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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-12-01 · Heft 28 (1.12.1895) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 28 (1.12.1895)
Date
1895-12-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Talmud und jüdischer Religionsphilosophie geschult sein und die Kanzel muß den Religionsgedanken in seiner aufsteigenden Ent- Wicklung wiederspiegeln, aber nicht dem Sensationalismus Verfällen. :’ •־ " ' ׳; Bereits am Donnerstag Abend hätte Herr Dr. Hirsch einen tangeren Vortrag vor der Gesellschaft jüdischer Frauen im Tempel Emanuel gehalten über ״die Universalität des Judenthüms", welcher mit großer Begeisterung ausgenommen wurde. Diese Woche fanden die Jahresversammlungen zweier der bedeutendsten jüdischen WohlthätigkeitsgeseÜschaften statt. Am Sonntag war es das Heim für unheilbare Kranke, bekannt als das ״Montefiore-Home", welches seine Versammmlung abhielt. Der Präsident, Herr Jacob H. Schiff, hob in einem Bericht hervor, dass das Comite für Aufnahme von Patienten längst schon sich auf Zulassung der dringendsten Fälle beschränken musste, denn die Beschränktheit der Einnahmen lässt keine größere Ausdehnung zu. Die Zahl hilfloser Kranker, welche als unheilbar bezeichnet werden, scheint keine Grenzen zu haben. Es liegt die absolute Nothwendigkeit vor, für Kranke in den ersten Stadien der Lungenschwindsucht ein Asyl in, einem milden Klima zu schaffen, umsomehr, als es gefahrdrohend ist, Patienten so behaftet mit anderen Patienten unter einem Dache zu be- Herbergen. Für diesen Zweck wurden von Herrn Lyman G. Bloomingdäte die Summe von 25.000. Doll, ausgesetzt, und eine gleiche Summe von dem Präsidenten, um dieses Asyl gu verwirklichen. Indessen belaufen sich die regelmäßigen Ausgaben, welche zur Unterhaltung des Heims erforderlich sind, auf 75.000 Doll., während die Beiträge nur 50.000 Doll, ausmachen. . Wenn nicht durchgreifende Anstalten getroffen werden, das Einkommen zu erhöhen, so wäre es unklug, die Wohlthaten der Anstalt noch weiter auszudehnen. In der stattgefundenen Wahl wurden die folgenden Mitglieder des Directoriums gewählt: Die Herren L. G. Bloomingdale, Jsaac Eppinger, Samuel H. Eckmann, Louis Ganz, S. Neustadt, V. Henri Rothschild und Isidor Strauß, alle auf drei Jahre, Herr Selmar Heß auf ein Jahr. - In der Versammlung der Vereinigter: Wohlthätigkeits- Gesellschaften konnte der langjährige Präsident, der allgemein beliebte Henry Rice, den Vorsitz nicht führen, da er schon seit längerer Zeit erkrankt, aber jetzt wieder der Reconvalescenz entgegengeht. Es wurde im Ganzen 138,895.11 Doll, verausgabt, und zwar an regelmäßigen monatlichen Geldunterstützungen 18,498 Doll.; gelegentliche Unterstützungen 37,-712 Doll.; für Beförderungen ins Innere des Landes und nach Europa 16,354 Doll.; für Kleidungsstücke, Heizungs-Material 14,354 Doll.; ärztliche Hilfe und Wöchnerinnen-Unterstützung 11,765 Doll.; für Frei-Begräbniße 5315 Doll. — Ausgaben für Arbeitsversorgungs-Bureau 5863 Doll., Industrie-Schule 2850 Doll., unklassifizirbare Ausgaben 26.180. Ansprachen wurden gehalten von den Rabbinern Dr. H. Pereira Mendes, Dr. Köhler und Dr. Emil G. Hirsch von Chikago, sowie den Herren Lewis, May, Henry I. Allen, Jsaac S. Jsaacs und S. D. Lewy. Bei der, stattgefundenen Wahl wurden die folgenden Herren als Directoren erkoren: Nathan Byur, Morris S. Barnet, Marks Fischet, Henry Goldmann, Isidore S. Korn, Samuel D. Levy, Dr. Alfred Meyer, Moses Newborg, Morris Rindskopf, Cyrus. L. Sulzberger, David Untermeyer und Alfred L. W. Ballawa. Herr Georg Alexander Kohut, Sohn des verstorbenen Rabbiners Dr. Alexander Kohut,,- wird am nächsten .Dienstag eine Reise nach Deutschland antreten, um in einem zweijährigen Cursus seine Studien im Rabbiner-Seminar zu Berlin zn vollenden. Judenverfolgungen im Mittelalter. Von A. Stein, Rabbiner in Sobieslau. (Fortsetzung). Schon bald nachher wohnten überall, wo die Verfolgung gewüthet hatte, wieder Juden, und sie scheinen Ruhe und Frieden genossen zu haben, bis 1146, wo der zweite Kreuzzug unternommen wurde. Damals erklärte der Papst die Kreuzfahrer für befreit von allen Judenschulden, und Peter von Clugny rieth, um mehr Mittel für den Kreuzzug zu gewinnen, die Juden, wenn auch nicht zu tödten, doch ihres in schmählicher Weise gewonnenen Vermögens zu berauben. Jetzt stellten sich auch die Bürger in Deutschland, die während des ersten Kreuz» znges die Juden noch oft geschützt hatten, ihnen feindselig gegenüber; nur einzelne Fürsten waren bereit, sie in ihren Burgen zrr schützen. .Möglich ist es, dass damals schon die Ermordung der Juden von den lästigen Gläubigern befreien sollte. Bei dem Ueberfall der Würzburger Judengemeinde wurde vorgegeben, dass die Juden einen Christen ermordet und seinen Leichnam zerstückelt hätten. In! 12. und 13. Jahrhundert kamen zahlreiche locale Verfolgungen vor, bei denen es wohl weniger auf die Bekehrung der Juden, als auf ihre Beraubung abgesehen war. Die verschiedensten Verbrechen wurden ihnen Schuld gegeben, um nicht blos die einzelnen, welche in die Untersuchung verwickelt wurden, sondern ganze Gemeinden nicht blos eines Ortes, sondern auch großer Landstriche mit Wegnahme des Vermögens und Todesstrafen heimzusuchen. Weit verbreitet war der Glaube, dass die Juden Christenkinder tödteten und ihr Blut beim Pasiachfeste verwendeten, obgleich selbst Papst Jnnoceuz IV. in einer Bulle schrieb: ״Während die heil. Schrift sagt: du sollst nicht tödten, und ihnen verbietet, am Passahfeste Todtes zu berühren, erheben jene die falsche Beschuldigung. Man glaubt, dass das Gesetz . es ihnen befähle, während es doch offenbar es ihnen gerade untersagt." Noch im Jahre 1834 hat dieser Wahn am Rhein die Verwüstung von Wohnungen der Juden und die Zerstörung einer Synagoge zur Folge. Und die neueste Zeit!! — Hat das 19. Jahrhundert an seiner Neige nicht oft aufgewühlt diesen Pfuhl menschlicher Bosheit und Rohheit?! Vereinzelte Verfolgungen fanden fast in jedem Jahre statt, aber 1298 wälzte sich ein neuer Sturm unter Anführung des fränkischen Edelmannes Rindfleisch von Ort zu Ort. Diesmal war es ein neuer Vorwand, die Juden hätten eine Hostie im Mörser gestoßen, aus ihr sei Blut in so großer Menge geflossen, dass sie es nicht mehr verbergen konnten. Diesem albernen Märchen fielen Unzählige in ganz Franken, Baiern und Oesterreich' zum Opfer. In den Jahren 1336 bis 1338 wüthele in Elsaß, in Schweden und Franken unter der Anführung von Armleder eine furchtbare Verfolgung. Zu gleicher Zeit gab eine angebliche Hostienschändung in Deggendorf (1338) den erwünschten Anlass zu gleichen Szenen in Baiern. Herzog Albrecht von Oesterreich wandte sich 1338 an den Papst und sprach unverhohlen aus, dass die Verfolgung der Juden in den Städten des Passauer Bisthums unter dem Vorwände der Hostienschändung nur die Beraubung der Juden zum Zwecke habe, denn ohne Beobachtung irgend eines rechtlichen Verfahrens und ohne Zuziehung der

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