Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 29 (11.12.1895)
- Date
- 1895-12-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453335-3453364--4429-3458890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dir; 29. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeüunz Seite 5- - § 17. Dieses Pensionsnormale wird mit der Geltung vom 1. April 1895 erlassen. Troppau, am 29. September 1895. Judenverfolgungen im Mittelalter. Von A. Stein, Rabbiner in Sobieslau. (Schluss.) Die Verfolgung in Franken und Schwaben 1384 trug ganz offen den Charakter der Beraubung. Während in Nordlingen,^ Windsheim und Weißenburg , viel Judenblut stoß, begnügte man sich in Augsburg damit, 200 Juden gefangen zu setzen und von ihnen 22000 Gulden Lösegeld zu erpressen; ebenso kauften sich die Nürnberger Juden mit Geld los. Seit dem Anfänge des XV. Jahrhunderts fanden auch an vielen Orten Vertreibungen der Juden statt. Sie konnten durch die Obrigkeit in aller Form Rechtens erfolgen, denn seit 1349 hatten die Juden meist nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren das Aufenthaltsrecht erhalten; nach Ablauf derselben stand es im Belieben der Obrigkeit, sie länger zu dulden oder zu vertreiben. Seit der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts mehrten sich diese Austreibungen, besonders unter dem Einslusse des fanatischen Franciskanermönches Johann von Capistran, welcher durch seine Predigten überall die Landes- Herren und Obrigkeiten gegen die Juden einzunehmen suchte. So war es dahin gekommen, dass sie in einem großen Theile von Deutschland gar keine feste Niederlassung mehr haben, sondern nur gegen ein bestimmtes Geleitsgeld hindurchziehen, oder ihres Handels wegen ein paar Stunden oder Tage sich aufhalten durften. War ihre Stellung in den deutschen Ländern seit den Kreuzzügen jeder Zeit eine unsichere gewesen, so wurden sie doch erst am Schluffe des Mittelalters die ewigen Juden, welche ruchlos von Ort zu Ort ziehen, fast nirgends eine bleibende Stätte finden. Gesellschaftlich geächtet, in die Ghettos gesperrt, Resort wieder zu betreten, um mich für meine Weiterreise zu stärken, als eine Karawane phantastisch gekleideter Muhamedaner, welche von einer Pilgerfahrt vom Mosesgrabe auf dem Berge Nebo zurückkehrten, mit klingendem Spiel und unter Vorantragung der Fahne des Propheten das Gihonthal Heraufstiegen. Langsam und mit all der Umständlichkeit, welche arabische Processionen charakterisiren, bewegte sich die Karawane gegen das Jaffathor, wo der Pascha von Jerusalem, umgeben von den höchsten Staatsbeamten und Würdenträgern der Kirche, sie unter einem prächtigen Zelte empfieng. Die ganze Szene umher hatte ein so anükes und eigenartiges Gepräge, dass ich . mich unwillkürlich in das Mittelalter zurückversetzt fühlte. Ungefähr eine Meile vom Jaffathor oder BLb el Khallf entfernt, erhebt sich der ״Berg des bösen Raths", mit dem traditionellen Landhause des Hvhepriesters Kaiphas, in welchem die Juden den Tod Christi beriechen. Nur einen Büchsenschuß von dieser Stätte entfernt steht der sogenannte Judasbaum, au welchem sich Judas aus Neue über seinen Verrath an Christus aufgehängt haben soll. Ob dieser Baum mit dem in der Bibel identisch ist, will ich dahingestellt sein lassen, jedenfalls aber ist solcher uralt und schon deshalb als Merkwürdigkeit zu betrachten, weil er vollständig vertrocknet ist und seine sämmtlichen Aeste horizontal nach einer Richtung hin ausstreckt. Wir treten nun in das Thal, oder besser die Ebene von Rephaiin, in welcher David zwei Mal mit den. Philistern zusammenstieß. Rechts vom Wege zeigt sich die weitläufig und gut angelegte Kolonie der deutschen .Tempelgemeinde. ’ Eine breite Straße führt zu den sauberen, mit rochen Ziegeldächern versehenen Hausern, welche 'jeden Deutschen sofortmitder ganzen Kraft׳, des Heimathsgefühls־־ anziehen, vollends, wenn durch Zuchtgesetze an jeder redlichen Gewerblichkeir gehindert, durch gesonderte Kleidung dem Spotte, durch Schacher und Wucher dem Hasse preisgegeben, außerhalb jedes Verkehres mit der sie umgebenden ftöhlichen Welt, ohne feste, sicherere Heimat, ohne gesetzlichen Schutz für Leben und Habe — so finden wir sie am Ende des Mittelalters. Und doch konnten alle die Leiden und Bedrückungen ihre Geistesthätigkeit nicht lähmen. Ob auch die Sprache, die feine äußere Sitte und der Geschmack allmählich verfielen, der Sinn' für Anstand, Ebenmaß und gesellschaftliche Formen ihnen in dem Zustände der Isolierung verloren gehen musste, der Sinn fiir Wissen gieng ihnen trotzdem nicht verloren; in der heiligen Schrift suchten sie Trost und Hoffnung fiir die Znkunst, in dem liefen Gedankengange des Talmud kräftigte sich, wenn auch in Einseitigkeit, ihr Denkvermögen, in den Schriften der jüd. Philosophen erhoben sie sich über die finstere Gegenwart, sie niedriger gestellt als der Letzte Leibeigene, waren freie Fürsten im Reiche des Gedankens; ihre Synagoge wurde ihre Welt, wo sie im Gebete die Rettung unverschuldeter Pein erflehen dursten. Aber auch auf dem Gebiete allgemeinen Wissenschaften waren sie nicht Fremdlinge geblieben, waren vielmehr in einzelnen Zweigen derselben von hervorragender Leistung gewesen, so in Sprachkunde, Philosophie, Medizin, Botanik, Astronomie und Kosmographie; die Hochschulen von Montpellier und Salerno verdankten ihnen ihre Begründung. Ihre nie rastenden Feinde wollten sie auch aus diesem Besitzthum verdrängen, weil das Loos, das sie ihnen zugedacht hatten, sie zum abschreckenden Beispiele für die christliche Welt zu machen, sich erst dann vollständig erfüllen konnte, wenn die bereits politisch und sozial Erniedrigten auch geistig ertödtet wurden. Schon seit der Gründung der Universitäten von Prag. Heidelberg, Wien und Köln hatten die jüdischen Jünglinge sich in den Lehrsülen derselben zahlreich eingefunden, für die Vorlesungen aber den doppelten Preis zahlen müssen. Sie trügen die erihn schon auf dem Wege der schöne Willkom: ״Grüß Gott" geboten worden ist. . Die Straße von Betlehem zieht sich unweit der Kolonie am südöstlichen Rande der Rephaimebene weiter und fiihrt, zum Theil von jungen Weinbergen mit hohen Mauern begrenzt, an Abschluß derselben an einem griechischen Patriarchat gehörigen Landhause vorbei, das von schönen Baumgrnppen umgeben ist. Auf einer Anhöhe liegt das griechische Kloster Mar Elias, ein ansehnliches, von Ringmauern umfriedetes Gebäude. Die Straße führt jetzt an dem sogenannten ״Erbsenacker" vorbei, von dem folgende Geschichte erzählt wird : Christus soll einst zwischen Jerusalem und Betlehem einen Landmann angetroffen haben, der Erbsen säete. Auf die Frage Christi, was er säe, soll der Bauer mürrisch geantwortet haben: ״Ich säe Steine", was Christus zu der Aeußerung veranlasse: ״Was du säest, das sollst du ernten" . Und seit jener Zeit soll der Acker nur Steine getragen haben. Thatsache ist, dass jener Acker mit tausenden kleiner Steine bedeckt ist, während weit und breit kein ähnliches Grundstück anfzufinden ist. Wir kommen nun zu einem weiß getünchten, mit einer Kuppel bedeckten Gebäude, welches als das Grab der Rachel bekannt ist. Dieses Grab steht sowohl bei den Juden, dessen Eigenthnm es geworden ist. wie auch bei den Mohamedanern in großer Verehrung. Rachel war bekanntlich eine Tochter Labans und das Weib Jakobs und starb auf der Reise von Mesopotamien nach. Hebron. Im 1. Buch Moses, Capitel 35. Vers 19, heißt, es: ״Und Rachel starb und ward begraben am Weg gen Ephrat, häs, ist Betlehem." Und Jakob richtete ein Grabmal auf. dasselbe ist das Grabmal der Rachel bis auf den heutigen Tag.. י ' (SchlusH folgt.)