Vernichtung des Talmud abhängig machte. Da wurde Reuchlin der Retter der gefährdeten Schriften; er deckte das Lügengewebe der Kölner Dunkelmänner auf, wies alle vorgebrachten Beschuldigungen als grundlos zurück, sprach auch in seiner Verteidigungsschrift für den Talmud ein Wort aus, welches wie eine messianische Verkündigung dem Ohre der Juden erklang: Der Talmud könne als Besitz-, theil der Juden gar nicht genommen werden, denn diese seien von altersher Mtbürger des römischen Reiches mit uns und urüssten desselben Rechtes und Schutzes genießen. Nach Jahrhunderten tiefster Demüthigung hörten die Juden mit freudigem Erstaunen ihr althergebrachtes, heiliges Recht wieder anerkennen, und ein Strahl der Hoffnung gieng ihnen auf. Da trat ein zweites Ereignis bedeutsam und heilverkündend auf. Die Reformation zog siegreich durch die Lande, und der Mann, den die Vorsehung gewählt hätte, die römische Zwingburg.zu zerstören, Luther verkündigte 1523 in seiner Schrift: ״dass I. CH. ein geborener Jude sei" der Welt, dass das bisherige Verfahren 'gegen die Juden schweres Unrecht und alle Beschuldigungen gegen sie eitel Lügen seien. Er schreibt u. a. ״Wenn wir gleich hoch uns rühmen, so sind wir dennoch Heiden und^die ^uden von dem Geblüt Christi; wir sind Schwäger und Fremdlinge, sie siUd Blutfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn. Darumb wär mein Bitt und Rath, dass man säuberlich mit ihnen um gieng und aus der Schrift sie unterrichtet, so mochten ihr etliche herbeckommen. Aber nu wir sie nur mit Gewalt treiben und gehen mit Lügentheitigen umb, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblut haben, und weiß nicht, was des Narrenwerks mehr ist, dass man sie gleich für Hunden hält, was sollten wir guts an ihnen schaffen? Indem, dass man ihnen verbeut, unter uns zu arbeiten, hanthieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, danüt man sie zu wuchern treibt, wie sollten sie das bessern? Will man ihnen helfen, so muss man nicht des Papstes, sondern christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben, und sie freundlich annehmen und mit lassen werben und arbeiten, damit sie Ursach und Raum gewinnen, bei und umb uns zu sein, unser christlich Leben und Lehre zu hören und zu sehen. Ob etliche halsstarrig sin, was liegt daran? Sind wir doch nicht auch alle gute Christen?" So Luther . 1526 — welcher Gegensatz zu 1895 Stöcker und Cvnsorten?! Trotz solcher' Worte wurde es für die Juden noch lange "nicht besser. Erst seit der Mitte des vorigen Jahrh., seitdem, sich Moses Mendelssohn in der gesammten litterarischen Welt hohe Achtung erwarb, seitdem Lessing und Herder für die Emänzipation des Judenthums den Kampf des Judenthums unternahmen, seitdem die von Frankreich herüberdringende Aufklärung die Gleichheit aller Menschen und die Unveräußerlichkeit der Menschenrechte lehrte und die französische Revolution diese Ideen zu Rechtssätzen erhob, erst seit dieser Zeit ist die sociale Stellung der Juden in Deutschland eine bessere geworden. . ' . So die Autoren, die. wir wörtlich citirten, aus ihren 1866—1879 und 1877 erschienenen Schriften — was würden sie heute sagen, wenn sie die RedeU eines Stöcker, Ahlwardt, Lueger, Schneider, Gregorig und VergäUi hören würden. Ob sie 'dies auch christlich nennen würden? ׳;■'* Kleine Chronik Wien. Se. Majestät der Kaiser hat den Professoren des Clavierspieles am Wiener Conservatorium, Julius Epstein und Adolf Pr o s n i tz, das goldene Verdienstkreuz mit der Krone zu verleihen geruht. . 7 ' Wien. Im Tempel in der Seitensteftengasse, der feil: seiner Renovirung einen prächtigen Anblick bietet, fand Dienstag,, den 3. d. M., Mittags 12V2 Uhr, die Trauung des Fräuleins' Alice von Taus sig, Tochter des Herrn Theodor Ritter von T a u s s i g, mit Herrn Dr. August Wassermann aus Bamberg, in überaus erhebender Weise statt. Von den zu Ehren der edlen: Familie zahlreich erschienenen hochangesehenen Gästen seien hier, nur angeführt: Freiherr von Banhans, Intendant Baron von Bezecz ny, Ritter von Hahn, Ritter von GuLmann^ Ritter von Goldschmidt, Director Bauer, Ritter von Baue r, Kammervirtuos Alfred G r it it fei d, Gustav S i m o n, Hofschauspieler Hart mann 2c: Ein vom Chorpersonal und Obercantor Singer trefflichdurchgeführter Mahtomi leitete^ die Feierlichkeit ein, worauf Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann den Trauungsact vornahm, indem er in seiner Meisterhaften Ansprache es hervorhob, dass das Judenthum der Hausfrau eine hervorragende Stellung anweist, und sie auch zumeist die Trägerin des Hausfriedens und häuslichen Glückes sei. Mit dem. von Obercantor Singe r unter allgemeiner Aufmerksamkeit weihevoll vorgetragenen Segensspruche und dem darauf folgenden Festchor hatte die eigentliche synagogale Feier ihren Abschluss erreicht. Möge die Festesstimmung alle Betheiligte , auch weiter erfüllen und das junge Paar des Glückes theilhaftig werden, welches dem Edelmuthe der Familie von Taus sig in so hohem Maße gebührt. Äm Nachmittag nahm das Neuvermählte Paar׳ im prachtvollen Heim des Ritter von T a u s s i g in Hietzing die Gratulationen entgegen, wobei die vornehmste Wiener Gesell-. schüft vorsprach. Die in einem Saale ausgestellten Hochzeitsgescheute glichen einer ebenso reichen als kostbaren Sammlung erlesener Kunstwerke. Wien. Die türk. Israel. Gemeinde veranstaltete wie alljährlich, anlässlich der Thronbesteigung S r. M a j e st ä t d e s Kaisers, einen Festgottesdienst, an welchen sich die Bekleidung der armen Schulkinder der türk. ״Talmud-Thora" durch den Verein ״Halbascha" anschloss. Der schönen Feier wohnten die beiden. Präsidenten, Marcus M. Russo und Lieco Ad u tt mit dem gesammten Vorstande, sowie zahlreiche Gemeinde- Mitglieder und Damen bei. Nach einer Ansprache des Chächam P ap 0 recitirteObercantor B aU er einen ״Usunolla. nechoiia״ für die verstorbenen Mitglieder, worauf ein.Festpsalm, vorgetragen vom Synagogenchör unter Leitung des Chordirigenten Löwit, in weihevoller Weise die Feierlichkeit abschloss. Wien» Samstag, den 30. November fand in Kuhners Restauratton die vollständige Bekleidung von 152 jüdischem Kindern durch den Humanitären Verein ״Treubund" in feierlicher Weise statt. Die Feier, bei welcher sich der Protector des Vereines, Sr. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. M. Güdem a n n, und ein zahlreiches, sehr distinguirtes Publicum einfand, würde mit׳ dem Vortrage eines Mäh Towu ÖitrdE) Obercanror S ch orr von der polnischen Synagoge und' sein Chorpersonale eingeleitet. Hierauf hielt in Vertretung des erkrankten Obmannes

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