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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-11-21 · Heft 27 (21.11.1895) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 27 (21.11.1895)
Date
1895-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Geister der Nacht ״s pucke u" am Hellen Tage, mit ihrem Gifthauch die Atmosphäre verpestend. Den Gesetzen der Duldung, den Vorschriften ihrer Religion der Liebe Hohn sprechend, ziehen Delatoren von Straße zu Straße, von Wirths- Haus zu Wirthshaus, Hass und Verachtung gegen ein Volk predigend, auf dessen Warte die lichtumflossene Tricolore mit den Worten: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", gehisst ist. Jll der Vermummung des Volksbeglückers tritt die Eulenspiegelei entweihend in die Heiligthümer der Menschheit ein, um die Lauge der Bosheit über Israel auszuschütten. Nicht vergeblich! Die am Leumund unserer Nation nagende Verläumdung hat schon eine stattliche, gläubige Gemeinde großgezogen, die Saat der Lüge bereits herrliche Früchte gezeitigt, die erlogenen Popanze sind nicht ohne Eindruck geblieben, denn das bethörte Volk erblickt im Geklingel der Schellenkappen ihrer Verführer den Lockruf zum Einzuge in ein Eldorado, und die Mehrheit der Wählerschaft in der durch die Juden zur 66016818. pressa gewordenen Reichshaupt- und Residenzstadt trägt die Ritter der traurigen Gestalt, die Aufwühler der Leidenschaften, die Fanatisirer der Gemüther zur ersehnten Höhe, den Hohepriester der Demagogie aber zum curulischen Stuhle empor. Da, wie vom mächtigem Horizonte der Wetterstrahl herniederfährt, die starke, schattenreiche Eiche fällend, fällt das diesem Willen die Sanction versagende Machtwort unseres geliebten Kaisers mitten in diesen Taumel hinein. Der gute Kaiser will ihn nicht, den Einen, den Reinen, den Leonidas der Spelunken. Was um־ Juden darin erblicken? Unter Anderem nichts Geringeres als die schärfste V e r ur t h ei l u n g der a n t i s e m i t i s ch e n L e h r e n von allerhöchste r Stelle. fix מלך במשפט יעמיד! Unser glorreicher Monarch, der Stolz aller Völker des Reiches, die Perle des Jahrhunderts, der Tröster und Schützer aller seiner Unterthanen ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens hat durch diese Enuuciation gezeigt, dass er die Verdienste seiner jüdischen Unterthanen nicht übersieht. Se. Majestät weiß, dass die Treue der Juden zum Hause Habsburg, ihre Pflichterfüllung dem Staate und allen Postulaten der Zeit gegenüber, ihre makellose dynastische Gesinnung und ihr glühender Patriotisnnls sowohl im jüdischen Herzen wurzeln als auch in den Vorschriften der jüdischen Religion fußen, er hat mit seinem erleuchteten ״Nein" vom 5. November lindernden Balsam in unsere blutenden Wunden geträufelt und doeumentirt, dass sein kaiserliches Herz die Judenheit liebt und schützt. מלך שופט באמת דלים• D a n k, hei ß e n D a n k F r a n z Josef dem Gütigen, den Gottes Allgüte geküsst. Dieser Fall der Vernrtheilung antisemitischer Heilslehren aus allerhöchstem Munde steht in jüngster Zeit nicht vereinzelt da. Erst vor vier Wochen, am 14. October, hat unser erhabener Herrscher einen ähnlichen Beweis seiner wahrhaft Königlichen Gesinnung, seiner hehren Denkungsart und seiner vielgepriesenen Gerechtigkeitsliebe gegeben. Man erinnere sich nur an die Antwort, die Se. Majestät der Deputation der israelitischen Gemeinde in Agram ertheilte. ״Ich höre es gerne, dass Sie sich als treue Söhne des Landes fühlen," lauteten die goldenen Worte Sr. Majestät. Wie edel und gerecht, wie majestätisch und weise, wie gottgefällig und menschenfreundlich klingt dieser Ausspruch! Unter den unzähligen Giftpflanzen, mit denen die antisemitische Moral das Eden der Menschheit bereichert, hat keine gefährkichere Früchte getragen als ihr Baum der Erkenntnis, der, im tiefsten Sumpfe stehend, die Giftlehre exspirirt, dass die einheimischen Juden Fremdlinge in diesen Landen wären. Diese Irrlehre der Abstoßung, wie viel Unheil hat sie angerichtet, wie viel Bitternis und Kummer den Israeliten gebracht! Und wie jämmerlich stünde es um die Wahrheit, wenn die Behauptung wahr wäre. Wir sollten die Stiefsöhne sein des Landes sein dem wir angehören, des Landes, für dessen Aufblühen und Gedeihen wir willig Gut und Blut opfern, des Landes, dessen Wohl und Wehe mit unserem Dasein parallel läuft׳? Wir minderwerthig und fremd, einzig und allein deshalb, weit wir den Vater aller Menschen in anderer Form verehren gelernt? Welche niedrige Gesinnung, welche Entweihung der heiligen

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