Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 27 (21.11.1895)
- Date
- 1895-11-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 27. Mission des Menschen liegt in dieser Auffassung! Diese Beschämung wehrt aber unser Kaiser von uns ab, ״der es gerne sieht, dass wir Ans als treue Söhne des Landes fühlen". Hört Ihr, Ihr modernen Ghettoerbauer, Ihr Söhne der Finsternis? Unser Monarch sieht in uns gerne treue Söhne des Landes, nicht Fremdlinge, wie Ihr meint. Wo bleibt Eure Liebe zum Kaiser, deren Ihr Euch rühmet, wenn Ihr Allerhöchstdemselben die Freude, in den Israeliten treue Söhne seiner Länder sehen zu können, nehmen wollet?-. Das goldene Herz des Monarchen sei gepriesen. יחי המלך לעולם! _ R-i. Gebet und Vorbeter. von Dr. K a h a n, Leipzig. Das Gebet ist seinem innersten Wesen nach der Erguß des Herzens vor Gott und schließt somit eine voraus festgesetzte Form oder gar eine von Anderen vorgeschriebene Norm vollständig aus. Und doch bilden gerade die zum Theil Jahrtausende alten Gebete den Hauptbestandtheil unseres Gottesdienstes, und manche müssen uns sogar von Anderen vorgebetet werden, so dass ein öffentlicher Gottesdienst ohne Vorbeter für uns undenkbar ist. Wie ist das zu erklären? Allerdings kennt die biblische Zeit, mit sehr wenig Ausnahmen, weder ein vorgeschriebenes Gebet noch einen Vorbeter. Die wenigen Gebete, welche uns in der Bibel im Wortlaut vorliegen, sind gewissermaßen Gelegenheitsgebete, im Augenblick und für den Augenblick erzeugt, so das rührend schlichte Gebet Jacobs, welches er zu Gott richtete, als ihm von Esau Gefahr zu drohen chien (I M. 32, 10—13). Bei dem großen Gebete Salomos (I Kön. 8, 23—53) könnten wir zwar eine vorher ge Conception annehmeu, aber bei einem Salomo darf uns felst ein extemporiertes und doch, schön gegliedertes Gebet nicht Wunder nehmen. Zudem erfleht er von Gott Erhörung für ״jedes Gebet, jedes Flehen, welches irgend ein Mensch vom Volke Israel erheben würde — da ein jeder die Wunde seines Herzens kennt (B. 38)". Er fleht also nicht um Erhörung irgend bereits vorhandener, besttmmter Gebete, da es zu jener Zeit einem Jeden frei gestellt war, was er betete und wie er die Wünsche seines Herzens vorttug. Nur zweimal finden sich fertige Gebete, die man bei besttmmteu Anlässen vorttagen musste: einmal bei der Darbringung der Erstliugsfrüchte (5 M. 26, 5—10) und wiederum bei Abgabe des Zehnten im dritten Jahr (Das. 13—15). Die Absingung von Psalmen durch die Leviten bildet hievon keine Ausnahme, da diese mehr Hymnen als Gebete waren. Allerdings finden sich in der späteren Zeit Anklänge, die sogar an unsere Vorbeter erinnern. So berichtet Nehemia (11,17) von einem Leviten Mattanja, ״dem Vorsänger, der den Lobgesaug anstimmte beim Gebet". Dazu kommt noch die geschichtliche Jllustraüon (9,5), wo mehrere Leviten das versammelte Volk zu einem langen Gebet mit den Worten aufforderten: ״Auf, preiset den Ewigen, unseren Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!" Wir dürfen wohl hierin den Ursprung zu unserem ברכו erblicken, zugleich aber ist uns vielleicht damit der Schlüssel zur Lösung des Räthsels gegeben, wie die Entstehung eines Vorbeters möglich geworden. Das Volk war daran gewöhnt, den Leviten in stiller Andacht zu lauschen, wenn sie beim Opferdienst oder sonst bei feierlichen Versammlungen die Psalmen mit lauter Sttmme und vielleicht mit schöner, angemessener Melodie vortrugen. Mit der Zeit warö es auch zufrieden, wenn ihm der Vorsänger die Wünsche der der Gesammtheit in wohlgesetzten Worten v o r b e te t e, wobei es doch Keinem verwehrt war, sein beschwertes Herz in ein freies Gebet nachträglich zu ergießen. Als aber die Kenntnis der heiligen Sprache dem Volke verloren gieng, welches dennoch zn seinem Gotte in der Sprache seiner Väter beten wollte, war es vollständig auf einen kundigen Vorbeter angewiesen, der ihnen theils das Loh'rna und die bereits festgestellte Tefilla, theils aber eigene Gebetsstücke vorzutragen verstand. So erklärt sich der Umstand, dass mit dem Verfall der hebräischen Sprache die Vorbeter zn großem Ansehen — bezieht doch der Midrasch die Worte כשושנה כין החוחים auf den Vorbeter in der. unkundigen Gemeinde — und sogar zu größerer Macht und Autorität als die Rabbinen gelangten. (Zunz, ״der Ritus des synagogalen Gottesdienstes".) Im Talmud begegnen wir öfters Berichten von Vorbetern, die für ihre Gebete von den Gelehrten bald gelobt, bald getadelt wurden. Der עובר לפני החיכח hatte durchaus freies Spiel. Ein Vorbeter hatte einmal sehr lange Gebete vorgetragen, man beklagte sich darüber. Darauf Rabbi Elieser: ״Hat er denn länger gebetet als Mose, der vierzig Tage und vierzig Nächte gebetet hat?" — Wiederum ein anderer Vorbeter hatte es sehr kurz gemacht. — ״Hat er sich denn kürzer gefasst als Mose, der blos betete: ״O Gott, heile sie doch" (öeraehot 34 a). Diese Freiheit benutzten die Vorbeter reichlich, um den Gottesdienst an Fest- und Fastlagen mit Gebeten und Piutim auszuschmücken, so dass der ganze Ritus als von Vorbetern ausgebildet sich darstellt. Manche Geonim sträubten sich bisweilen gegen die Ueberwucherung des Gebetes mit Piutim und verlangten, dass man einen piutkundigen Vorbeter nicht zulassen oder gar absetzen sollte. Allein der Brauch hat anders entschieden. Beliebte Stücke fanden ihren Weg 31t den verschiedenen Gemeinden und erlangten Bürgerrecht, dagegen konnte selbst ein Saadia Gaon nichts ansrichten. Ja sogar eine schöne Melodie verschaffte einem ganz werthlosen und aller Poesie baren Text hohes Ansehen, und die Gemeinden ließen sich die schöne Melodie durchaus nicht nehmen. Der לבוש beklagt sich darüber, dass er vergebens dem Vorbeter einen anderen Text statt des כל נדרי vorgelegt hätte, da die Melodie zum neuen Texte nicht gut passen wollte. Soll es uns aber überhaupt Wunder nehmen, dass der Vorbeter solchen Einfluss erlangen konnte? War doch das Gebet nach Wegfall des Opferdienstes im Laufe der Jahrhunderte zum Mittelpuntt geworden/um welchen nicht nur das religiöse Israel, sondern auch das poetische und denkende, ja auch das politische Israel sich bewegte. Das Gebet bildete das nationale Band unter den weithin versprengten Gemeinden. Im Gebet wurde die nationale Vergangenheit lebendig erhalten, im Gebet drückte Israel seine Hoffnungen für die Zukunft aus, im Gebet fand der Dichter und Philosoph ein weites Feld der Bethätigung, das Gebet — ״diese Schatzkammer von Religion und Geschichte, von Poesie und Philosophie" — musste auch von seinem Glanze einen großen Theil auf seinen Fortbildner und ständigen Vertreter werfen. Es konnte allerdings nicht fehlen, dass nicht überall sich dieselben Texte und Melodien einbürgerten, da eben der Ritus keine einheitliche Ausbildung erfuhr, sondern von dem Geschick des Vorbeters und dem Geschmack der Gemeinde abhieng. Daher die verschiedenen Riten, welche' sich trotz der fteren Feststellung in den, סדרים der ®eontm, Cohen Zedek ini