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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-12-01 · Heft 28 (1.12.1895) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 28 (1.12.1895)
Date
1895-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. Gesterreichisch-ungarische Lantaren-Zeitung. Nr. 28. Die Herren von der Repräsentanz könnten ja die einzelnen Functionen ehrenhalber untereinander theilen und gleichzeiüg auch abwechselnd die Mission des ״Zehnten". beim Vorbeten übernehmen? Das gebe ja eine ganz colossale Ersparnis im Cultusbudget und würde sicherlich Dank und Anerkennung bei der großen Mehrzahl der indifferenten Gemeindemitglieder finden, die die Last der Cultussteuer ohnehin recht unwillig tragen. Allein einen Haken hätte die Geschichte dennoch. Die Herren müssten täglich in den Tempel gehen, und das ist, wie bekannt, gemeiniglich nicht gerade eine Lieblingsbeschäftigung der Herren Vvrstcher. Von gesetzeskundiger Seite hören wir den Einwand: Ja, die Anstellung eines Rabbiners ist gesetzlich bedingt. Nun denn, wenn das jüdische Cultusgesetz noch Berücksichtigung findet und die Autoren des Prager Statutenentwurfes demselben sich gleich? falls unterwerfen müssen, dann erlauben wir uns ganz ergebenst zu bemerken, dass auch die Cantoren in diesem Gesetze einigen Schutz finden, und wir verweisen diesbezüglich auf eine ganz klare und unzweideutige Enunziatiön der hohen Regierung, die in dem kürzlich von uns.veröffentlichten Musterstatute der böhmischen Cultusgemeinden (VII. Abschnitt) enthalten ist.. Daselbst heißt es: ׳ ״Selbstverständlich bleibt es jeder Cultusgemeinde unbenommen, die Bestimmungen dieses Abschnittes (er handelt bekanntlich von den Religionsdienern und den sonstigen Functionären der Cultusgemeinde) ihren Verhältnißen und Bedürfnißen. was die Bestellung der benöthigten Functionäre, ihre Rechte und Pflichten anbelangt, änzupassen, wobei daran f e stzuhalten ist, dass als Religionsdiener im Sinne des § 10 des Jsraeliten-Gesetz es alle jene Angestellten anzusehen sind, welche seelsorgliche und überhaupt religiöse oder rituelle Functionen zu besorgen haben, a l s o n i ch t nur Rabbiner, sondern auch Religionsweiser, Vorbeter (wie Cantoren, Schulsinger rc.)." Zur Ehrenrettung der Prager Repräsentanz möchten wir gerne annehmen, dass wir bezüglich der Abfassung des Statutes überhaupt falsch berichtet sind, denn es scheint uns geradezu undenkbar, dass Männer von Wissen und Intelligenz — und solche sind doch sicherlich in dieser Körperschaft zahlreich vertreten — nach Kenntnisnahme der citirten Bestimmungen des Musterstatutes noch immer in der Frage der Anerkennung der Cantoren als Religionsdiener auf dem Standpunkte der Negation beharren können. Sollte dies aber dennoch der Fall sein, denn mögen unsere Berussgenossen sich darüber nicht allzusehr grämen, denn das eine ist gewiss : Kein Gemeindestatut wird die behördliche Genehmigung erlangen, welches dem Cantor die ihm in der Cultusorganisation gebichrende Stellung vorenthält oder etwa über diesen Functionär mit Stillschweigen hinweggeht. Der österr.-ungar. Cantoren-Verein und auch die österr.- Ungar. Cantoren-Zeitung, die sich bisher als so eifrige Anwälte der Berussgenossenschast bewährt haben, werden auch fernerhin nach dieser Richtung die Augen offen behalten und die Interessen ihrer Collegen an rechter Stelle und zur rechten Zeit zu vertreten wissen. Aber auch die Letzteren müssen ihre Pflicht «Pillen und nicht nur in dieser, sondern auch in allen übrigen Fragen des Berufslebens uns treu und unentwegt zur Seite flchen. - ■ __ - ־. ' . —y> . Modernes Iudrnthum. Mitgetheilt von Reverend Osias Hochglück, Lliuister ok Congregation B’nai Israel, New-York. New-Iork, den 4. November 1895. Die Gemeinde Tempel Beth-El begeht alljährlich mit pietätsvoller Erinnerung die Feier des Sterbetages des geliebten Rabbiners, Predigers und ׳Lehrers Dr. David Einhorn, und auch am vergangenen Freitag Abend wurde den Manen des bahnbrechenden Reformators ein glänzender Tribut gezollt und zwar von dem weit bekannten, gelehrten Kanzelredner. Dr. Emil G. Hirsch aus Chicago, welcher auf ein paar Tage hier weilte. Gleich Dr. Köhler, Rabbiner der Beth-El Gemeinde, wohl einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten Amerikas, . ist auch er ein Schwiegersohn des Verstorbenen. Der große Tempel war von einer andächtig lauschenden Gemeinde gefüllt. In beredten Worten schilderte der Redner die große, kühne und muthige Arbeit der Pionniere des Reform-Judenthums, welche das Judenthum aus den mächtigen Banden mittelalterlicher Schranken befreiten und den Charakter desselben als Religion des Menschenthums zur Geltung zu bringen suchten. Die Einhorn, Geiger, Hirsch, Meyer, Wechsler, und wie die Geistes- Heroen alle heißen, welche den Juden klar machten, dass das Judenthum keine erdrückende Last sei und zu sein brauchte, dass Ceremonien und abschließende Gebräuche nur Mittel waren, den Religionsgedanken durch Erziehung in's Fleisch und Blut des practischen Lebens eindringen zu machen, waren die Retter des Judenthums, sie waren es, welche tief in den Geist des Judeuthums untertauchten und das lebendige Wasser geistiger und moralischer Erhebung zum sprudelnden Quell des Neu anbrechenden Culturlebens machten. ״Zur. Bibel zurück" ist die Parole der Dunkelmänner der Jetztzeit, wie es die Parole der Dunkelmänner der dreißiger und vierziger Jahre war. ״Zurück zum Talmud", aber der Ruf ist heute so trügerisch, wie er damals war. Die Bibel ist nur eine Phase, eine Stufe indem Entwicklungsprozeß des Judenthums, der Talmudismus eine weitere Stufe, die Neligionsphilosophie des Mittelalters eme andere Stufe, und der Reformsturm voreinem halben Jahrhundert ebenfalls nur eine Stufe. Wir treten wieder und sind wieder eingetreten in eine höhere Stufe, wir stehen auf den Schultern der Vergangenheit, aber auch auf der lichten Sonnenhöhe der Anschauung, und der Entwicklungsgang des Religicmslebens ist ein stets fortschreitender. Da gibt es keinen Rückgang, ebensowenig wie es einen Rückgang in dem Fortschritt der Menschheit giebt. Freilich, unsere Gegner heutigen Tages sind die seichten Halbwisser, die mit Rationalismus, Evolution und Agnosticismus um sich werfen, um die Blöße ihres Jndifferentismus gegen alles ideale Streben zu verdecken. Nationalismus schafft kein Ideal, erobert nicht den Compaß, der allein die Richtung nach geistigem Streben vorzeichnet. Die Propheten, welche die Welt in die Bahn Gott-durchdrungenen Morallebens lenkten, waren mit reicher Phantasie begabt, so waren es all die großen Lehrer, Führer Und Reformatoren der Menschheit. Evolution auf wissenschaftlicher Theorie mag ja auf Wahrheit beruhen, aber der lebendige Gott, die alles durchdringende Urkraft ist damit nicht aus der Welt geschafft. Die Reformer, ja die Radical-Reformer, sie sind die wahren Erhalter des Judenthums, aber nur die Reform, welche die Leiter nicht wegwirft, welche die Jetztzeit mit den Ge.istesschöpfuugen der der Vergangenheit verbindet. Der Rabbiner muß in Bibel,

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